Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Die Geschichte der nationalen Gedenkstätte

Das Kinderheim Mümliswil – eine Stiftung von Bernhard und Pauline Jäggi

 

Nach einer Bauzeit von knapp einem halben Jahr wurde das «Genossenschaftliche Kinderheim» in Mümliswil im Mai 1939 eröffnet. Den Antoss dazu gab das kinderlose Ehepaar Bernhard und Pauline Jäggi. Bernhard Jäggi war Politiker und langjähriger Leiter des Verbands der schweizerischen Konsumvereine – heute Coop. Als einer der wichtigsten Förderer der Genossenschaftsbewegung realisierte er genossenschaftliche Wohnprojekte sowie Bildungs- und Erziehungseinrichtungen. Mit dem 1937 gestifteten Heim wollte er körperlich geschwächten Kindern Ferien- und Erholungsaufenthalte ermöglichen. Dabei sollte, so Jäggi, «auf die Heranbildung von Charakteren im Sinne und Geiste von Heinrich Pestalozzi und Jeremias Gotthelf besonders Gewicht gelegt werden». Pestalozzis Drei-Kreise-Modell entsprechend war das Heim als zeitweiliger oder dauerhafter Ersatz für Elternhaus und Familie gedacht. Lange war das Mümliswiler Heim eine gut geführte Institution. In den 1960er Jahren liess die Qualität jedoch nach. 1973 wurde das Kinderheim geschlossen, bis 2003 war im Gebäude ein Kurszentrum untergebracht.

 

Bernhard und Pauline Jäggi in Mümliswil, 1940.

Bernhard und Pauline Jäggi in Mümliswil, 1940. Foto: Berty Stoll, Gemeindearchiv Mümliswil.

 

Hannes Meyer – ein ehemaliges Heimkind als Architekt

 

Architekt des Heims war Hannes Meyer (1889 – 1954). Als Heimkind in Basel aufgewachsen, durchlief er eine Maurerlehre, wurde Hochbauzeichner und später Architekt. In Deutschland war er an teils riesigen Bauvorhaben beteiligt. Für Jäggi und die genossenschaftliche Bewegung plante er 1919 den Bau der Genossenschaftssiedlung Freidorf. Später verliess er die Schweiz, wurde 1927 Leiter der Bauabteilung im Bauhaus in Dessau und 1928 Direktor des mittlerweile legendären Bauhauses. Wegen «kommunistischer Machenschaften» wurde er 1930 entlassen. Als Architekturdozent hielt er sich bis 1936 in Moskau auf und beteiligte sich dort an grossen Planungsprojekten. Die Planung des Mümliswiler Heims fiel in die Jahre 1936 bis 1938, die Meyer ohne Anstellung in der Schweiz verbrachte. 1939 zog er nach Südamerika weiter. In Mexiko- Stadt stand er als Direktor dem Institut für Städtebau und Planung vor. Es wurde ihm allerdings bereits 1941 – wiederum aus politischen Gründen – gekündigt. Er schlug sich mit verschiedenen Anstellungen und Bauprojekten durch und kehrte 1949 endgültig in die Schweiz zurück.

 

Hannes Meyer, 1938

Hannes Meyer, 1938. Foto: Judit Kárasz. © Bauhaus-Archiv, Berlin.

 

Der Bau

 

Das genossenschaftliche Kinderheim Mümliswil gilt heute als eines der hervorragendsten Beispiele sozial engagierter Architektur und ist wegen der Herkunft des Architekten Hannes Meyer als Heimkind von zusätzlich spezieller Bedeutung. Gerade aufgrund seiner schlimmen Zeit im Basler Waisenhaus wollte Meyer einen Bau schaffen, der dem Wesen und Leben der Kinder angemessen war und möglichst offen und wenig hierarchisch wirkte. Das Projekt entsprach Meyers Vorstellung, wonach Architektur einen sozialen und erzieherischen Auftrag zu erfüllen habe. Als Funktionalist entwickelte er den Bau gemäss den zu erfüllenden Aufgaben, brachte das Äussere aber mit dem landschaftlichen und dörflichen Kontext in Einklang. Trotz der normierten Konstruktion sollte das Heim wie ein Juragehöft aussehen, so Meyer, und Holz als bevorzugter Baustoff verwendet werden. Gemäss dem Wunsch des Stifters Bernhard Jäggi kam beim Bau das lokale Gewerbe zum Zug. Das Heim besteht aus zwei rechtwinklig zueinander stehenden Flügeln, verbunden durch einen runden, vorspringenden Pavillon. Im von Stützen getragenen Ostflügel waren früher die Zimmer für die Kinder, im Westflügel Aufenthaltsräume sowie Zimmer für die Angestellten und Gäste. Im Rund-Pavillon befand sich der Speisesaal, ausgestattet mit einem von Meyer extra entworfenen Tisch. Über dem Speisesaal befand sich bis zum Umbau in den 1970er Jahren eine Terrasse, auf der die morgendliche Gymnastik abgehalten wurde.

 

Das Kinderheim Mümliswil, Ansicht von Süden, um 1965.

Das Kinderheim Mümliswil, Ansicht von Süden, um 1965. Gemeindearchiv Mümliswil.

 

Vom Kinderheim zur Gedenkstätte

 

1973 war die Zeit des Mümliswiler Kinderheims nach 34 Jahren zu Ende. Unter der Führung des Coop Frauenbundes wurde das Haus in ein «Bildungs- und Ferienheim» umgewandelt. Der runde Sonnenpavillon wurde aufgestockt und überdacht, später wurden die Schlafzimmer im Osttrakt verkleinert. Um 2000 gab der Coop Frauenbund das Gebäude endgültig auf und schrieb es zum Verkauf aus. Projekte wie etwa eine Kletterschule, eine Naturpark-Herberge oder ein Schulungszentrum wurden nicht ausgeführt. 2011 ging das ehemalige Kinderheim an die Guido Fluri Stiftung, die darin 2013 eine Gedenkstätte errichtet für Kinder, die ausserhalb ihrer Familien aufwuchsen, seien dies nun Heim-, Pflege- oder Verdingkinder.

 

Das Mümliswiler Kinderheim und die Guido Fluri Stiftung

 

In der Gegend aufgewachsen, gehörte Guido Fluri zu den letzten Kindern, die Anfang der 1970er Jahre im Mümliswiler Heim untergebracht waren. Anders als die Feriengäste früherer Jahre verbindet er mit seinem kurzen Heimaufenthalt nicht nur positive Erinnerungen. Gemäss dem Stiftungszweck, Gewalt an Kindern zu verhindern und die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, wandelte die Guido Fluri Stiftung das Kinderheim Mümliswil zur Nationalen Gedenkstätte um. Als Begegnungszentrum, Ausstellungsort und Informationsplattform mit einer umfassenden Wissensdatenbank, ist dieses den ehemaligen Heim- und Verdingkindern und der Aufarbeitung ihrer Geschichte gewidmet. Schulklassen, Gruppen und Privatpersonen erhalten die Gelegenheit, sich anlässlich von Ausflügen, Lagerwochen oder Workshops umfassend mit der Thematik auseinanderzusetzen.

 

Guido Fluri, 2012.

Guido Fluri, 2012. Foto: Studio Peter Hofstetter.

 

In den letzten zehn, zwanzig Jahren meldeten sich vermehrt ehemalige Heim- und Verdingkinder zu Wort und finden endlich auch Gehör und Anerkennung. Obschon das ihnen angetane Leid mittlerweile zum öffentlichen Thema geworden ist, sind die vollständige Aufarbeitung und die vollumfängliche Wiedergutmachung noch ausstehend.

 

Ursula Müller-Biondi und ihr Mann im Gespräch mit Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf

Ursula Müller-Biondi und ihr Mann im Gespräch mit Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf, Hindelbank, 2010. Foto: © Susanne Schanda.