Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Soziale und geschichtliche Hintergründe

Die Geschichte von Heimen und Erziehungsanstalten ist wie die Geschichte der Verdingkinder ein Tabuthema, dem die Sozialgeschichtsschreibung lange auswich. Es war überwiegend der Kreis von Insidern: Behördemitglieder, Institutionsleiter, Sozialpädagogen, Kinderpsychiater, welche sich aus ihrer eigenen Sicht heraus in Jubiläumsschriften und Fachartikeln äusserten.
Dem stehen die Berichte von ehemaligen Heim-, Pflege und Verdingkindern gegenüber. Viele von ihnen schrieben ihre Autobiografien, doch war es oft schwierig, einen Verlag dafür zu finden. Viele dieser authentischen Berichte wurden im Selbstverlag herausgegeben. Andere erschienen in Zeitungen, oder es waren Journalisten und Filmemachter, welche solche Lebensgeschichten dokumentierten.
Erst in den letzten Jahren hat die Sozialgeschichte die Geschichte des Armenwesens, der Kinderheime und anderer Institutionen des Sozialbereichs als Thema von grosser Tragweite erkannt. In den letzten Jahren wurden dazu einige Forschungsprojekte gestartet und viele Arbeiten an verschiedenen Universitäten geschrieben. Es waren vor allem auch Organisationen von Betroffenen sowie einzelne Medien, die zu dieser Entwicklung beitrugen.

In vielen Ländern wurden Entschädigungen oder sonstige finanzielle Abgeltungen für die Leiden und Benachteiligungen ehemaliger Heimkinder und andere Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen ausbezahlt (siehe weiter unten); die reiche Schweiz ist, mit wenigen tief angesetzten Ausnahmen (erste Zahlungen an Opfer der systematischen Verfolgung der Jenischen in der Schweiz im Jahr 1988, Soforthilfe-Zahlungen für bedürftige Opfer von Zwangsmassnahmen in den Jahren 2014-2015), noch nicht so weit. Inzwischen läuft immerhin die Anmeldefrist für diese in der Schweiz "Solidaritätsbeiträge" genannten Abgeltungen:

Medienmitteilung des Bundesrats vom 15. Februar 2017:

Die Referendumsfrist gegen das Gesetz zur Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen vor 1981 ist abgelaufen, es tritt somit in Kraft. Es wurden bisher 1150 Gesuche von Opfern solcher Zwangsmassnahmen (wie Fremdplatzierungen, Anstaltsinternierungen, Sterilisierungen etc.) eingereicht. Die meisten Opfer sind inzwischen verstorben. Die Anmeldefrist läuft bis 31. März 2018.

Infos zur Anmeldung hier: www.fszm.ch

Melden sich mehr als 12'000 Opfer an, wird der Beitrag pro Person unter 25'000 Franken sinken.

Reichen weniger als 12'000 überlebende Opfer ihre Gesuche ein, ist es wegen der vom Parlament ins Gesetz eingebrachten Obergrenze von 25'000.- Franken pro Opfer fraglich, ob nicht sogar das reduzierte Kostendach von 300 Millionen Fr. (gegenüber 500 Millionen Fr. laut Initiative) unterschritten wird.
Es wird dann an den politischen Instanzen liegen, über die Bücher zu gehe und diese Obergrenze zu revidieren. Sonst wird selbst die reduzierte Summe von 300 Millionen (gegenüber den 500 Millionen laut Initiative) zu einer Fiktion.


Links zu verschiedenen Projekten, Organisationen und Medien auf der Linkseite 


Inhalte auf dieser Website:

Auf der Seite Alphabetische Literaturliste finden Sie eine ausführliche Bibliografie zur Thematik Fremdplatzierung mit Schwerpunkt Schweiz. Sie wird ständig ergänzt und nachgeführt (auch auf Grund von Hinweisen von Forschenden oder auf selbst verfasste Lebensgeschichten, die wir gerne berücksichtigen).

Auf der Seite Dokumente sind zahlreiche historische Originaldokumente aus dem Zeitraum 1814 bis 2014 zur Thematik zeitlich geordnet im Volltext online abrufbar.

Auf der Seite Medien finden Sie einen online-Pressespiegel mit Artikeln und Pressemitteilungen zur Thematik ab 1999

Auf der Seite Photos und Bilder finden sie über 40 Fotos

Auf der Seite Videos finden Sie zahlreiche Videodokumente zur Thematik Fremdplatzierung

Auf der Seite Berühmte ehemalige Heim-, Pflege- oder Verdingkinder

finden Sie entsprechende Kurzbiografien.

Hier eine Projekt- und Publikationsliste (Stand 24. September 2012) zur kritischen wissenschaftlichen Aufarbeitung und Begleitung von Fremdplatzierung und Jugendfürsorge in der Schweiz


Darstellungen der Thematik im Überblick

Bericht des schweizerischen Runden Tischs für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen vor 1981, publiziert am 1. Juli 2014

Fürsorge, Zwang und Sozialpolitik - sind 'bad practices' aus der Vergangenheit heute 'lessons learnt'?
Vortrag und Bildpräsentation des Projektleiters Dr. Thomas Huonker an der Fachtagung der Kantonalen Konferenz für Kinder- und Erwachsenenschutz (KOKES) in Biel, 2. September 2014

Referat von Dr. Thomas Huonker: Heim- und Verdingkinder in der Schweiz - Geschichte und Aktualität vom 12.1.2013 an der Tagung
ERZIEHUNG UND GEWALT.  Ehemalige Heimkinder in der Bundesrepublik und in der DDR  (1949 bis 1975) sowie in der Schweiz. 11.-13. Januar 2013 in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Bericht der Akademie über die Tagung

Projekt- und Publikationsliste (Stand 24. September 2012) zur kritischen wissenschaftlichen Aufarbeitung und Begleitung von Fremdplatzierung und Jugendfürsorge in der Schweiz

Strukturelle und institutionelle Problemlagen bei sozialen Interventionen zur Bekämpfung von Misshandlung, Missbrauch und Verelendung von Kindern im 20. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung religiös geprägter Institutionen und Diskurse in der Schweiz
(Referat des Projektleiters Dr. Thomas Huonker an der Universität Luzern  mit Hinweisen auf weitere neuere Forschungen, 2011)

Enfance sacrifiée. Témoignages d'enfants placés 1930-1970 (2005, französisch, eds. Geneviève Heller / Pierre Avvanzino)

Zur Geschichte fremdplatzierter Kinder in der Schweiz

(eine kurze allgemeine Übersicht von Dr. Thomas Huonker über die Geschichte der Fremdplatzierung in der Schweiz mit Vorschlägen zur Forschung, wie sie seit 2004 teilweise umgesetzt werden)


Zum Umgang mit fremdplatzierten Kindern und Jugendlichen im und aus dem Kanton Zürich während des 20. Jahrhunderts, mit kurzen Hinweisen zur selben Thematik in Graubünden (detailliertere Informationen zur Geschichte des Aufwachsens in Heimen, Anstalten und Pflegefamilien in den Kantonen Zürich und Graubünden, 2004, verfasst von Dr. Thomas Huonker)


Historische Aufarbeitung und Entschädigung in der Schweiz und im internationalen Vergleich

Schweiz:

In der Schweiz erhielten zuerst erst Jenische, die mittels Kindswegnahmen, Fremdplatzierung in Heimen und Anstalten, als Verdingkinder oder als Adoptierte systematisch und ethnisch gezielt aus ihrer Herkunftskultur gerissen wurden, und von denen einige auch einer Zwangssterilisation unterzogen wurden, eine so genannte Wiedergutmachung in Form einer Auszahlung in der Höhe zwischen Fr. 2000.- und 20'000.- (in den Jahren 1988 bis 1993 durch zwei Fondskommissionen).


1999 / 2000 richtete der Kanton St. Gallen, ebenfalls unter dem Titel Wiedergutmachung, Zahlungen im Gesamtbetrag einer halben Million Franken an einige schwer misshandelte Heimkinder aus.

Hier finden sie eine erste  diesbezügliche Pressemitteilung.

Hier finden Sie eine zweite diesbezügliche Pressemitteilung.


Das wirft Fragen der Rechtsgleichheit auf, da auch zahlreiche weitere  Menschen in der Schweiz als Verding- ud Heimkinder, als administrativ Eingewiesene und als Zwangssterilisierte schwer geschädigt wurden. Die bisherigen "Wiedergutmachungen" entsprachen zudem nicht den Entschädigungen, wie sie nach Unfällen oder Verbrechen andern Opfern unter reller Berechnung ihrer Schädigungen zugesprochen werden. Opfergruppen, an denen unter dem Zeichen von Ausgrenzung und Diskriminerung Unrecht begangen wurde, werden so auch weiterhin rechtlich diskriminiert.

Was bislang aussteht, sind Entschädigungen gemäss den allgemein üblichen Kriterien (Integritätsschädigung, Erwerbsausfall, Uebernahme der Kosten für Therapien etc.)

Zur ausstehenden Entschädigung für Verdingkinder erschien ein

Artikel von Peter Hossli im Sonntags-Blick, Zürich, 6. November 2011

Einge Städte und Kantone (Zürich, Winterthur, Kanton Waadt) zahlten als Geste kleinere Beträge für spezifische Nothilfe (Zahnprothesen, Pflegebetten, Kuraufenthalte o.ä.).

Der am 13. Juni 2013 in Bern konstituierte paritätische Runde Tisch für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen unter Leitung von Alt-Ständerat Hansruedi Stadler nahm Anträge der Opferorganisationen entgegen. Am 25. Oktober 2013 übernahm Luzius Mader, Vizedirektor des Bundesamts für Justiz, die Leitung des Runden Tischs.

Hier gehts zur Homepage des Runden Tischs für die Opfer fürsorgerischer Zwangmassnahmen.

Empfehlungen zur Akteneinsicht und eine Soforthilfe für noch heute in Armut lebende Opfer von Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen wurden erarbeitet. Die Soforthilfe kann ab September 2014 erste Auszahlungen leisten, allerdings in sehr bescheidenem Umfang (maximal 12'000 Franken) und nur an noch heute in Armut lebende Opfer. Nähere Informationen und Gesuchsformular auf der Homepage des Runden Tischs. Empfehlungen zur finanziellen Abgeltung für alle Geschädigten sollen folgen. Dazu wird dann aber zuerst eine gesetzliche Grundlage erarbeitet, was weitere Jahre dauern kann...


Rehabilitation der Administrativ Internierten

Am 4. Dezember 2013 hat der schweizerische Nationalrat dem Gesetzesvorschlag zur Anerkennung des Unrechts an den Administrativ Versorgten mit grosser Mehrheit zugestimmt.

Hier das Protokoll des Traktandums im Volltext


Volksinitiative zur Wiedergutmachung

Die Guido Fluri-Stiftung hatte am 10. Juli 2012 angekündigt, falls die ehemalige Täterseite, insbesondere auch die staatlichen Institutionen, welche Zwangsmassnahmen verfügten, bis Frühjahr 2014 keine angemessene Aufarbeitungs- und Entschädigungsregelung vorlegen könne, starte sie eine Volksinitiative mit diesem Ziel.

Die von der Guido Fluri-Stiftung getragene Volksinitiative ist am 31. März 2014 lanciert worden. Sie verlangt die Einrichtung eines Fonds von 500 Millionen Franken zur Auszahlung von Abgeltungen an schwer Betroffene sowie eine breite wissenschaftliche Aufarbeitung.

Mehr zur Initiative hier

www.wiedergutmachung.ch

Hier finden Sie die Medienmitteilung zur Lancierun der Volksinitiative am 31 März 2014 und die Reden von Guido Fluri, Prof. Ueli Mäder, Ständerat (FDP) Joachim Eder, Nationalrätin (SP) Jaqueline Fehr, Nationalrätin (BDP) Ursula Haller und Ständerat (Grüne) Luc Recordon (auf deutsch) als PDF im Volltext.

13. Januar 2015: Mit 108'709 Unterschriften: Wiedergutmachungs-Initiative in Rekordzeit zustande gekommen!

Mitteilung der Bundeskanzlei, Bern, 13. Januar 2014 (PDF)

14. Januar 2015: Am Tag darauf beschliesst der

Bundesrat einen indirekten Gegenvorschlag zur Wiedergutmachungsinitiative, jedoch mit einer im Vergleich zur Initiative niedrigeren Abgeltungssumme von 250-300 Millionen Franken

Medienmitteilung des Bundesrats, Bern, 14. Januar 2015 (PDF)

Indirekter Gegenvorschlag des Bundesrats; Entwurf eines Gesetzes zur Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 mit einem einheitlichen Solidaritätsbeitrag an alle Opfer unter weiterer Absenkung des Bundesbeitrags auf 200 Millionen
Am 24. Juni 2015 hat der schweizerische Bundesrat den Entwurf eines Gesetzes (als indirekten Gegenvorschlag zur Wiedergutmachungsinitiative von Guido Fluri) präsentiert und in die Vernehmlassung geschickt. Der vom Parlament zu behandelnde Entwurf sieht einerseits eine weitere Schrumpfung des Gesamtbetrags, der vom Bund zu leisten ist, auf 200 Millionen Franken vor. Andererseits lädt er die Kantone und andere, z.B. Kirchen, Bauernschaft, Städte und Gemeinden (ohne diese explizit zu benennen), auf freiwilliger Basis zur Aufstockung auf die versprochenen 300 Millionen ein. (Die Initiative fordert einen Bundesbeitrag von 500 Millionen Franken.) Der Entwurf formuliert Verfahrensregeln und nimmt dabei  einige der Empfehlungen des Runden Tischs auf.
Im internationalen Vergleich würde sich die reiche Schweiz damit international am unteren Limit der für vergleichbares Unrecht geleisteten Beiträge an die Opfer in andern Ländern bewegen; beschämend ist auch der lange Zeitraum zwischen der Einsicht in das Unrecht (mit den Gesetzesänderungen von 1981) und den angestrebten Zahlungen an die Opfer (35 Jahre). In diesem Zeitraum sind sehr viele Opfer verstorben, deren Leiden nie finanziell abgegolten wurden; die Täterschaften blieben, mit wenigen Ausnahmen, straflos.

Gesetzesentwurf des Bundesrats vom 24. Juni 2015 zu Aufarbeitung Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 und zum Solidaritätsbeitrag an alle noch lebenden Opfer (D)

Bericht des Bundesrats vom 24. Juni 2015 zum Gesetzesentwurf zu Aufarbeitung Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierung vor 1981 und zu den Solidaritätsbeiträgen an die überlebenden Opfer (D) (D)

Medienmitteilung des Bundesrats vom 24. Juni 2015 betreffend Initiativ-Gegenvorschlag zu Aufarbeitung und Solidaritätsbeitrag an die noch lebenden Opfer fürsorgerischer Zwangsmassenahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 (D)

Vernehmlassungsantwort des Vereins Fremdplatziert, 10. September 2015

Leicht abgeänderte Gesetzesvorlage vom 4. Dezember 2015
Die neue Vorlage enhält einige Änderungen. Insbesondere soll eine neu zu schaffende Behörde zur Prüfung der Gesuche um die einzelnen "Solidaritätsbeiträge" als "Zeichen für die Anerkennung des Unrechts und Beitrag zur Wiedergutmachung" insgesamt 6 Millionen Franken kosten.

Botschaft des EJPD vom 4. Dezember 2015 zu dieser abgeänderten Vorlage, die gleichzeitig der bundesrätliche Gegenvorschlag zur Wiedergutmachungsinititative ist (und die Gesamtsumme der Zahlungen, die als "Geste der Wiedergutmachung" definiert werden, um zwei Fünftel reduzieren will).

Bundesrats-Antrag vom 4. Dezember 2015 zu Solidaritätszahlungen von 300 Millionen (statt, wie von der Initiative gefordert, 500 Millionen) für die auf zwischen 10'000 und 25'000 geschätzten Zwangsmassnahmen-Opfer, die zur Zeit noch leben. Damit würde die ursprünglich angestrebte "substantielle Zahlung" an die einzelnen Opfer, je nach der Gesamtzahl der dann noch Lebenden, eventuell sogar auf blosse Fr. 15'000.- sinken. Hingegen verhindert die Festlegung einer Obergrenze von Fr. 25'000 pro OPfer, welche die parlamentarische Finanzkommission in die Vorlage einbrachte, dass der Betrag für die einzelnen Opfer erhöht würde, falls sich weniger überlebende Opfer melden können als angenommen.
Die Opfer-Organisationen hatten 2013 Fr. 120'000.- pro Person beantragt und in der Vernehmlassung 2015 einen Kompromissvorschlag von Fr. 60'000.- pro Person gemacht. Demgegenüber ist dieser Vorschlag vom Spardenken geprägt.

Medienmitteilung von Guido Fluri zum bundesrätlichen Gegenvorschlagsentwurf zur Wiedergutmachungsinitiative (PDF, D)

Medienmitteilung von Guido Fluri zum bundesrätlichen Gegenvorschlagsentwurf zur Wiedergutmachungsinitiative (PDF, F)


Zustimmung des Nationalrats zum Vorschlag des Bundesrats (300 Millionen)
Nun kommt das Parlament zum Zug. SVP und FDP lehnten in der Vernehmlassung Zahlungen an die Opfer  gänzlich ab. Doch gibt es etliche  ExponentINNen selbst dieser Parteien, welche sogar die Initiative von Guido Fluri unterstützen und auch den Gegenvorschlag annahmen.
Die Debatte und Abstimmung über den Gegenvorschlag zur Initiative im Nationalrat fand am 26./27. April 2016 statt. Die Schlussabstimmung ergab 142 Ja-Stimmen aus allen Parteien gegenüber 26 Nein-Stimmen, darunter Toni Brunner, Natalie Rickli, lic. phil. Roger Köppel, Thomas Matter, Professsor und Advokat Hans-Ueli Vogt und andere ExponentINNen des ultrarechten Flügels der SVP. Sie stehen isoliert einer grossen Mehrheit gegenüber. Zwar sind die Zahlungen an die Opfer mit 25'000 CHF pro heute noch lebende betroffene Person im internationalen Vergleich und gegenüber den Forderungen der Betroffenenorganisationen tief angesetzt, aber sie werden von einer breiten politischen Koalition getragen.
Hier das Protokoll der Debatte und das Abstimmungsresultat (PDF)

Zustimmung auch des Ständerats
Am 15. September 2016 stimmte auch die zweite Kammer des Parlaments der Vorlage zu (Kreditrahmen 300 Mio. CHF, Obergrenze des Betrags pro Opfer 25'000.- CHF; melden sich weniger Opfer, steigt der Betrag pro Oper nicht, sonder das nicht abgerufene Geld geht an die Bundeskasse zurück.)
Das Abstimmungsresultat: 35 für die Vorlage des Bundesrats, einer dagegen (die isolierte Gegenstimme stammt vom Glarner SVP-Ständerat Werner Hösli)

Debatte im schweizerischen Ständerat vom 15. September 2016 im Wortlaut und mit dem Abstimmungsresultat (36 Stimmen für, eine gegen den bundesrätlichen Gegenvorschlag zur Wiedergutmachungsinitiative mit Zahlungen von -allerdings nicht in jedem Fall - insgesamt 300 Millionen an die noch lebenden Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen vor 1981)


Sonderbriefmarke zum Gedenken an die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen vor 1981
Am 8. September 2016 präsentierte Bundesrätin Simonetta Sommaruga eine Sonderbriefmarke, gestaltet von Beat Kehrli, Wert CHF 1.- , Zuschlag 50 Rappen. Der Ertrag aus dem Zuschlag geht an den Fonds für Soforthilfe.


Irland

In Irland haben Regierung und Kirchenobere beschlossen, über eine Milliarde Euro für Entschädigungen an ausgebeutete, misshandelte und misshandelte Zöglinge der dort lange meist kichlich geführten Waisenhäuser, Kinderheime und Erziehungsanstalten bereitzustellen und auszuzahlen. Vorher schon, von 1999 bis 2009, erarbeiteten sie mittels landesweiten Nachforschungen und Hearings mit Betroffenen die Fakten und präsentierten sie in einem fünfbändigen Untersuchungsbericht. Lesen Sie dazu einen Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 27. Mai 2009

Die vier Textbände des Untersuchungsberichts finden Sie hier:

Volume I; Volume II, Volume III, Volume IV

Der fünfte Band ist ein umfangreicher Dokumentenanhang:

Sie finden diese Informationen auf der staatlichen irischen Website

http://www.childabusecommission.ie/

Eine solche breite Aufarbeitung staatlicherseits steht in manchen Ländern, auch in der Schweiz, noch aus.


Norwegen

Die in norwegischen Kinderheimen Misshandelten erhielten die bislang höchsten Entschädigungen weltweit, bis zu 725'000 norwegische Kronenen, das entspricht rund 100'000 Schweizer Franken, pro Person.

Artikel hiezu aus einer norwegischen Zeitung vom 19. 12. 2012


Schweden

In Schweden hat Parlamentspräsident Per Westerberg am 21. November 2011 im Beisein von Königin Silvia vor 1300 Betroffenen öffentlich um Verzeihung gebeten. Die zuständige Ministerin Larsson hat nach einem peinlichen Hin und Her die Auszahhlung von 250'000 Kronen (34'000 Franken) pro betroffene Person zugesagt.

Dazu erschien ein

Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung vom 22. November 2011

Vorangegangen war eine als Bericht publizierte staatlche Aufarbeitung, in deren Verlauf 900 Betroffene ihre Aussagen machten.


Island

Islands Regierung entschädigt 300 ehemalige Heimkinder mit 520 Millionen isländischer Kronen (ca. 4 Mio Fr. d.h. maximal  ca. 45'000 Fr. pro Person)

Artikel vom 9. Dezember 2011 als PDF

Kanada
In Kanada wurde schon in früheren Jahren an die Kinder der Ureinwohner, die in den Resident Schools, das waren Kinderheime mit internen Schulen, in denen ein Klima von Misshandlung und sexuellem Missbrauch herrschte, von ihren angeblich "primitiven" Familien getrennt aufwachsen mussten, um "Zivilisation" zu lernen und ihre Herkunftskultur und Muttersprache zu verlernen, pauschal mit 10'000 kanadischen Dollars pro Person für das erste Jahr in diesen Schulheimen und mit 3000 Dollars für jedes weiter Jahr entschädigt. Seit 2012 läuft das Verfahren für eine zweite Runde von Entschädigungen. Betroffene, die als Kinder in diesen Schulheim schwer misshandelt und/oder sexuell missbraucht wurden, erhalten eine zweite Entschädigung im Betrag von maximal 98'000 kanadischen Dollar pro Person.

Artikel vom cbcnews zum Entschädigungsverfahren gegenüber den ehemaligen Bewohnern von Kinderheimen (residential schools) für die Ureinwohner in Kanada, wo sie ihrer Familie und Kultur entfremdet, misshandelt und in vielen Fällen auch sexuell missbraucht wurden (englisch)

They came for the children. Bericht der kanadischen Kommission für Wahrheit und Versöhnung aus dem Jahr 1912 über die resident schools.(englisch)

In diesen Schulheimen, die teils staatlich, teils kirchlich geführt wurden, und wo ein Klima des Rassismus, der Demütigung, Misshandlung und in vielen Fällen des sexuellen Missbrauchs herrschte, wurden über 10 Jahre lang die Kinder der Ureinwohner, gewaltsam getrennt von ihren Familien, zur "Zivilisation" umerzogen.


Deutschland

In Deutschland wurde im Anschluss an die Beratungen des Runden Tischs, an dem auch Betroffene vertreten waren, für das Gebiet der ehemaligen BRD 100 Millionen Euro, für das Gebiet der ehemaligen DDR 40 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, womit den Forderungen der Organisationen der Heimkinder nur teilweise Rechnung getragen wurde.. Zusätzlich sind 20 Millionen für wissenschaftlcihe Abklärungen und Aufarbeitungen budgetiert. In den einzelnen Bundesländern wurden Anlaufstellen für die Betroffenen eingerichtet.

Abschlussbericht des Runden Tischs Heimerziehung (R.T.H.) in Deutschland vom 22. Januar 2011

Stellungnahme einiger Betroffener zum offiziellen Abschlussbericht des R.T.H.

Diskussion über die Aufarbeitung der Fürsorgeerziehung der 1950er und 1960er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland, Juni 2009


Proteste und Kampagnen

Es gab immer wieder Wellen von Protesten gegen die schlimmsten Formen der schweizerischen Heimerziehung. 


Der Protest in der Zeitschrift "Die Nation" gegen die Zustände in der Erziehungsanstalt für katholische Knaben Sonnenberg, Kriens LU (1944)

Die Artikel von Peter Surava lösten eine Welle der Kritik aus. Der Anstaltsleiter wurde entlassen, die Anstalt vorübergehend geschlossen.


Artiikel von Peter Surava in "Die Nation" vom 30. August 1944: Ein gewisser Josef Brunner. Unhaltbare Zustände in einer Erziehungsanstalt für Knaben,  mit Fotos von Paul Senn, über die Knabenerziehungsanstalt Sonnenberg, Kriens LU, der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, als PDF

Folgeartikel (Nation, 20. September 1944) von Peter Surava zur Kritik an den Zuständen in der Erziehungsanstalt für katholische Knaben der Schweizerischen Gemeinützigen Gesellschaft in Kriens LU unter dem Anstaltsleiter Josef Brunner als PDF



Die Heimkampagne (1970-1972)

Die Bewegung dieses Namens war 1969 in Deutschland entstanden und erreichte dort wichtige Reformen im Heimwesen, weil sie sich mit den Anliegen der damaligen Heiminsassen solidarisierte und diese  mit spektakulären Aktionen im Stil der 1968er Revolte in die Medien brachte. Später rekrutierte die RAF um Ulrike Meinhof und Andreas Baader aus dem linksradikalen Flügel dieser Bewegung einige Mitglieder.

Auch in der Schweiz war die Heimkampagne der Jahre 1970-1972 durch ihre strikt antikapitalistische Rhetorik geprägt. Aber sie nahm ebenfalls die konkreten Anliegen der damaligen Bewohner und Bewohnerinnen von Erziehungsheimen auf und solidarisierte sich mit ihnen. Zeitweise war auch die Rockerszene an den publikumswirksamen Aktionen beteiligt. Am spektakulärsten war die mehrwöchige Massenflucht von rund zwanzig Heimzöglingen. Die Staatsgewalt ging polizeilich und juristisch gegen die Heimkampagne vor. Die Fachleute sind sich im Nachhinein jedoch einig, dass die Heimkampagne, die an einer Tagung im Rüschlikoner Duttweiler-Institut auch das Gespräch mit den entsprechenden Berufsleuten pflegte, wichtige  Änderungen in der Heimerziehung in Richtung Einhaltung der Menschenrechte und Respektierung der Menschenwürde auslöste.

Sie finden hier einen

Artikel aus der Fachzeitschrift curaviva Nr. 12 /2009 zum  Impuls der Heimkampagne auf die Heimszene;

einen Reader aus dem Jahr 1990 über das Umdenken in der Heimerziehung in den

Jahren  nach der Heimkampagne;

einige zentrale Originaldokumente der schweizerischen Heimkampagne mit den Meinungen der damaligen Zöglinge und Aktivisten, Aktenkopien und Pressekommentaren.

Arbeitsdokumente der Zürcher Heimkampagne, Band 1 (1972)

Arbeitsdokumente der Zürcher Heimkampagne, Band 2, Teil 1 (1972)

Arbeitsdokumente der Zürcher Heimkampagne, Band 2, Teil 2 (1971)

Dokumentation der Zürcher Heimkampagne zur Krise der Heimerziehung (1971, mit dem Text von Hansueli Geiger "Der Zögling - oder der Verbannte")

Kommunen als Alternative zur Heimerziehung (Referat von Rolf Thut, Rüschlikon 1970)

Artikel (Basler Nachrichten) vom 7. Dezember 1970 zur Tagung "Erziehungsanstalten unter Beschuss" in Rüschlikon