Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Berichte von ehemaligen Heimkindern

"Wenn man beim Abendessen (das wurde auf der Gruppe eingenommen und das Mittagessen im Speisesaal) zuviel lachte oder sonstwie Unsinn machte, dann musste man mit dem Teller auf dem Klo fertig essen!"

DanielaTschaggelar-Hodel, geboren 1964, Kinderheim Sonnhalde Luzern

 

"Meine Mutter gebar mich im Kantonsspital Luzern als unehelich. Mein Vater war bekannt, er wollte aber keinen Kontakt zu mir. Ich bekam einen Vormund. Meine Mutter fand, als ich ca. 1,5 Jahre jung war, einen Mann, der sie heiratete. Dieser Mann hat mich ziemlich rasch (also gegen zwei war ich) sexuell missbraucht. Dieser Missbrauch hielt an bis dieser Mann verunglückte. Da war ich ca. 9,5 Jahre alt. Ich bekam zwei Stiefbrüder als ich vier und acht war.
Mein Stiefvater war sehr gewalttätig und trank sehr gerne Alkohol. Er bedrohte oft meine Mutter mit dem Brotmesser oder ähnlichem und sperrte uns Kinder vor die Haustüre. So dass wir nur die Schreie meiner Mutter hörten. Mein damals jüngster Bruder war ein Baby. Ich glaubte ihn beschützen zu müssen. Auch mich bedrohte er. Jedesmal wenn er mich missbrauchte (das war oft täglich) betonte er, dass er mich und die Mutter umbringe wenn ich irgend jemandem was erzähle, oder man stecke mich in ein Kinderheim. Das Übliche halt...
Ich würde heute sagen, dass wir sehr asozial lebten. Sehr abgeschirmt von der "normalen" Welt. Ich durfte keine Kontakte pflegen zur Aussenwelt. Kameraden einladen war sowieso verboten. Wir sind oft umgezogen. Meine Familie war auf dem Amt bekannt (laut meinen Akten). Oftmals musste ich meine Brüder hüten und das mit meinen acht Jahren oder jünger.
Meine Stiefvater hat sehr oft gestohlen, war regelrecht auf Klautour.

Kinderheim Sonnhalde:
Als ich acht war, wollte meine Mutter meinen Stiefvater verlassen. Eines Morgens sagte meine Mutter mir: Hör mal Dany, es holt dich demnächst jemand ab, dann kommst du zu einer ganz netten Familie. Kurz darauf hörte ich Schritte im Treppenhaus und es klingelte. Eine Frau und ein Mann erschienen. Die Frau (sie hiess Ruth F.) nahm mich an den Händen und wollte mich mitnehmen. Ich sagte, dass ich nicht wollte, dass ich meine Brüder nicht alleine lassen wollte. Sie aber zerrten mich mit. Ich schrie im Treppenhaus, ich schrie Draussen und ich schrie im Auto: "Ich will nicht weg, ich will nicht weg, ich will hier bleiben!".....u.s.w. Irgendwann haben sie mich bezwungen und ich schwieg. Ab diesem Augenblick habe ich wieder mal ein Stückchen meines Vertrauens in die Erwachsenenwelt verloren. Ein Stück von mir war gestorben. Die haben mir Gewalt angetan an meinem Körper und an meiner Seele. Eine weitere Vergewaltigung!
Ich kam zu Pflegeeltern, die mich dann, nach ein paar Monaten, ohne mich zu informieren in das Kinderheim Sonnhalde abschoben. Weder mein Vormund Herr H. noch die Pflegeeltern oder sonst jemand hat er für nötig befunden mir zu sagen, dass sie mich nie mehr dort abholen werden. Obwohl man mir weis machen wollte, dass ich nach den Sommerferien wieder zurück kann. Und ich habe es geglaubt!!!
Dann war ich also in diesem Kinderheim. Ich hatte einen sehr weiten Schulweg, da ich weiterhin in die gewohnte Klasse gehen durfte. Eigentlich wollte ich ja in das Schulhaus wechseln, das direkt neben dem Heim liegt (das Rüeggisingerschulhaus). Aber ich durfte nicht. Ich bekam ein Fahrrad das dauernd kaputt gemacht wurde von anderen Heimbewohnern oder Schulkameraden. So war es oft so, dass ich den Weg gehen musste, aber dann trotzdem zu spät zum Mittagessen kam. Da gab es eine Strafe: Man bekam kein Mittagessen mehr. Man durfte sich zwar hinsetzen, aber durfte NICHTS mehr essen!!! Man wurde oft mit Essensentzug bestraft! Wenn man was anstellte, dann gab es keine Nahrung. Und da ich oft zu spät kam, gab es oft kein Essen. Ich hab das mal einer Frau auf dem Schulweg erzählt, da steckte sie mir manchmal einen Apfel zu. Ansonsten habe ich oft Früchte aus den Gärten geklaut. Ich habe mir eine Sammlung von (meist) Früchten angelegt, unter dem Bett in der Schublade. Damit ich immer was hatte, wenn ich mit Hunger ins Bett musste. Ich war dauernd auf der Suche nach Essbarem! Manchmal hatte ich Abends Angst einzuschlafen, weil ich dachte, ich sei am Morgen verhungert! Es hat mir niemand gesagt dass das nicht möglich ist.
Ein Vater einer Schulkameradin hat mich mal in einem Keller fast vergewaltigt, weil ich mit ihm in den Keller ging, weil er mir dort unten eine Tasche saftige Birnen versprach!
Wenn man beim Abendessen (das wurde auf der Gruppe eingenommen und das Mittagessen im Speisesaal) zuviel lachte oder sonstwie Unsinn machte, dann musste man mit dem Teller auf dem Klo fertig essen! Ein kleines Räumchen mit einem Minilavabo und einem Klo. So, dass ein erwachsener Mensch die Knie aufschlug an der Türe, wenn er auf dem Klo sass. Wir mussten so essen! Als Strafe! Die einzige Möglichkeit zu sitzen war das Klo!!!
Dann, als ich ein paar Monate im Heim war, hat sich meine Mutter mit dem Stiefvater versöhnt. Ich musste (!!) wieder regelmässig nach Hause und wurde auch wieder jedes Wochenende mehrere male vergewaltigt. Fast jedesmal holte ER mich ab und dann gings erst mal zu einer geschützten Stelle im Wald oder ähnlichem. Dann am Sonntag brachte er mich zurück und wieder dasselbe.
Eines Tages hat die Heimleitung rausgefunden dass ich missbraucht werde. Ich wurde im Kantonsspital Luzern in Vollnarkose untersucht und mir wurde nichts aber auch gar nichts gesagt, wie wo und was. Mein Körper wurde ein weiteres Mal vergewaltigt!
Danch wurde ich gefragt ob ich die Vorfälle meiner Mutter sagen möchte. Ich wollte logischerweise nicht. Er hätte meine Mutter umgebracht, definitiv! Dann wurde alles unter den Tisch gekehrt und so getan wie wenn nichts gewesen wäre.
Ich "durfte" am Wochenende wieder nach Hause und wurde meist von IHM abgeholt.
Ich habe rebelliert, sagte ihnen, dass ich NICHT nach Hause wolle. Sie haben mich dann vor die Türe gesperrt und die Türe abgeschlossen!!!  Schon wieder sind grosse Stücke des Vertrauens in die Erwachsenenwelt gebröckelt! Warum haben die mir nicht geholfen? Warum haben die mich immer wieder vor die Türe gesetzt??? Ich habe doch gedacht, dass die erwachsenen Menschen die Kinder beschützen?
Dann (ich war ca.9,5 J.) wurde ich endlich erlöst. Mein Stiefvater erlag den schweren Verletzungen eines Verkehrsunfalls!!
Mit 13,5 Jahren durfte ich dank neuer Gesetze meinen Vormund "abgeben" und ich durfte wieder zu meiner Mutter und meinen Stiefbrüdern.
Ich muss hier noch anfügen dass ich nach Hause entlassen wurde, obwohl meine Mutter schon wieder in Trennung lebte. Die Behörden/Vormund u.s.w. haben zwar alles abgeklärt aber es war leicht sie anzulügen (meine Mutter sagte uns wir müssen die anlügen, damit ich nach Hause dürfe). Die Behörden haben ihr/uns geglaubt, sie waren wohl froh dass sie mich entlassen konnten. man stelle sich vor; Ich war kurz vor Schulabschluss und es wäre doch sicher nicht schwer gewesen meiner Mutter ein bisschen auf die Finger zu schauen. Ich durfte nämlich keinen Beruf lernen (es war wohlverstanden 1977/78). Man hat sie einfach machen lassen und ich stehe heute OHNE Lehrabschluss da!!! Das werfe ich diesen Behörden vor!


Später:
Als ich etwas über zwanzig war, da hat die Sonnhalde geschlossen und es gab ein grosses Treffen im Heim von Ehemaligen. Auf meinen Vormund Herr H. der auch gleichzeitig andere Mündel aus dem Heim hatte damals, haben wir vergebens gewartet. Der Heimleiter war da und auch die Frau Ruth F., die mich damals Zuhause abholte. Ich habe lange mit ihr gesprochen. Sie wollte sich an meinen Fall nicht erinnern. Aber sie versprach mir mal im Archiv nachzuschauen, denn sie hatte noch (illegalen) Zugang. Ich fand das sehr nett, denn ich wollte wissen, warum die damals erfahren haben, dass ich missbraucht wurde. Darauf rief Ruth mich an (vielleicht hat sie auch geschrieben, ich weiss das nicht mehr so genau) und erzählte mir dass ein Brief von einer Mutter von einer Kameradin vorhanden sei. Aber ohne Unterschrift. Mehr könne sie mir nicht sagen, ich solle doch die Sache lieber ruhen lassen. Inzwischen hat mich aber meine Freundin (die auch im Heim war) informiert, dass ich Akteneinsicht nehmen kann. Das habe ich dann auch getan. Ein Herr A. wolle mir die Akten bereit legen hat man mir am Telefon versprochen. Da es viele Herr A.`s gibt in dieser Gegend (und auch der damalige Heimleiter einer davon war), habe ich mir nichts dabei gedacht. Als ich dann auf dem Amt in Emmen empfangen wurde und der Heimleiter vor mir stand, da wusste ich: Ich kann wieder nach Hause gehen, es hat keinen Sinn! Trotzdem las ich meine Akte und liess sie auch kopieren. Aber logisch!!! Der Brief der benannten Mutter fehlte und auch einen Eintrag über den Missbrauch fehlte!!!!
Als ich später Ruth darauf ansprach, da sagte sie mir es sei nie ein Brief da gewesen, das stimme nicht.

Fazit:
Ich werfe den Behörden vor, dass sie mich nicht beschützt haben damals. Obwohl alle (Heimleiter, Vormund und Erzieherinnen) davon wussten, wurde nichts getan!!!! Statt beschützt, wurde ich gezwungen nach Hause zu gehen, obwohl die wussten was passiert!!!
Die haben mich gewaltsam entfernt von Zuhause!
Sie haben mich behandelt als wäre ich Dreck und meine Würde genommen, als ich auf dem Klo essen musste.
Die haben mir das Gefühl gegeben dass ich jederzeit sterben könnte (Essensentzug).
Und die haben Akten verschwinden lassen von mir, die für mich wichtig gewesen wären!!

Ich habe nur das Wichtigste geschrieben! Aktenkopien sind vorhanden!"

 

(Quelle: e-mail an info@kindeheime-schweiz.ch vom 6. Dezember 2010)

 

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