Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Berichte von ehemaligen Heim- und Verdingkindern


Der Verdingbub. Erinnerungen von Bruno Zahnd, Jahrgang 1919

Hier ein Ausschnitt:


"Die Fensterscheiben waren teilweise kaputt, es stank in dem Raum. Ich konnte nachts oft nicht schlafen. Die Arbeiten, welche den Knechten nicht passten, musste ich machen. Reichten meine Kräfte nicht aus, traktierte man mich mit der Mistgabel oder einem Stecken. Hatte ich zuwenig gearbeitet, musste ich zuschauen, wie die anderen am Tisch sassen und ihr Essen bekamen. Essen wurde mir vor die Nase gehalten und bevor ich es erwischen konnte, nahm man es mir schnell wieder weg. Es war ihnen ein lustiges Spiel. Mit dem gleichen Hunger musste ich wieder an die Arbeit. In der Schule lief es mir immer schlechter. Die Lehrerin und die Schüler plagten mich. Ich wehrte mich so gut ich konnte und traktierte die Schienbeine der Lehrerin mit meinen Holzschuhen. Ich fing an alle zu terrorisieren, die mir gerade in die Quere kamen. Mir blieb nur noch mein Kollege, der Hänsu, er steckte in einer ähnlichen Situation, wie ich. Oft jagten mich die Knechte abends aus dem Zimmer, weil sie Frauenbesuch erhielten. So lief ich einfach zum Grossvater und schlief dort, insofern er daheim war. Wenn nicht, lief ich halt wieder zurück, in den Kuhstall, dort wartete ich den Morgen ab. An einer Stallwand hing eine Schöpfkelle. Die nahm ich herunter, setzte mich neben eine Kuh und melkte sie, so kam ich wenigstens zu Milch. Ich litt damals oft an Durchfall, vermutlich wegen der vielen Milch, meine Kräfte schwanden. Eines Tages wurde ich ernsthaft krank. Es war morgen, ich sollte den Stall ausmisten. Bei der Stalltüre angelangt, wurde mir schwarz vor den Augen. Ich fiel hin und vermochte nicht mehr aufzustehen. Der Bauer legte mich auf den Pferdewagen und ab ging es zu meinem Grossvater. Der Bauer meinte: der Grossvater solle auf mich schauen. Ich erinnere mich noch an die Worte vom Megert. Er sagte zu meinem Grossvater: „Wenn der Lümmel wieder brauchbar ist, kannst du ihn wieder bringen". Ich trank beim Grossvater Literweise Kräutertee, ohne Zucker. Er schmeckte mir überhaupt nicht. Als ich wieder auf den Beinen war, holte mich der Bauer wieder ab."


Den ganzen Bericht lesen



Aus den Notizen einer ehemaligen Bewohnerin des Waisenhauses Einsiedeln in den Jahren 1952-1963

"Ca. im neunten Lebensjahr wurde ich gegen Pocken geimpft. Darauf reagierte ich heftig.
Vorauszuschicken ist, dass wir jeden Morgen mit dem Ruf "In Gott's Name ufgschtande" im Schlafraum von der Nonne geweckt wurden. Das hiess für uns auch, sofort aus dem Bett zu steigen und auf den Boden knien, um gemeinsam das Morgengebet zu sprechen. So wie ich auf dem Boden kniete, wurde es mir schwarz vor den Augen. Ich rief noch "Ich werde blind!" und brach zusammen. Ich hatte sehr hohes Fieber, wie mir gesagt wurde, eine Reaktion auf die Impfung. Währenddem ich sehr geschwächt im Bett lag, besuchte mich ein Mädchen und verriet mir, dass sie für mich beten müssen, weil ich vielleicht sterben werde ... "Aber sage es niemandem, dass ich es dir gesagt habe." Das beeindruckte mich in meinem Zustand überhaupt nicht. Das wäre mir so egal gewesen.
Nur, ich hatte mich wieder aufgerappelt. Da tönte es später von der Nonne: "Es wäre besser gewesen, wenn du gestorben wärst. Man weiss ja nicht was aus dir wird." Ein wirklich aufstellender Kommentar für ein Kind!
Kommentare der Nonnen
- Wen der Herr (damit ist Gott gemeint) liebt, den züchtigt er.
- Du bist nichts und aus dir wird nichts werden.
- Du wirst in den Zuchthäusern landen und wenn du so weiter machst, erst recht.
- Du wirst so werden wie deine Mutter, früh Kinder haben und für diese auch nicht sorgen können.
- Niemand will dich, so wie du bist, so wie du tust.
- Deine schöne Schrift passt gar nicht zu dir.
- Du bringst alle Klosterfrauen ins Grab.
- Du bist der wahre Teufel und vom Teufel besessen.
- Du bist nicht normal, du bist weder ein Mensch noch ein Tier.
- Du bist minder als ein Tier.
- Du bist eine Sau, eine Drecksau.
- Wer nicht arbeitet, verdient auch kein Essen.
Das Heim war katholisch und von Ingenbohler-Schwestern geführt. Obwohl sie sich im Orden als "Barmherzige Schwestern vom heiligen Kreuz Ingenbohl" bezeichnen, habe ich davon nichts gespürt. Im Gegenteil, ihr Denken und Handeln erlebte ich als sadistisch und verachtend gegenüber Ihren Schutzbefohlenen, sensiblen kleinen Wesen, die ohnehin schon seelisch erschüttert oder verletzt waren. Tiefes Mittelalter präsentierte sich. Sie hätten ja auch nicht barmherzig sein müssen, nur menschlich.
Es ist mir wichtig, zu betonen: Es liegt mir fern, alle Nonnen in denselben Topf zu werfen. Ich spreche von dieser Zeit ..."

Den ganzen Bericht lesen

In der Rubrik "Videos" dieser Website finden Sie ein ausführliches Interview mit Marlies Birchler


"Jedes Mal dachte ich: Jetzt ist es vorbei, aus"

Willy Mischler. Geboren 1957. Kinderheim Mariahilf, Laufen (1960 bis 1969), Kinderdörfli Rathausen (1969 bis 1973)

"Die Schwester Oberin schleppte mich in den Duschraum und sagte: Zieh dich schon mal aus und bete bis ich zurückkomme. Ich war damals vielleicht fünf, sechs Jahre alt. Als sie dann wieder kam, warf sie mich in die Badewanne und hielt mir die Duschbrause mitten ins Gesicht, das Wasser voll aufgedreht. Ich konnte nicht mehr atmen, ich strampelte wie verrückt, ich geriet völlig in Panik. Das war eine der Lieblingsstrafen der Schwester Oberin. Man musste nicht unbedingt etwas angestellt haben dafür, oft reichte es aus, dass sie schlecht gelaunt war. Jedes Mal dachte ich: Jetzt ist es vorbei, aus, jetzt sterbe ich."

Den ganzen Bericht lesen

In der Rubrik "Videos" dieser Website finden Sie ein ausführliches Interview mit Willy Mischler


„Ich schreibe dieses Buch, um eine Zeit zu dokumentieren, in der ein Kind ärger als ein Haushund behandelt worden ist. Nicht von rabiaten Eltern, nein, von Menschen auf Behörden und Ämtern und in Institutionen, die sich als Schutzbefohlene aufspielten, in Wahrheit aber herzlose Sadisten waren in ihrer Funktion als Vormund, Schutzbeaufsichtigter, Pfarrer, sogenannte Seel(ver)sorger, Erzieher, Heimleiter, oder gütige Nonne. Ich musste seelische und körperliche Gewalt erleiden, ohne mich wehren zu können. Ich musste die Erniedrigung erdulden, als Achtjähriger vor einem Jugendgericht zu stehen und von Dicksäcken verurteilt zu werden. Warum verurteilt? Ich hatte doch nichts verbrochen! Ich war vielleicht in den Augen anderer zu wenig folgsam. Das war das Verbrechen, für das ich verurteilt wurde und für das ich ein Leben lang büssen musste."

So beginnt das Vorwort des Buchs von René Schüpbach: Das Damoklesschwert. Vom ungeliebten Heimkind zum erfüllten Lebensabend. Mächler Verlag, Schwaderloch, 2013.

René Schüpbach ist einer der 11 Vertreter der Opferseite am Runden Tisch für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen, der am 13. Juni 2013 in Bern seine konstituierende Sitzung hatte und dem die Aufgabe obliegt, die gesellschaftliche und wissenschaftliche Aufarbeitung dieser von Behördenwillkür, Rechtlosigkeit, Ausbeutung und  -  so auch im Fall von René Schüpbach  -  sexuellem Missbrauch gekennzeichneten Zwangsmassnahmen mittels Empfehlungen im Interesse der Opfer voranzutreiben, auch hinsichtlich finanzieller Nothilfe und Entschädigung.
Die Zitate aus dem Buch von René Schüpbach lesen:


"Wir Heimkinder waren der letzte Dreck."

Bericht von Adolf Jenny

Ich erinnere mich noch genau an diesen trüben Herbstmorgen, als drei dunkel gekleidete Männer vor unserer Tür standen, um uns Kinder ins Heim zu bringen. Meine Mutter hatte kaum Zeit, meinen beiden Geschwistern und mir die Tränen abzuwischen, als sich die Tür bereits hinter uns schloss und wir in eine unbekannte Zukunft «abgeführt» wurden. Wir Heimkinder waren der letzte Dreck. Das Erziehungsheim, in das wir gebracht wurden, machte seinem Namen alle Ehre. Schnell musste ich feststellen, dass ich als Kind von geschiedenen Eltern einen besonders tiefen Status hatte. So etwas wie Liebe, Zuneigung oder Lob gab es nicht. Dafür Schläge mit dem Stock, bei jedem kleinsten Regelverstoss. Tagwache war jeweils um 4.30 Uhr morgens, Lichterlöschen um 20.00 Uhr. Dazwischen gab es Schule, Haus-­‐ und Gartenarbeiten, Leibesertüchtigungen und immer wieder sexuelle Übergriffe. Diese Jahre im Erziehungsheim waren die schlimmsten in meinem Leben.

Aus den Erinnerungen eines ehemaligen Heimkinds, das auch als Erwachsener wieder im Heim landete, im Obdachlosenheim der Heilsarmee. Dieses konnte er inzwischen wieder verlassen. Der Text stammt von der Website der Heilsarmee (www.heilsarmee.ch), die selber auch Heime für Kinder und Jugendliche betrieb und betreibt.

Den ganzen Bericht lesen


"Mit acht Jahren wurde ich mit meinem Bruder, er war siebenjährig, durch den Vormund der Stadt Schaffhausen ohne vorherige Ankündigung ins Kinderheim "Gott hilft" nach Zizers platziert (1964 -1972). Wir waren Scheidungskinder und lebten zuvor bei einer liebevollen Pflegefamilie. Meiner alleinerziehenden Mutter wurden wir weggenommen weil sie erwerbstätig war. Wir waren mal bei der Gotte, Tante und oft auch bei den Grosseltern, und wir hatten eine Nachbarin, die uns auch betreute. Ich fühlte mich nicht unglücklich deswegen und war auch kein auffälliges Kind. Gewalt habe ich zum ersten Mal im Kinderheim erfahren. Wegen Kleinigkeiten schlugen uns die Betreuer. Wer bei der Arbeit auf dem Land zu viel redete, wurde mit einem Stock oder mit der Hand geschlagen. Wir wurden in der Schwalbengruppe eingeteilt. Ich teilte ein Zimmer noch mit drei anderen Mädchen. Das Heimleiter-Ehepaar von damalswar Margrit und Emil Rupflin. Von uns Kindern wurde sie hinter verschlossener
Türe "Hexe" genannt. Als wir eines Tages am Abend im Zimmer spielerisch unsere Haare toupierten, mussten wir als Strafe zum Coiffeur und unsere schönen langen Haare abschneiden lassen. Als ich meine erste Menstruation hatte, bekam ich Schläge, weil ich mich einer Klassenkameradin anvertraute und mich nach Hygieneartikeln erkundigte. Zur Strafe musste ich mich flach auf den Bauch legen und die Gruppenleiterin schlug mich mit der Hand auf den nackten
Hintern, bis ich Sterne sah. Ein anderes Mal verdreschte sie mich mit einem Gurt, weil wir vor dem Schlafen noch redeten und lachten. Sie riss mich aus dem Bett und ich musste den Holzboden spähnein und blochen.
"

Das sind die Anfangszeilen aus dem Bericht eines ehemaligen Heimkinds, die mit anderen Berichten aus diesem Kinderheim übereinstimmen.

Den ganzen Bericht lesen:

"Angefangen hat alles mit unserer (Vater wie Mutter) Vor-und Lebens-Geschichte. Diese war alles andere als schön und "normal", was das auch immer heisst, normal! Ich, Vater und meine Frau sind in den staatlichen und kirchlichen Heimen aufgewachsen, und was wir als Kinder durchmachen mussten, kann sich ein normal aufwachsender Mensch schwer vorstellen, ausser sein Elternhaus war auch kaputt. Misshandlungen und Demütigungen sowie Liebes-Entzüge gehörten zum Alltag. Während meine zukünftige Frau weiter in Heimen weilte, ging es mit mir weiter in der Karriere, Gefängnis u.s.w., bis es gelang, unter schwersten Anstrengungen einen Schlussstrich zu ziehen. Nun, wir haben uns gefunden und eine Familie gegründet, denn das Bedürfnis nach einer intakten, fürsorglichen Familie war gross in unseren verwundeten Herzen.
Während um uns herum 60% aller "normalen" Ehen kaputt gehen, sind wir trotz allen Widrigkeiten und Menschenrechtsverletzungen immer noch glücklich verheiratet, und haben 6 gesunde, aufgestellte Kinder, die mit Vater und Mutter leben dürfen, was wir vielfach schmerzlich vermisst haben. Aber es gibt Leute und Institutionen, die anderer Meinung sind. Zum Beispiel Pro Juventute: Zitat ex Stellenleiterin: Wir dürften keine Kinder haben, das wäre eine Sauerei, dass wir sie auf die Welt gebracht haben. Auch der alte Quartier-Polizist ist der Meinung, dass wir kleine "Verbrecher" züchten und die Vormundschaft uns unsere Kinder wegnehmen müsste."

Das ist der Anfang eines Rückblicks eines Familienvaters auf sein Leben und die Ursachen seiner gegenwärtigen prekären Lage. Er wäre froh um eine gute Wohngelegenheit für seine grosse Familie.

Das ganze Schriftstück lesen:


„Bausch, der Cheferzieher, der Erziehungsmanager, dem vom Staat 40 Knaben im Alter von 6 bis 16 anvertraut worden waren, natürlich im Namen einer vorgeschobenen Stiftung, thronte für alle gut sichtbar im Speisesaal, dreimal täglich zu den Mahlzeiten, unter der Gipsbüste von Pestalozzi, seinem Vorbild. Unablässig sprach er von Pestalozzi. Die Zöglinge kannten Pestalozzis Biografie, oder wenigstens einige Jahreszahlen, doch die Erziehungsmethoden des grossen Aufklärers blieben ihnen unbekannt. Unter seiner Büste sass der Cheferzieher, der Haustyrann, hielt Gericht, strafte, fluchte, donnerte, drohte, betete, verurteilte, schrie herum, machte jeden Knaben zum Wurm oder zur Ratte, führte mit Akribie sein Strafenbuch mit vielen Strichen.“

Zitate über seine Zeit in zwei Kinderheimen aus dem Buch von Franz Rueb:  Rübezahl spielte links aussen. Erinnerungen eines Politischen.  Zürich 2009.
Aus dem ehemaligen Heimkind Franz Rueb, geboren 1933, wurde ein bekannter Politiker, Theaterschaffender und Autor mehrerer Bücher.
Mehr Zitate aus diesem Buch lesen:

"Im Gegensatz zu den Horrorgeschichten, die von andern Heimen berichtet wurden, kann ich nur sagen, dass ich dank Klosterfiechten  und der damaligen Heimleiter Ernst und Ida Guggisberg nur gute Erfahrungen gemacht habe. Wir waren immer so um die 40 Buben, wir arbeiteten auf der Landwirtschaft, durften in Sommer- und Winterlager  in die Ferien gehen und wurden auf rechtschaffener christlicher Grundlage erzogen.  Pruegel gab es nie , das Essen war reichlich und gesund und uns wurde beigebracht, dass Meinungsverschiedenheiten unter uns Buben nicht mit den Faeusten ausgetragen werden muessen.  Auch wurde sehr Wert darauf gelegt, dass wir den Kontakt mit unsern Eltern aufrecht erhalten, sofern diese es wollten. Nach der Pensionierung von Ernst Guggisberg hat sein Sohn Ruedi Guggisberg-Probst die Heimleitung uebernommen und hat dem Heim seine eigene menschliche und soziale Praegung gegeben. Unsere beiden Familien sind heute noch sehr befreundet.  Ich moechte das nur sagen, um zu zeigen, dass nicht alle Kinderheime Institutionen des Grauens fuer Kinder waren. Mir tun die Menschen leid, die nicht den Vorteil einer humanen und freundlichen Heimleitung erleben durften und daher ihr ganzes Leben gezeichnet wurden.  Ich bin heute  (72) noch dankbar, dass trotz nicht gerade schoenen  Verhaeltnissen in der eigenen Familie durch das Heim Klosterfiechten mein Leben einen sehr positive Ablauf genommen hat. Falls dieser Beitrag irgendwie in Ihr Forum kommt, moechte ich auch fragen, ob noch irgendwo ehemalig "Kloesterlibuben" zum Vorschein kommen und meine Worte bestaetigen koennen."
Die ganze Zuschrift lesen:

Im folgenden zwei Berichte aus dem St.Iddaheim in Lütisburg SG (heute Kinderdörfli):
Der erste bezieht sich auf die Zeit um 1920:

"Eines Morgens wurde ein Knabe namens Gottlieb im Sarg weggeführt. Sein Leib war von Stockhieben zerschlagen. Als ich an jenem Tage weinte, Gottlieb war mir ein lieber Kamerad, wurde ich von einer Schwester geohrfeigt und zur Sr. Oberin geführt, die wir Buben alle wie Feuer fürchteten. Nicht von ungefähr wurde sie von uns «Satan» genannt, obwohl sie Gratiana hiess. Zur Oberin bestellt zu werden, war gleichbedeutend wie körperliche Züchtigung der besonderen Art. Man musste sich nackt ausziehen und vor ihr niederknien. Dann hob sie ihre Nonnentracht, klemmte das Gesicht der Buben zwischen ihre Schenkel und schlug mit dem Rutenstock so lange auf den Rücken, bis sie stöhnend urinierte. "

Den ganzen Bericht lesen


Der zweite Bericht bezieht sich auf die Zeit zwischen 1931 und 1933 in Lütisburg:
Im St.Iddaheim Lütisburg gab es "eine Prügelmaschine. Ich durfte sie als Erster ausprobieren, glaube ich. Der Direktor sagte mir: Ich kann nicht mehr schlagen, ich habe einen Ersatz. [...] Es war ein Pfahl mit einem Rad. Dieses war mit flexiblen Holztstecken versehen, die mit Leder überzogen waren. Diese Maschine... es gab da eine Kurbel, um die Stecken zu verlängern. Es war unmöglich, den Schlägen der Maschine auszuweichen. [...] Das war schrecklich!"

Albert Kappeler, geboren 1924 als Jenischer im Kanton Schwyz, kurz nach Geburt den Eltern entrissen, Heimaufenthalt im Heim Bachtelenbad bei Grenchen, Kanton Solothurn (1924-1931), im St.Iddaheim in Lütisburg, Kanton St.Gallen (1931-1933), anschliessend Verdingkind bei Bauern im Kanton Aargau. Kappeler zog als Erwachsener in die Romandie.

Den ganzen Bericht lesen

"Bereits seit vier Jahren waren meine Schwester und ich im Kinderheim untergebracht. Ich hatte das sechste Lebensjahr erreicht und musste von nun an eine Jugendzeit hinnehmen, die ich in der Form keinem Menschen wünschen würde."
Erwin Hauser, geboren 1957, ist nach seiner schweren Jugend im Waisenhaus Wil SG und einer Lehre bei der Post Gründer und Leiter einer kleinen Unternehmung und Familienvater geworden. Er engagiert sich auch als Politiker der SVP in Wil SG. Er schilderte seine Jugend im Waisenhaus Wil in seinem Buch: Die Stimmen meiner Eltern hörte ich nie.
Mehr Zitate aus Erwin Hausers Buch lesen

"Eigentlich hätte ich ins Guiness-Buch der Rekorde aufgenommen werden müssen. Denn es ist zu vermuten, dass ich der Heiminsasse der Schweiz mit den meisten Jahren war. 60 Jahre! Vom Vater verleugnet und von der Mutter verstossen wurde ich als unehelich neugeborenes Kind sofort abgeschoben. In Heimen in Pura (TI) und Zizers (GR) lernte ich beten und arbeiten. Auf meine Fragen nach dem „Warum?“ gab’s keine Antworten. Ich hatte zu schweigen und zu gehorchen. Die Scham, keinen Vater, keine Mutter und keine Familie zu haben und das Gefühl, an allem selber schuld zu sein, begleitete mich mein ganzes Leben."
In der Folge wurde Sergio Devecchi selber langjähriger  Heimleiter. Als ehemaliges Heimkind hat er sich aber erst anlässlich seiner Pension geoutet.
Hier finden Sie ein kurzes Interview mit Sergio Devecchi und seine Kurzbiografie

"Ich hatte keine Ahnung davon, dass die Stadt Zürich Kinderheime hatte, wo die Hauptverantwortliche, also hier Fräulein Dora Hofstetter, von und in Gais, Alkoholikerin und lesbisch war.
In diesem Kinderheim, das die Stadt Zürich „Schülerheim Schwäbrig“ nannte,  wurden wir 16 Jungs falsch ernährt. Zudem gab es zu wenig zu essen. Ein Nachbar, ein Landwirt namens Bodenmann lieferte die Milch und die Butter in dieses Heim. Fräulein Hofstetter war oft mit diesem Mann am Trinken. Nur am Sonntag gab es Brot mit Butter und Konfitüre. Die Brote wurden kurz vor dem Essen in der Küche bestrichen, wurden dann aber wieder abgekratzt, so dass nur in den Löchern des Brotes Butter war. Die Mitarbeiter und der Lehrer bedienten sich mit anderen Portionen. Zwei Mal pro Woche mussten immer zwei Jungs in das Dorf Gais laufen um Brot zu holen. In so einem Laden, wo wir Brot holten, habe ich dann einmal eine Hand voll Weinbeeren gestohlen. Natürlich wusste das die Heimleiterin, bevor ich im Heim schwer beladen mit Brot ankam. Die Strafe kam schnell bei mir an: Ohne Nachtessen ins Bett, und in der Schule einen Aufsatz über diesen Diebstahl schreiben. Der Titel dieses Aufsatzes wurde mir vorgeschrieben; Der Teufel sticht. Zudem musste ich einen Teufel in schwarz zeichnen, der eine Heugabel in seinen Händen hatte."
"Einmal musste ich zur Strafe in der Hundehütte schlafen, ich weiss nur nicht mehr den Grund."

Der Autor dieser Erinnerungen war auch in weitern Heimen und Anstalten sowie bei Landwirten und Gewerbetreibenden im Raum Zürich untergebracht, alles harte Regimes mit viel Arbeit und wenig Liebe.
Hier finden Sie seinen ganzen Lebensbericht


"Meine Jugend war ein Terror. Keine Anerkennung, keine Liebe und kein Mitmensch, der mir zur Seite stand. Alles ging vorbei. Das Angenehme, die Freude bekam ich mit 15 Jahren. Ich habe viele liebe Mitmenschen kennen gelernt und langsam bekam ich Vertrauen in diese Welt."
Jack Blum hat trotz einer schwierigen Jugend im Kinderheim, bei hartherzigen Pflegeeltern (er war Verdingbub bei einer nicht-bäuerlichen Familie), schliesslich in einer von Ordensleuten geführten Anstalt viel aus seinem Leben gemacht.
Hier ein längerer Auszug aus den autobiografischen Teilen seiner Niederschriften

Ein Baum mit einer alten, schlecht vernarbten Wunde regte Ralph Riva dazu an, mit Fotos und einem Gedicht die seelischen Wunden aus seiner Heimzeit zuverarbeiten.

Ralph Riva war während drei Jahren im Pestalozzihaus Schönenwerd-Aathal.
Foto betrachten und Gedicht lesen

"Verdingchinder, jo Verdingchinder,
die het me friehner meh oder minder
verachtet. Zum chrampfe sin sy nit schlächt,
das isch däne Bure grad rächt.
Choschte tiens wenig bis nüt,
das all's gfallt däne Burelüt.
"Läng'mer, hol'mer, bring'mer,".
so lutet dr Befähl!
"Vergiss nit d'Dose mit dem Ingwer,
dänk dra! E bitzli schnäll!"
Sunsch git's Ohrfige, das tuet denn weh,
wie weh, das chasch denn öppe gseh.
Also: Längsch und holsch und bringsch
die Chörb und Chübel. De rennsch und springsch.
Jetz het är e billige Chnächt,
das isch im meh als nume rächt.
Är tuet sich ins Füschtli lache,
drwil är da Bueb tuet überwache.
Das isch eim vo däne Chind sy Bricht,
so loset jetzt no mini Gschicht!
Mit knapp zwei Johr bin ich verdingt
worde. Wie schrecklich das doch klingt:
Doch es ist tatsächlig gscheh!
d' Erinnerig macht s'Läbe lang weh!
Verchrafte chasch das eifach nit,
drum han ich nur folgendi Bitt:
Dass jemand die Gschicht drucke tuet:
Veröffentliche isch immer guet!"
Die Verfasserin Johanna Schmassmann hat das Gedicht mit 80 Jahren geschrieben. Sie nahm Kontakt zu unserem Projekt auf, als sie vorübergehend in eine psychiatrische Klinik abgeschoben wurde, und zwar deshalb, weil keine angemessene Alterswohnung in der Nähe verfügbar war! Deshalb der am Ende des Gedichts ausgedrückte Wunsch nach einer würdigen Wohnstätte für ehemals Zwangsversorgte wenigstens im Alter.
Das ganze Gedicht lesen

„Die Aufseherinnen nutzten ihre Macht aus. Es hatte sich herumgesprochen, dass ich gut Kunstturnen konnte. Ich erhielt Zigaretten, wenn ich ihnen den Handstand vorführte, oder den Rückwärtssalto oder den Spagat.“

Karin Bürgisser, geboren 1959. Töchterheim Steig, Schaffhausen, Pflegefamilie, psychiatrische Klinik Breitenau, Schaffhausen, Erziehungsanstalt Lärchenberg, Lutzenberg AR
"Die deutsche Köchin war berüchtigt. Sie schlug mit der grossen Kelle auf die Kinder ein und traktierte uns mit Füssen. Ohne ersichtlichen Grund schlug sie drein. Sie sperrte die Kinder in der Speisekammer ein. Alle hatten vor ihr eine Höllenangst.
Eine Erzieherin hiess Arnette, sie war ebenso berüchtigt. Sie hatte es mit Vorliebe auf die Kleinen abgesehen. Es gab ständig Erniedrigungen."

Den ganzen Bericht lesen
In der Rubrik "Videos" finden Sie ein ausführliches Interview mit Karin Bürgisser

„Wenn man beim Abendessen (das wurde auf der Gruppe eingenommen und das Mittagessen im Speisesaal) zuviel lachte oder sonstwie Unsinn machte, dann musste man mit dem Teller auf dem Klo fertig essen!“

Daniela Tschaggelar-Hodel, geboren 1964. Kinderheim Sonnhalde Luzern

"Man wurde oft mit Essensentzug bestraft! Wenn man was anstellte, dann gab es keine Nahrung. Und da ich oft zu spät kam, gab es oft kein Essen. Ich hab das mal einer Frau auf dem Schulweg erzählt, da steckte sie mir manchmal einen Apfel zu. Ansonsten habe ich oft Früchte aus den Gärten geklaut. Ich habe mir eine Sammlung von (meist) Früchten angelegt, unter dem Bett in der Schublade. Damit ich immer was hatte, wenn ich mit Hunger ins Bett musste. Ich war dauernd auf der Suche nach Essbarem! Manchmal hatte ich Abends Angst einzuschlafen, weil ich dachte, ich sei am Morgen verhungert! Es hat mir niemand gesagt dass das nicht möglich ist.
Ein Vater einer Schulkameradin hat mich mal in einem Keller fast vergewaltigt, weil ich mit ihm in den Keller ging, weil er mir dort unten eine Tasche saftige Birnen versprach!"

Den ganzen Bericht lesen


„In Rathausen mussten wir schon mit fünf, sechs Jahren hart arbeiten. Tannzapfen zusammen lesen, Kartoffeln graben, im Winter gefällte Bäume auf die Wege ziehen. Arbeiten, nichts als Arbeiten. Von Spielen sprach niemand. Beim kleinsten Fehler, beim kleinsten Ungeschick wurde einem ein Bambusrohr über den Grind geschlagen.“

Eduard Steiner, geboren 1934 in Hergiswil am See. Vom Alter von 5 bis 18 Jahren im Kinderheim Rathausen, Kanton Luzern

"Es gab nicht nur Körperstrafen, es gab auch Demütigungen, Psychoterror würde man heute sagen. Prügel gab es tagtäglich, ja stündlich. Wenn wir geschlagen wurden, hiess es, wir seien selber Schuld. Einmal wurde ich für zwei Tage und zwei Nächte im'Chrutzi', einer Gefängniszelle, eingesperrt. Ohne Matratze, mit einem Eimer, etwas Suppe und vielen Schlägen auf den Kopf.
Zu Essen gab es praktisch jeden Tag im Wasser gekochte Kartoffeln. Wir nannten dies ironisch 'Moses', also: 'Der aus dem Wasser Gezogene'. Mit 17 Jahren wog ich nur 34 Kilo, so steht es in einem Arztbericht."

Den ganzen Bericht lesen


"Ab sofort gab es einen grauweissen Streifenrock und Holzschuhe"

Charlotte Wäfler, geboren 1947, Pflegefamilie, Erziehungsheim Brüttelen, Brüttelen BE

"Du wirst wie deine Mutter, du gehörst in eine Erziehungsanstalt!" Wer aber ist meine Mutter? Mit sieben Jahren eines Morgens beim Frühstück erzählte mir damals meine Mutter - ich meinte, sie sei es - : "Ich muss dir etwas sagen. Wir sind nicht deine Eltern. Ich bin deine Tante. Der Mann, der vis-à-vis wohnt, ist dein Vater." Der erste Schock meines noch jungen Lebens. Nach der Frage: 'Wer ist denn meine Mutter?' die kurze Antwort: 'Die ist nichts wert, die kann kein Kind erziehen.'
Von da an erwachte in mir eine Rebellin."

Den ganzen Bericht lesen


"Mein Vormund und die Heimleitung kamen zum Schluss, dass ich bei einem etwaigen Sekundarschulbesuch ein Jahr länger im Heim sein würde, was nicht den Statuten des Heims entsprach, und damit war die Sache abgetan."

Werner Aliesch, geboren 1952. Pflegefamilie, Heim Gott hilft in Wiesen bei Herisau, Erziehunganstalt Platanenhof, Oberuzwil


"Ihre Dokumentation im Fernsehen habe ich mit Aufmerksamkeit mitverfolgt. Dabei musste ich feststellen, dass ich eigentlich gar nicht in das Schema passe, welches Sie hierbei vorgeben. Ich bin Jahrgang 1952 und meine sieben (waren wir) Geschwister bewegen sich in den Jahrgängen 1947 bis 1957. Im Verlauf Ihrer Dokumentation wurde mal erwähnt, dass die Schweizerische Eidgenossenschaft sich zu der Verdingkindpolitik Gedanken gemacht hat, um diese zu verändern.
Ich denke, dass dies wohl gewürdigt werden müsste, wenn danach auch Taten gefolgt wären... Und nun zu meiner Geschichte!"

Den ganzen Bericht lesen