Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

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Dunkle Kapitel der Geschichte

Periodisch nimmt die schweizerische Öffentlichkeit Kenntnis von schwerwiegenden Missständen, Missbräuchen und Übergriffen im Sozialbereich. Häufig sind Kinder die Hauptbetroffenen. Gerade Waisenhäuser, Kinderheime und Erziehungsanstalten der Schweiz waren immer wieder mit Geschichten von demütigenden Misshandlungen und brutalen Übergriffen verknüpft. Es ist wichtig, solche von Mauern des Verschweigens verdeckte Vorgänge in die gesellschaftliche Wahrnehmung zu rücken, um auf Verbesserungen hinzuarbeiten. Melden Sie sich bei uns schriftlich, telefonisch oder per e-mail! Sie können dazu auch den Fragebogen über ihre Heimerfahrungen ausdrucken, ausfüllen und einsenden.


Das unmenschliche Verdingkindersystem, das schon Jeremias Gotthelf anprangerte, hielt sich bis in die 1970er Jahre, während die Kinderarbeit in schweizerischen Fabriken 1877 verboten wurde.
Bis in die 1930er Jahre mussten kleine Spazzacamini aus dem Tessin und anderen Alpentälern als Kindersklaven zur Reinigung von Kaminen in Oberitalien und Frankreich arbeiten.
Ein Grossteil der Kinder aus der Minderheit der Jenischen wurden von 1926 bis 1973 vom so genannten "Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse" der Pro Juventute systematisch und gewaltsam aus ihren Familien gerissen. Sie wurden isoliert in Heimen, als Verdingkinder oder als Adoptivkinder fremdplatziert, um sie ihrer Herkunftskultur zu entfremden. Mitbeteiligt an dieser Aktion waren auch der Kanton Schwyz und die Seraphischen Liebeswerke Solothurn, Zug, Luzern und Graubünden.
Wegen Verhaltensweisen, die heute gesellschaftlich akzeptiert sind, wie Schminken, nächtlicher Ausgang in Tanzlokale oder frühe Freundschaften, wurden bis zur Aufhebung der menschenrechtswidrigen Gesetze zur administrativen Versorgung im Jahr 1981 viele Jugendliche ohne Gerichtsurteil jahrelang in Strafanstalten gesperrt, beispielsweise ins Frauenzuchthaus Hindelbank, aber auch in viele andere Strafanstalten und Zwangsarbeitsanstalten wie Bellechasse, Witzwil, St. Johannsen, Schachen Deitingen, Kappel, Rossau, Kaltbach, Bitzi, Kalchrain, Kreckelhof, Realta usw.. Dort waren auch viele Erwachsene administrativ interniert. Alle administrativ Internierten und die meisten Verding- und Heimkinder mussten unter Zwang und Schikanen ohne Lohn harte Arbeit leisten. Oft litten die Gesundheit und die Ausbildung der Betroffenen darunter. Administrativhaft wird in der Schweiz nach wie vor durchgeführt, und zwar gegen Ausländer, denen kein Aufenthaltsrecht in der Schweiz zugebilligt wird; sie können bis zu 18 Monaten in Haft genommen werden, sollten aber in weniger streng geführten Gefängnissen inhaftiert werden als Strafgefangene, was kantonal unterschiedlich gehandhabt wird. (Siehe dazu die Website der Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter, Rubrik Ausländerrechtliche Administrativhaft). Von der aussländerrechtlichen Administrativhaft sind auch Jugendliche ab 15 Jahren und junge Erwachsene betroffen.

 

Entschuldigungen und Aufarbeitung

Für einige dieser zerstörerischen Machtmissbräuche durch unkontrollierte, institutionell gedeckte Täter und Täterinnen haben sich Nachfolger oder Nachfolgerinnen der früher für diese Bereiche Zuständigen bei den Geschädigten entschuldigt.
Bundespräsident Alphons Egli entschuldigte sich am 3. Juni 1986 gegenüber den jenischen "Kindern der Landstrasse", die ab 1988 geringfügige Summen als "Wiedergutmachung" erhielten.
Die Zürcher Stadträtin Monika Stocker entschuldigte sich am 12. März 2002 bei den Opfern von Zwangsmassnahmen, beispelsweise Zwangssterilisationen, Anstaltseinweisungen und Kindswegnahmen, welche die Stadtzürcher Vormundschaftsbehörde in früheren Jahrzehnten durchgesetzt hatte.
Am 10. September 2010 entschuldigte sich Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf zusammen mit kantonalen Zuständigen in Hindelbank bei den dorthin administrativ Eingewiesenen. Am 11. April 2013 entschuldigten sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga,  Bischof Markus Büchel als Vertreter der Landeskirchen, der Präsident des Bauernverbands sowie Vertreter der  Kantone, Gemeinden und Heimverbände bei Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen vor 1981.


Im weiteren hat der im Januar 2013 ernannte bundesrätliche Delegierte für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen Hansruedi Stadler zu einem Runden Tisch eingeladen, um die Fragen um Anlaufstellen, Aktensicherung und Aktenzugang, landesweit finanzierte historische Aufarbeitung und einheitliche finanzielle Entschädigungsregelung zu klären. Die erste Sitzung des Runden Tischs, der paritätisch aus 22 Personen zusammengesetzt ist, welche zur Hälfte die ehemaligen Täterorganisationen, zur anderen Hälfte die Opferseite vertreten, ergänzt durch wissenschaftliche ExpertINNen, fand am 13. Juni 2013 im Kursaal Bern statt. Die Anträge der Organisationen der Opferseite wurden entgegengenommen. Eine Studie zum Vergleich des Vorgehens anderer Länder wurde in Auftrag gegeben, die Schweizerische Gesellschaft für Geschichte wurde mit der Ausarbeitung eines Konzepts zur historischen Aufarbeitung beauftragt.

An der 2. Sitzung des Runden Tischs vom 25. Oktober 2013 gab der Delegierte Hansruedi Stadler seinen Rücktritt bekannt, sein Nachfolger ist

Luzius Mader, stellvertrender Direktor des Bundesamts für Justiz.

Eine  finanzielle Soforthilfe für bedürftige Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen vor 1981 wird auf Gesuch an einen Ausschuss des Runden Tischs hin ausbezahlt. Die näheren Angaben dazu finden Sie auf www.fuersorgerischezwangsmassnahmen.ch

Dort finden sie seit dem 17. April 2014 auch das Gesuchsformular für die Soforthilfe für finanziell schlecht gestellte Opfer mit einer Wegleitung. Sie können es selber oder mit Hilfe weitere Personen ausfüllen und einsenden. Die Gesuche werden ab Juni 2014 behandelt und Zahlungen zwischen 4000.- und 12000 Franken werden ab September 2014 ausbezahlt, die Eingabefrist läuft am 30. Juni 2015 ab.

Weiter finden sie dort den Bericht des Runden Tischs für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen vom 1. Juli 2014 mit Hintergrundinformationen, Testimonials von Betroffenen und einem Überblick über bereits getroffene sowie vorgeschlagene Massnahmen zur Aufarbeitung dieser Thematik, welche auch Zwangssterilisationen, Zwangsadoptionen, Fremdplatzierungen und Medikamentenversuche umfasst.

Insbesondere schlägt der Bericht die Schaffung einer gesetzlichen Grundlage für einen Solidaritätsfonds zur Auszahlung substantieller finanzieller Abgeltungen des erlittenen Unrechts an alle Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen oder Fremdplatzierungen vor 1981 vor, nicht nur, wie der bestehende Soforthilfefonds, an heute noch in finanzieller Notlage lebende Betroffene.

Betroffene können sich  auch persönlich bei den kantonalen Opferhilfestellen oder beim Delegierten für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, Luzius Mader, Bundesamt für Justiz, Bundesrain 20, 3003 Bern melden, schriftlich, per Telefon (031 322 42 84, Mittwoch und Donnerstags, jeweils nachmittags) oder via

www.füersorgerischezwangsmassnahmen.ch


Rehabilitation der Administrativ Internierten

Am 4. Dezember 2013 hat der schweizerische Nationalrat dem Gesetzesvorschlag zur Anerkennung des Unrechts an den Administrativ Versorgten mit grosser Mehrheit zugestimmt. Hier das Protokoll des Traktandums im Volltext.

Am 10. März 2014 stimmte auch der Ständerat zu, hier das Protokoll.

Das Gesetz wurde am 1. August 2014  in Kraft gesetzt.

Am 5. November 2014 ernannte der Bundesrat eine Unabhängige Expertenkommission zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der administrativen Versorgungen vor 1981, siehe Medienmitteilung.

Medienmitteilung des Bundesrats vom 5. November 2014 (D)

Medienmitteilung des Bundesrats vom 5. November 2014 (F)

Medienmitteilung des Bundesrats vom 5. November 2014 (I)


Volksinitiative zur Wiedergutmachung

Die Guido Fluri-Stiftung hatte am 10. Juli 2012 angekündigt, falls die ehemalige Täterseite, insbesondere auch die staatlichen Institutionen, welche Zwangsmassnahmen verfügten, bis Frühjahr 2014 keine angemessene Aufarbeitungs- und Entschädigungsregelung vorlegen könne, starte sie eine Volksinitiative mit diesem Ziel.

Die von der Guido Fluri-Stiftung getragene Volksinitiative ist am 31. März 2014 lanciert worden. Sie verlangt die Einrichtung eines Fonds von 500 Millionen Franken zur Auszahlung von Abgeltungen an schwer Betroffene sowie eine breite wissenschaftliche Aufarbeitung.

Mehr zur Initiative hier

www.wiedergutmachung.ch

Hier finden Sie die Medienmitteilung zur Lancierun der Volksinitiative am 31 März 2014 und die Reden von Guido Fluri, Prof. Ueli Mäder, Ständerat (FDP) Joachim Eder, Nationalrätin (SP) Jaqueline Fehr, Nationalrätin (BDP) Ursula Haller und Ständerat (Grüne) Luc Recordon (auf deutsch) als PDF im Volltext.


Weitere Schritte und Meilensteine

Am 1. Juni 2013 wurde die erste nationale Gedenkstätte zur Geschichte der Heim- und Verdingkinder im ehemaligen Kinderheim Mümliswil, eingerichtet von der Guido Fluri-Stiftung, feierlich eingeweiht. Näheres zu Betrieb, Anmeldung und Geschichte dieser Institution in der Navigationsliste links ganz oben.

Am 6. September 2013 erhielten vier Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen den Prix Courage des Schweizerischen Beobachters. Ursula Biondi wurde mit 16 Jahren ins Zuchthaus Hindelbank gesperrt, nur weil sie schwanger war, und mit der Wegnahme des Kindes bedroht. Jean-Louis Claude wuchs als Heim- und Verdingkind auf und wurde mehrfach sexuell missbraucht. Bernadette Gächter wurde mit 17 Jahren Opfer von Zwangsabtreibung und Zwangssterilisation, weil  Psychiater sie für abnormal und "erblich belastet" befanden. Walter Emmisberger, im Gefängnis geboren, wuchs in Heimen, als Pflegekind in einem Pfarrhaus, wo ihn der Hausherr missbrauchte, sowie als Verdingkind auf. Sie alle wehren sich seit Jahren - Bernadette Gächter seit 30 Jahren! - für die Aufarbeitung und Entschädigung des Unrechts, das neben ihnen auch unzählige weitere Betroffene ähnlich erlitten. Mit ihrem mutigen Hervortreten an die Öffentlichkeit machten sie auch anderen Mut und standen für jene ein, die nie oder lange nicht die Kraft hatten, sich zu wehren.


Einzelne Projekte zur Aufarbeitung liegen vor - landesweite Finanzierung, Sicherung des Aktenzugangs und Koordination werden an die Hand genommen

Nach Forschungsprojekten zur Verfolgung der Jenischen sowie zur Vormundschafts- und Psychiatriegeschichte haben der Nationalfonds und der Kanton Bern Projekte zur Geschichte der Verdingkinder bewilligt, andere Kantone zeigten ihre Bereitschaft zur Mitwirkung.

Die Luzerner Regierung hat sich für die Gewalt und die Missbräuche in Luzerner Kinderheimen wie dem von Rathausen oder in Erziehungsanstalten wie Sonnenberg (Kriens) oder St. Georg (Knutwil) entschuldigt und die historische Aufarbeitung durch die Pädagogische Hochschule Luzern in die Wege geleitet. Hier der Schlussbericht dieser Untersuchung als PDF.

Die Berner Regierung hat sich am 15. März 2011 bei den Berner Verdingkindern entschuldigt und eine weitere Publikation zur Aufarbeitung von deren Geschichte vorgestellt. Der Staatsrat des Kantons Freiburg hat sich am 9. Juli 2012 offiziell bei den misshandelten ehemaligen Verding-, Heim- und Pflegekindern entschuldigt.

Der Regierungsrat des Kantons Zürich hat sich am 22. Februar 2013 bei den administrativ Versorgten entschuldigt und empfiehlt eine historische Aufarbeitung durch eine unabhängige Kommission unter Einbezug auch der Geschichte der Verdingkinder.

Die Schwestern von Ingenbohl haben ein Gremium zur historischen Aufarbeitung der von ihnen geführten Anstalten zusammengestellt.  Hier der Expertenbericht vom 23. Januar 2013, der die Hintergründe der Gewaltexzesse seitens der Täterinnen unter den Schwestern analysiert, als PDF. Der Bericht stiess aber auch auf Kritik, weil er versucht, die Glaubwürdigkeit der Aussagen ehemaliger Heimkinder zu schmälern, jedoch die Aussagen von ehemaligen Schwestern keinerlei Hinterfragungen unterzieht.

Aehnliche Aufarbeitungen zu ähnlichen Missshandlungen in Kinderheimen, die von den Schwestern von Menzingen, den Baldegger Schwestern und andern Orden, auch männlicher Kongregationen, betrieben wurden, stehen noch aus. Ebenso zu Heimen der Heilsarmee und anderer evangelikaler Gruppen.

Im Kanton Thurgau befasst sich eine Forschergruppe mit den Misshandlungen von Kindern im Klosterheim Fischingen sowie mit Experimenten zum Testen neuer Medikamente der Pharmaindustrie an Patienten, darunter auch Heimkinder, in der psychiatrischen Anstalt Münsterlingen.

Am 5. Mai 2014, Im Bibliothekssaal des aufwendig renovierten Klosters Fischingen TG, präsentierte Dr. Thomas Meier, flankiert von Roman Müggler und Werner Ibig vom Verein Kloster Fischingen, Regierungsrat Claudius Graf-Schelling, Luzius Mader, Präsident des Runden Tischs, Prior Gregor Brazerol (Fischingen) und Abt Christian Meyer (Engelberg) den von ihm sowie Martina Akermann, Sabine Jenzer und Janine Vollenweider erstellten Bericht "Kinderheim und Sekundarschule St.Iddazell. Historische Untersuchung". Betroffene waren nicht eingeladen worden, einige kamen aber doch. So fanden die Entschuldigungen seitens der Verantwortlichen auch Adressaten. Sie zahlen 250'000.- Franken in den Fonds Soforthilfe des Runden Tischs ein, verzichten aber nicht auf die Einrede der Verjährung in laufenden Prozessen gegen einen noch im Kloster lebenden angeschuldigten Pater. Der Bericht bestätigt die lange bestrittenen Vorwürfe betreffend exzessive Gewalt und sexuelle Missbräuche im Klosterheim.

Der Bericht als PDF

Der Kanton Glarus hat sich am 11. März 2014 offiziell bei den Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen entschuldigt und einen Bericht zu den Missständen im Kinderheim Santa Maria Diesbach GL veröffentlicht. Die Entschuldigung hier. Der Bericht hier.


Aus der Vergangenheit lernen - Gewalt und Missbrauch bekämpfen

Die Dokumentation und gesellschaftliche Wahrnehmung des in der Vergangenheit geschehenen Unrechts und seiner Hintergründe ist auch ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung solcher Gewalt gegen Kinder in Gegenwart und Zukunft. Deshalb startete die Guido Fluri-Stiftung dieses Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte schweizerischer Kinderheime, das seine Arbeit am 10. November 2010 aufgenommen hat. Neben Archivstudien und Literaturrecherchen steht vor allem die Dokumentation der Stimmen von Betroffenen im Vordergrund des Projekts. Es nimmt Aussagen der ehemaligen Heimkinder auf und unterstützt sie bei der Suche nach ihren Akten.


Der Runde Tisch für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen empfiehlt eine koordinierte nationale wissenschaftliche Aufarbeitung mit Aktenzugang und breiter Forschungsfinanzierung durch ein Nationales Forschungsprogramm des Nationalfonds, in Koordination mit der Unabhängigen Expertenkommission zur Aufarbeitung der Geschichte der administrativen Zwangsversorgungen vor 1981. Eine solche Kommission sieht das am 1. August in Kraft gesetzte Gesetz zur Rehabiliation der ehemals Administrativ Internierten vor. Diese Unabhängige Expertenkommission ist vom Bundesrat am 5. November 2014 ernannt worden, siehe die entsprechende Medienmitteilung.

Medienmitteilung des Bundesrats vom 5. November 2014 (D)

Medienmitteilung des Bundesrats vom 5. November 2014 (F)

Medienmitteilung des Bundesrats vom 5. November 2014 (I)

Präsident der Kommission ist der Zürcher Alt-Regierungsrat Markus Notter. 


Eine solche Kommission zur wissenschaftlichen Aufarbeitung fordert auch die von der Guido Fluri-Stiftung getragene Volksinitiative. Diese verlangt auch die Einrichtung eines Fonds von 500 Millionen Franken zur Auszahlung von Abgeltungen an schwer Betroffene.  Die am 31. März 2014 gestartete Initiative wird auch von der Zeitschrift Beobachter und einem überparteilichen Komitee unterstützt. Die Unterschriftensammlung läuft.

Mehr zur Initiative hier.

Hier finden Sie die Medienmitteilung zur Lancierung der Volksinitiative und die Reden des Unternehmers und ehemaligen Heimkinds Guido Fluri, Initiant, sowie von Prof. Dr. Ueli Mäder, Universität Basel, Ständerat (FDP) Joachim Eder, Zug, Nationalrätin (SP) Jacqueline Fehr, Winterthur; Nationalrätin Ursula Haller (BDP); Ständerrat Luc Recordon (SP), Lausanne


Nicht nur in der Schweiz 

Opfer im Ausland wurden entschädigt. In der Schweiz erfolgten erst vereinzelte Zahlungen an Betroffene. Eine angemessene finanzielle Abgeltung des Unrechts, wie es die Opfer fordern, wollen die eidgenössischen Instanzen bis 2017 oder noch länger hinauszögern.

Die Schweiz steht bei der Aufarbeitung der Vorgänge in Heimen und Erziehungsanstalten nicht allein in der Pflicht. Auch in Kanada, Australien, Irland, Belgien, Deutschland, Österreich, Norwegen, Schweden, Island, Holland, Belgien und in anderen Ländern zeigten und zeigen verschiedene Gremien und Projekte das Ausmass und die zerstörerischen Folgen von unkontrollierten Strukturen, Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen in diesem Bereich auf. Einigen der Opfergruppen wurden finanzielle Entschädigungen zugesprochen, am umfassendsten erfolgte die Aufarbeitung in Irland, dort wurden auch angemessen Entschädigungen im Gesamtbetrag von rund 1.28 Milliarden Euro vom Parlament bewilligt. Hohe Entschädigungssummen wurden auch in Norwegen ausbezahlt: bis zu 725'000 norwegische Kronen pro Opfer. Ein rechtsvergleichendes Gutachten schildert das in anderen Ländern bereits Geleistete.

In der Schweiz haben - nach den Zahlungen an die verfolgten Jenischen - erst einzelne Gemeinden und Kanton, so der Kanton St. Gallen, der Kanton Waadt (Auszahlung von 37'500 Franken pro Person an bislang 3 Opfer), die Stadt Zürich und die Stadt Winterthur, erste Gesten der Wiedergutmachung an Einzelpersonen, die als Fremdplatzierte, administrativ Versorgte oder als Opfer anderer Zwangsmassnahmen geschädigt wurden, Zahlungen im Betrag von bis zu 13'000.- Franken pro Person ausbezahlt, allerdings ausschliesslich zur Finanzierung von Naturalgaben (Zahnprothesen, Pflegebetten, Ferienaufenthalte etc.). Das spiegelt erneut die Willkür des früheren Vorgehens. Nötig und dringlich ist aber eine angemessene und rechtsgleiche Entschädigungsregelung für alle Betroffenen in allen Regionen der Schweiz. Der am 13. Juni 2013 eingerichtete Runde Tisch für Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen vor 1981 beschloss an seiner zweiten Sitzung vom 25. Oktober 2013 die Ausarbeitung von Regelungen zur finanziellen Soforthilfe an bedürftige Opfer sowie für die allgemeine Abgeltung der geschädigten Opfer. Die Soforthilfe soll im Herbst 2014 anlaufen. Die Finanzierung ist noch nicht geregelt, geplant ist ein Fonds von vorerst 5 bis 8 Millionen Franken für Soforthilfe im Betrag von maximal 12'000 Franken pro geschädigte Person, sofern diese akut notleidend ist. Bis zur geforderten vollumfänglichen Entschädigung aller Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen auf gesetzlicher Grundlage dürfte es noch Jahre dauern. Die Gesetzgebung dauere eben in diesem Fall so lange, heisst es von offizieller Seite.

Eine Volksinitiative, getragen von der Guido Fluri-Stiftung und unterstützt von der Zeitschrift Beobachter und einem überparteilichen Komitee, fordert 500 Millionen Franken für eine Wiedergutmachung des Unrechts und historische Aufarbeitung. Sie wurde am 31. März 2014 lanciert, die Unterschriftensammlung läuft.

Mehr zur Initiative hier.

Eigentlich hätten solche Entschädigungen als Teil einer kritischen Aufarbeitung unmittelbar nach 1981 erfolgen sollen, als die Menschenrechtswidrigkeit der oft von Behördenwillkür geprägten fürsorgerischen Zwangsmassnahmen erkannt und durch neue Gesetze behoben wurde. Stattdessen wurden die Opfer auf einen Jahrzehnte dauernden politischen Bittgang geschickt. Sehr viele Geschädigte sind inzwischen verstorben und erhielten keinerlei finanzielle Kompensation ihrer Leiden von seiten der Täterschaften und ihrer Rechtsnachfolger.