Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Berichte von ehemaligen Heimkindern

"Ab sofort gab es einen grauweissen Streifenrock und Holzschuhe"

Charlotte Wäfler, geboren 1947, Pflegefamilie, Erziehungsheim Brüttelen, Kanton Bern

 

"Du wirst wie deine Mutter, du gehörst in eine Erziehungsanstalt!" Wer aber ist meine Mutter? Mit sieben Jahren eines Morgens beim Frühstück erzählte mir damals meine Mutter - ich meinte, sie sei es - : "Ich muss dir etwas sagen. Wir sind nicht deine Eltern. Ich bin deine Tante. Der Mann, der vis-à-vis wohnt, ist dein Vater." Der erste Schock meines noch jungen Lebens. Nach der Frage: "Wer ist denn meine Mutter?" die kurze Antwort: "Die ist nichts wert, die kann kein Kind erziehen."
Von da an erwachte in mir eine Rebellin.

 

Ich wurde eingeschult im Jahr 1954 im Breitfeldschulhaus in Bern. Ob-schon ich Bleistift, Znüni, Farbstifte hatte, klaute ich wie eine Elster meinen Mitschülern Znüni etc. Nach der Schule spazierte ich herum, statt nach Hause zu gehen. Als ich nach Hause kam, gab es Schläge und Strafe.
Mein damaliger Vormund Dr. Glauser von der Amtsvormundschaft Bern beschloss: Dieses Mädchen muss weg, wir müssen sie versorgen. Da war ich acht Jahre alt. Man erzählte mir, ich kriege jetzt viele Schwestern und ich müsse unter Mädchen aufwachsen, damit aus mir etwas werde, nicht wie meine Mutter. Aber wer um Gotteswillen ist meine Mutter? Niemand hat mir meine Frage beantwortet.
Im Oktober 1955 war es soweit, die zwei Koffer wurden gepackt, eine Frau von der Amtsvormundschaft und meine Pflegemutter zogen los mit mir Richtung Berner Bahnhof. Die Fahrt ging Richtung Neuenburg. In Ins angekommen, stiegen wir in eine kleine Bahn. Nie werde ich vergessen, wie dieser Zug rüttelte. Mir wurde schlecht. In Brüttelen angekommen, gings los. Mit einem Leiterwagen, darauf meine zwei Koffer, zogen wir los. Die Strasse war unendlich lang und es ging nur noch bergauf. Nach dem letzten Bauernhof kam nur noch viel Wald. Und da, plötzlich, sah ich ein grosses Haus und vor dem Haus eine mehrere Meter hohe Mauer. An der Haustüre stand ein mittelgrosser Mann mit Glatze und das erste, was er sagte, war: "Ich bin Vater und das" (er deutete auf eine Frau, die neben ihm stand) "ist Mutter." Ich weinte bitterlich, und die Antwort war: "Du bisch doch nid so blöd, wie isch äs doch schön!"
In diesem Moment fing mein Schicksal an.

 

Ab sofort wurde mein Name Charlotte gekürzt und ich hiess nur noch Lotti. Ich war das fünfzigste Mädchen und die jüngste von allen. Meine Kleider habe ich nie getragen. Ab sofort gab es einen grauweissen Strei-fenrock und Holzschuhe. Ich schlief in einem Zimmer mit zehn Mädchen, in einem Eisenbett, und ich war die einzige, die nicht ins Bett nässte. Ich erzählte, dass ich nicht lange hier bleiben müsse. Die Antwort war: "Das hat man mir auch gesagt, und ich sitze hier schon fünf Jahre."
Sechs Uhr morgens aufstehen. Waschen, anziehen und kämmen. Dies war der Horror. Ein grosses Mädchen zog einen Kamm durch meine langen Haare und machte mir dann meine Zöpfe. Halb sieben Uhr Schuhe putzen. Punkt sieben Uhr in einem riesigen Gang in eine Reihe stehen. Ich war die letzte. Der Vater kam und wir mussten die Schuhe langsam drehen. War da noch ein Fleck, ab zum Putzen ohne Frühstück. Das Essen war grauenhaft widerlich. Da wusste ich noch nicht, dass ich sieben Jahre lang von Montag bis Sonntag den gleichen Frass kriegen würde. Und ganz klar: Bevor gegessen wurde, wird gebetet. Zum Schluss wieder in eine Reihe stehen und diesem Vater danken für das Essen.

 

Schule war Nebensache. Was ich gelernt habe, war harte Arbeit von Morgens bis Abends, im Stall, auf dem Feld, in der Gärtnerei. Freizeit gab es nicht. Gehorchten wir nicht, gab es Schläge. Der Vater schlug mit allem zu, was ihm gerade zur Verfügung stand. Jede Gruppe hatte eine Lehrgotte, die hatte die Aufgabe, Zucht und Ordnung beizubringen. Vor allem musste sie immer Rapport beim Alten abliefern. Auf Berndeutsch hiess das "rätsche". Dann hiess es: "Aufs Büro!" und die Schläge waren uns sicher. Am Sonntag nach dem Mittagessen mussten wir dem Vater ein Lied singen und danken für das Essen. In Zweierkolonne mussten wir spazieren. Die Menschen im Dorf nannten uns "die Badwiiber". Warst du mal traurig oder hattest du gar Tränen in den Augen, hiess es "Tue nid so blöd!" und tätsch gab es wieder eine hinter die Ohren. Briefe und Pakete wurden geöffnet und zensuriert. Je nachdem, was wir geschrieben hatten, wurde der Brief nicht abgeschickt. Jeden Sonntag ging es nach Ins in die Kirche, um dem lieben Gott zu danken, dass es uns so gut ging. Dreissig Minuten marschieren, und in der Kirche schön abgesondert, damit alle sahen, da sitzen die "Badwiiber".

 

Kurz und gut, ich sass sieben Jahre im Knast. Warum, wusste ich nie. Immer fragte ich mich: Was habe ich getan? Noch heute sage ich, meine Eltern haben versagt und deshalb musste ich in den Knast.
Ich kam mit dem Sechst-Klass-Rechnungsbuch aus der Schule. Ich durfte niemandem sagen, wo ich aufgewachsen bin, ich schämte mich dermas-sen. Sieben Jahre Zucht, und mit 15 wurde ich in die Freiheit entlassen. Ich wusste von der Aussenwelt nichts. Buben durften wir nicht anschau-en, sonst wurden wir in ein Zimmer gesperrt, mit Suppe und Brot. Es kam soweit, dass er (der Anstaltsleiter) Mädchen verletzte, und kein Arzt wurde gerufen. "Das heilt schon wieder", war die Antwort. Die Amtsvormundschaft interessierte sich einen Dreck, wie mit uns Mädchen umgegangen wurde. Kurz, es waren sieben Jahre Horror.
Ich absolvierte ein Haushaltlehrjahr mit der Note 5 und immer noch wusste ich nicht: Wer ist meine Mutter? Ich musste allen beweisen, dass ich nicht so bin wie sie.
In Bern-Ostermundigen fing ich eine Lehre an als Gärtnerin. Die Gewer-beschule war für mich schlimm. Was sind Flächenberechnungen, was ist technisches Zeichnen? Der Kampf ging weiter. Im zweiten Lehrjahr versuchte mein Lehrmeister, 64jährig, auf mich loszugehen. Ich erzählte es meiner Stiefmutter. Sie ging zum Vormund. Und da, in Gegenwart von mir, sagte man uns: "Ach wissen Sie, Frau Pulfer, wenn Ihre Tochter nicht unter Vormundschaft wäre, könnten wir etwas tun, aber so macht sie Zweite."
Und wieder musste ich wahrnehmen: Du bist nichts.

 

Der Kampf ging weiter. Meine Lehre hatte ich in Murten abgeschlossen. Und immer noch hatte ich den Stempel auf dem Kopf. Wenn ich etwas brauchte, Kleider oder Schuhe, musste ich zuerst den Vormund fragen, und im Geschäft musste ich sagen: "Bitte senden Sie die Rechnung an Herrn Dr. Glauser, Amtsvormund." Mit zwanzig, da war ich endlich ein freier Mensch. Endlich war ich den Vormund los. Bis heute ist meine Frage: Wo sind all die Akten, die man damals von mir gemacht hat? In welchem Archiv liegen die? Oder gingen sie durch den Shredder?
Heute bin ich 57 Jahre alt und mein Leben ist bis heute ein Kampf. Ich arbeite heute noch an dieser grausamen Ungerechtigkeit. Und ich bin sicher, noch viele meiner Leidensgenossinnen kauen heute noch an dem, was wir durchgemacht haben. Ich weiss nicht, wie ich mich verhalten würde, wenn ich den Heimleitern, Vater und Mutter, begegnen würde. Ich weiss, dass er in Pieterlen bei Bern wohnt. Meinen beiden Söhnen habe ich bis heute noch nie erzählt, wie ich aufgewachsen bin. Meine Mutter habe ich kennengelernt, jedoch die richtige Wahrheit werde ich wohl nie erfahren. Eines ist klar: Es ist gut, dass heute die Medien all den Grässlichkeiten nachgehen und sie aufdecken. Als vor Jahren meine Mutter starb, und ich beim Pfarrer war und ihm erklärte, dass da kein Lebenslauf verlesen werde, schaute er mich an und sagte: "Aber etwas sollten Sie mir schon erzählen." Nach einer halben Stunde Zuhören sagte er mir: "Ou, das isch ja wie ne Krimi!" Und, bei Gott, das ist es auch.
Ich bin dankbar, dass ich bis jetzt mein Leben so im Griff habe. Es gab viele Male einen Fast-Kurzschluss. Zweimal habe ich versucht, die Erde zu verlassen. Im Kinderknast ass ich Blumendünger, doch es wollte nicht geschehen. Und einmal versuchte ich es mit Tabletten.
Zum Glück ist mein Selbstwertgefühl stark.
Denn heute weiss ich: Ich bin gut!"

 

(Quelle: Bericht zur Tagung ehemaliger Verdingkinder, Heimkinder und Pflegekinder am 28. November 2004 in Glattbrugg bei Zürich, Hg. von der Vereinigung Verdingkinder suchen ihre Spur, Zürich 2005, S.7-10)

 

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