Schulheim Aarwangen (vormals Knabenerziehungsanstalt Aarwangen): Johannisbeerernte, 1970
Dr. Thomas Huonker
Telefon 078 658 04 31
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Postadresse
Ährenweg 1
CH-8050 Zürich
'Kinderheime in der Schweiz' wird von der
Guido-Fluri-Stiftung getragen und ist ein Projekt
von www.worldkids.info
Die Geschichte von Heimen und Erziehungsanstalten ist wie die Geschichte der Verdingkinder ein Tabuthema, dem die Sozialgeschichtsschreibung lange auswich. Es war überwiegend der Kreis von Insidern: Behördemitglieder, Institutionsleiter, Sozialpädagogen, Kinderpsychiater, welche sich aus ihrer eigenen Sicht heraus in Jubiläumsschriften und Fachartikeln äusserten.
Dem stehen die Berichte von ehemaligen Heim-, Pflege und Verdingkindern gegenüber. Viele von ihnen schrieben ihre Autobiografien, doch war es oft schwierig, einen Verlag dafür zu finden. Viele dieser authentischen Berichte wurden im Selbstverlag herausgegeben. Andere erschienen in Zeitungen, oder es waren Journalisten und Filmemachter, welche solche Lebensgeschichten dokumentierten.
Erst in den letzten Jahren hat die Sozialgeschichte die Geschichte des Armenwesens, der Kinderheime und anderer Institutionen des Sozialbereichs als Thema von grosser Tragweite erkannt. In den letzten Jahren wurden dazu einige Forschungsprojekte gestartet und viele Arbeiten an verschiedenen Universitäten geschrieben. Es waren vor allem auch Organisationen von Betroffenen sowie einzelne Medien, die zu dieser Entwicklung beitrugen (Links zu verschiedenen Projekten, Organisationen und Medien auf der Linkseite.)
Über den folgenden Link finden Sie eine Alphabetische Literaturliste zur Thematik Fremdplatzierung mit Schwerpunkt Schweiz. Sie wird ständig ergänzt und nachgeführt (auch auf Grund von Hinweisen von Forschenden oder auf selbst verfasste Lebensgeschichten, die wir gerne berücksichtigen).
Die folgenden Texte behandeln einzelne Aspekte der Thematik.
Zur Geschichte fremdplatzierter Kinder in der Schweiz
(eine kurze allgemeine Übersicht über die Geschichte der Fremdplatzierung in der Schweiz und machte Vorschläge zur Forschung, wie sie seit 2004 teilweise umgesetzt werden)
Verlauf und Stand von Erforschung und Thematisierung der Geschichte von Verdingkindern, Schwabengängern, Spazzacamini, Heimkindern und Pflegekindern in der Schweiz
(eine etwas ausführlichere Darstellung des Standes der Forschung - bis Ende 2006 - zur Thematik Verdingkinder, Heimkinder und Pflegekinder)
Zum Umgang mit fremdplatzierten Kindern und Jugendlichen im und aus dem Kanton Zürich während des 20. Jahrhunderts, mit kurzen Hinweisen zur selben Thematik in Graubünden
(detailliertere Informationen zur Geschichte des Aufwachsens in Heimen, Anstalten und Pflegefamilien in den Kantonen Zürich und Graubünden)
Die Geschichte der Heimkinder ist in den letzten Jahren auch im Ausland Gegenstand von Regierungsuntersuchungen geworden.
Neben der historischen Aufarbeitung wird dabei meist auch die Frage von Entschädigungszahlungen an die Betroffenen abgeklärt.
Schweiz:
In der Schweiz erhielten bisher erst Jenische, die von Kindswegnahmen, Fremdplatzierung in Heimen und Anstalten, als Verdingkinder oder als Adoptierte systematisch aus ihrer Herkunftskultur gerissen wurden und von denen einige auch einer Zwangssterilisation unterzogen wurden, eine so genannte "Wiedergutmachung" in Form einer Auszahlung in der Höhe zwischen Fr. 2000.- und 20'000.- (in den Jahren 1988 bis 1993 durch zwei Fondskommissionen).
1999 / 2000 richtete der Kanton St. Gallen "Wiedergutmachung" im Gesamtbetrag einer halben Million Franken an einige schwer misshandelte Heimkinder aus.
Hier finden sie eine erste diesbezügliche Pressemitteilung.
Hier finden Sie eine zweite diesbezügliche Pressemitteilung.
Das wirft Fragen der Rechtsgleichheit auf, da auch zahlreiche weitere Menschen in der Schweiz als Verding- ud Heimkinder, als adminstrativ Eingewiesene und als Zwangssterilisierte schwer geschädigt wurden. Die bisherigen "Wiedergutmachungen" entsprachen zudem nicht den Entschädigungen, wie sie nach Unfällen oder Verbrechen andern Opfern unter reller Berechnung ihrer Schädigungen zugesprochen werden. Opfergruppen, an denen unter dem Zeichen von Ausgrenzung und Diskriminerung Unrecht begangen wurde, werden so auch weiterhin rechtlich diskriminiert.
Was bislang aussteht, sind Entschädigungen gemäss den allgemein üblichen Kriterien (Integritätsschädigung, Erwerbsausfall, Uebernahme der Kosten für Therapien etc.)
Zur ausstehenden Entschädigung für Verdingkinder erschien ein
Artikel von Peter Hossli im Sonntags-Blick, Zürich, 6. November 2011
Deutschland
In Deutschland geht es dabei um die Frage, ob alle Betroffenen pauschal entschädigt werden sollen, oder nur Einzelfälle nach einer Abklärung des Grades der erlittenen Schäden.
Abschlussbericht des Runden Tischs Heimerziehung (R.T.H.) in Deutschland vom 22. Januar 2011
Stellungnahme einiger Betroffener zum offiziellen Abschlussbericht des R.T.H.
Diskussion über die Aufarbeitung der Fürsorgeerziehung der 1950er und 1960er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland, Juni 2009
Irland
In Irland haben Regierung und Kirchenobere beschlossen, über eine Millarde Euro für Entschädgungen an ausgebeutete, misshandelte und misshandelte Zöglinge der dort lange meist kichlich geführten Waisenhäuser, Kinderheime und Erziehungsanstalten bereitzustellen und auszuzahlen. Vorher schon, von 1999 bis 2009, erarbeiteten sie mittels landesweiten Nachforschungen und Hearings mit Betroffenen die Fakten und präsentierten sie in einem fünfbändigen Untersuchungsbericht. Lesen Sie dazu einen Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 27. Mai 2009.
Die vier Textbände des Untersuchungsberichts finden Sie hier:
Volume I; Volume II, Volume III, Volume IV
Der fünfte Band ist ein umfangreicher Dokumentenanhang:
Sie finden diese Informationen auf der staatlichen irischen Website
http://www.childabusecommission.ie/
Eine solche breite Aufarbeitung staatlicherseits steht in manchen Ländern, auch in der Schweiz, noch aus.
Schweden
In Schweden hat Parlamentspräsident Per Westerberg am 21. November 2011 im Beisein von Königin Silvia vor 1300 Betroffeneb öffentlich um Verzeihung gebeten. Die zuständige Ministerin Larsson hat nach einem peinlichen Hin und Her die Auszahhlung von 250'000 Kronen (34'000 Franken) pro betroffenen Person zugesagt.
Dazu erschien ein
Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung vom 22. November 2011
Vorangegangen war eine als Bericht publizierte staatlche Aufarbeitung, in deren Verlauf 900 Betroffene ihre Aussagen machten.
Island
Islands Regierung
entschädigt 300 ehemalige Heimkinder mit 520 Millionen isländischer
Kronen (ca. 4 Mio Fr. d.h. maximal ca. 45'000 Fr. pro Person)
Es gab immer wieder Wellen von Protesten gegen die schlimmsten Formen der schweizerischen Heimerziehung. Eine davon war die Heimkampagne.
Die Bewegung dieses Namens war 1969 in Deutschland entstanden und erreichte dort wichtige Reformen im Heimwesen, weil sie sich mit den Anliegen der damaligen Heiminsassen solidarisierte und diese mit spektakulären Aktionen im Stil der 1968er Revolte in die Medien brachte. Später rekrutierte die RAF um Ulrike Meinhof und Andreas Baader aus dem linksradikalen Flügel dieser Bewegung einige Mitglieder.
Auch in der Schweiz war die Heimkampagne der Jahre 1970-1972 durch ihre strikt antikapitalistische Rhetorik geprägt. Aber sie nahm ebenfalls die konkreten Anliegen der damaligen Bewohner und Bewohnerinnen von Erziehungsheimen auf und solidarisierte sich mit ihnen. Zeitweise war auch die Rockerszene an den publikumswirksamen Aktionen beteiligt. Am spektakulärsten war die mehrwöchige Massenflucht von rund zwanzig Heimzöglingen. Die Staatsgewalt ging polizeilich und juristisch gegen die Heimkampagne vor. Die Fachleute sind sich im Nachhinein jedoch einig, dass die Heimkampagne, die an einer Tagung im Rüschlikoner Duttweiler-Institut auch das Gespräch mit den entsprechenden Berufsleuten pflegte, wichtige Änderungen in der Heimerziehung in Richtung Einhaltung der Menschenrechte und Respektierung der Menschenwürde auslöste.
Sie finden hier einen
Artikel aus der Fachzeitschrift curaviva Nr. 12 /2009 zum Impuls der Heimkampagne auf die Heimszene;
einen Reader aus dem Jahr 1990 über das Umdenken in der Heimerziehung in den
Jahren nach der Heimkampagne;
einige zentrale Originaldokumente der schweizerischen Heimkampagne mit den Meinungen der damaligen Zöglinge und Aktivisten, Aktenkopien und Pressekommentaren.
Arbeitsdokumente der Zürcher Heimkampagne, Band 1 (1972)
Arbeitsdokumente der Zürcher Heimkampagne, Band 2, Teil 1 (1972)
Arbeitsdokumente der Zürcher Heimkampagne, Band 2, Teil 2 (1971)
Dokumentation der Zürcher Heimkampagne zur Krise der Heimerziehung (1971, mit dem Text von Hansueli Geiger "Der Zögling - oder der Verbannte")
Kommunen als Alternative zur Heimerziehung (Referat von Rolf Thut, Rüschlikon 1970)
Artikel (Basler Nachrichten) vom 7. Dezember 1970 zur Tagung "Erziehungsanstalten unter Beschuss" in Rüschlikon