Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Berichte von ehemaligen Heimkindern

"Ich hatte das sechste Lebensjahr erreicht und musste von nun an eine Jugendzeit hinnehmen, die ich in der Form keinem Menschen wünschen würde."

Erwin Hauser. Geboren 1956. Waisenhaus Wil SG (von 1958 bis 1974).

 

Auszüge aus dem Buch von Erwin Hauser: Die Stimmen meiner Eltern hörte ich nie. Eine wahre Lebensgeschichte. Das Buch erschien 2011 bei der CMS Verlagsgesellschaft in Zug, wo es auch bezogen werden kann.

"Bereits seit vier Jahren waren meine Schwester und ich im Kinderheim untergebracht. Ich hatte das sechste Lebensjahr erreicht und musste von nun an eine Jugendzeit hinnehmen, die ich in der Form keinem Menschen wünschen würde." (S.23)

Verbot, den Kindergarten zu besuchen
Die Kinder des Kinderheims durften den Kindergarten nicht besuchen. Fragen nach dem Warum wurden mit harten Drohungen und Strafen abgeblockt.
"Trotz all der negativen Antworten gab ich nicht auf, sondern bat die Nonnen immer und immer wieder, mich mit den anderen Kindern in den Kindergarten gehen zu lassen. Im Nachhinein wäre es wohl besser gewesen, ich hätte nicht weiter insistiert, denn eines Tages tauchte mein Vormund auf und zitierte mich in sein Büro. Dort musste ich mir die gleichen unverständlichen und ausweichenden Antworten anhören, die mir die Nonne zuvor bereits gegeben hatte. Aber damit nicht genug. Um den Druck auf mich weiter zu erhöhen, wurde mir angedroht, dass man mich ins Zuchthaus verfrachten würde. 'Dort kannst du dich dann mit Wasser und Brot vergnügen und dein Lachen wird dir endgültig vergehen!' [...] Die Blicke, mit denen mich sowohl mein Vormund als auch die Nonne bedachten, machten mir Angst. Ich hatte das Gefühl, ihre ohnehin deutlichen Worte würden durch ihren blossen Hass noch verstärkt. Von nun an wusste ich, dass ich niemals eine Chance gegen die beiden haben würde." (S.25)

"Irgendwann kam der Tag, an dem sich die Nachbarskinder auf den Weg in den Kindergarten machten, und schon von weitem konnte ich ihr Lachen und Schreien hören. Unweigerlich begab ich mich ans Fenster, von wo aus ich miterleben konnte, wie sie, ausgerüstet mit ihren Pausentäschchen, fröhlich und lustig an unserem Haus vorbeistolzierten. Ach wie schön wäre es gewesen, hätte ich dabei sein können! Doch plötzlich wurde ich von hinten gepackt, vom Fensterbrett weggezogen und zusätzlich mit einer saftigen Ohrfeige bedacht. [...] Mir wurde verboten, mich in Zukunft weiter ans Fenster zu begeben; andernfalls würden weitere Massnahmen eingeleitet werden." (S.26)

Die Dunkelkammer
"Als man mich verbotenerweise zum zweiten Male dabei erwischte, dass ich aus dem Fenster sah, wurde ich mit brutaler Härte bestraft. Diesmal begnügte man sich nicht mit Schlägen, nein, man zerrte mich regelrecht in den Keller, wo mich die Dunkelkammer erwartete. Obwohl ich mich mit Händen und Füssen wehrte, hatte ich keine Chancen gegen die vereinten Kräfte der Nonne und ihrer Angestellten. [...] Nun war ich also in der Kammer eingesperrt, ohne auch nur die geringste Fluchtmöglichkeit zu haben. [...] Die unheimliche Dunkelheit liess meine Angst ins Unermessliche steigen. Mit beiden Händen polterte ich an die Tür, schrie um Hilfe, aber niemand konnte oder wollte meine Hilferufe hören. Hilflos war ich meinem Schicksal ausgeliefert. Irgendwann liessen meine Kräfte nach, und ich gab es auf, weiter an die Tür zu klopfen. Weinend sass ich auf dem kalten Betonboden. Ich fürchtete mich vor Mäusen und hörte Geräusche, die wahrscheinlich gar nicht existierten. Ich hatte panische Angst und wollte einfach nur raus, raus aus diesem dunklen, engen und kalten Loch. Ich fror, weinte unablässig weiter und hätte längst einmal auf die Toilette gehen müssen. (S.27)

"Angesichts dieser Situation war es nicht zu vermeiden, dass ich einnässte;ich hoffe, Sie können das verstehen. (...) Wie lange ich in dieser dunklen Kammer eingesperrt war, kann ich ihnen nicht genau sagen, aber mir kam es vor wie eine Ewigkeit. Ab und zu nickte ich trotz allem kurz ein, was vielleicht gar nicht einmal so schlecht war, denn so konnte ich der furchterregenden Situation zumindest vorübergehend entfliehen. Als ich endlich wieder aus der Dunkelkammer befreit wurde, taten mir im ersten Moment unweigerlich die Augen weh, denn sie mussten sich erst wieder ans Tageslicht gewöhnen. Weil meine Hose nass war, musste ich zusätzlich büssen..." (S.28)

Möglichst wenig Kontakt zur Aussenwelt
Immerhin konnten die Heimkinder von Wil die normalen Schulen besuchen, doch ansonsten wurden Erwin Hausers Kontakte zur Aussenwelt rigide eingeschränkt.
"Weder meine Schwester noch ich trafen bei der Heimleitung je auf das geringste Verständnis; nie durften wir einem Verein beitreten, obwohl dies doch an sich nur eine gute Sache gewesen wäre. Alles, was wir in dieser Hinsicht wünschten, wurde ohne zu überlegen sofort abgelehnt." (S.46)

Der Weg zwischen Schule und Kinderheim war ohne Verzug zurückzulegen, Verzögerungen wurden hart bestraft
"Ich will Ihnen gar nicht verheimlichen, dass ich oft zu spät am Mittagstisch erschien. Entweder weil ich nicht widerstehen konnte, noch eine Weile mit meinen Kameraden zu schwatzen, oder weil ich es schlicht und einfach satthatte, nach Hause rennen zu müssen, wobei ich oft vollkommen ausser Atem geriet. Selbstverständlich trafen meine Verspätungen auf keinerlei Toleranz. Zur Strafe musste ich wiederholt mit dem Gesicht zur Wand in einer Ecke knien, und zwar so lange, bis es an der Zeit war, in die Schule zurückzukehren. Darüber hinaus wurde mir auch noch das Mittagessen gestrichen, egal, wie sehr ich über Hunger klagte. Ich wurde einfach ignoriert, gerade so, als würde ich überhaupt nicht existieren. An diesen Tage blieb mir nichts anderes übrig, als mit knurrendem Magen in den Nachmittagsunterricht zu gehen. Doch selbst wenn mir das Essen nicht gestrichen wurde, servierte man es mir gerne in einem verbeulten, unappetitlichen Blechteller, mit der Bemerkung, so einen bekäme ich auch im Zuchthaus vorgesetzt." (S. 46 f.)

Blaue Flecken von den Schläge mussten als Folge von Stürzen ausgegeben werden
Bei Krankheiten kam ein Kinderarzt ins Heim. Die Spuren der Misshandlungen mussten die Heimkinder dem Arzt gegenüber mit erfundenen Stürzen von der Treppe und ähnlichem erklären.
Anlässlich einer "Nachkontrolle in seiner Praxis (...) befahl mir die Nonne, bevor ich das Kinderheim verlassen durfte, mit lauter und kräftiger Stimme, dass ich nur auf Fragen antworten dürfte, die meine Krankheit beträfen; sollte sich der Arzt über andere Dinge erkundigen, hätte ich zu schweigen. Es ist schon traurig, wie wir regelrecht darauf gedrillt wurden, zu lügen. Nur ein Beispiel: Infolge der zahlreichen Schläge, die ich im Laufe der Zeit immer wieder einstecken musste, war ich häufig mit blauen Flecken übersät, die ich aber damit zu rechtfertigen hatte, dass ich entweder die Treppe heruntergefallen wäre oder mich anderweitig heftig angeschlagen hätte. Womit man mir drohte, sollte ich die Wahrheit sagen, muss ich Ihnen wohl nicht weiter erzählen. Dementsprechend sagte ich dem Kinderarzt natürlich auch nicht die Wahrheit [...]. Hatte der Kinderarzt meine Unsicherheit bemerkt? Wusste er, dass im Kinderheim nicht alles seine Richtigkeit hatte, konnte sich in dessen Angelegenheiten aber nicht einmischen? Ich denke, er wusste Bescheid, schliesslich kannte er mich bestens und wusste, dass ich sehr labil und schüchtern war." (S.54 f.)

Extraarbeit, um die Schulreise zu bezahlen
"Der Lehrer liess uns wissen, dass demnächst eine Schulreise geplant war, und überreichte die dafür notwendigen Unterlagen. Schon im Vorfeld freute ich mich riesig auf diese Reise, auf der ich endlich mal wieder etwas Neues sehen würde. Freudestrahlend gab ich die Unterlagen an die Nonne weiter, doch Sie ahnen, was dann passierte. Ohne einen Grund für ihre Entscheidung zu nennen, sagte mir die Nonne klipp und klar, dass ich an der Reise nicht teilnehmen durfte, und als ich mich gegen diese Entscheidung wehrte, wurde ich kurzerhand in die Dunkelkammer eingesperrt. Selbst solch vergleichsweise harmlosen Auseinandersetzungen endeten immer in einem gewaltigen Affentheater. Nach etlichen Telefonaten wurde mir die Schulreise am Ende doch noch bewilligt; wem ich dafür zu danken hatte, weiss ich bis heute nicht. Da diese Reise aber naturgemäss mit Kosten verbunden war, musste ich, um diese abzuarbeiten, nach meiner Rückkehr sämtliche Schuhe putzen, die im Keller herumstanden." (S.63 f.)

Harte Strafe für Obstdiebstahl
"Im Keller des Heimes befanden sich die Vorratsräume; in einem dieser Abteile wurden verschiedene Obstsorten eingelagert. Da wir nur selten Obst zu essen bekamen, versuchten wir natürlich, auf anderem Weg daran zu kommen. Um die Kellerfenster öffnen zu können, benötigte man einen Stab, der mit einem Haken versehen war. Einen solchen machte ich mir zunutze. Ich bohrte so lange ein Loch in die Kellertür, bis ich den besagten Stab durchschieben konnte. Mit dem daran angebrachten Haken liessen sich die Harassen nach vorne ziehen. Auf diesem Weg kamen meine Schwester und ich, wenn auch illegal, über Jahre an das Obst heran, ohne erwischt zu werden. Eines Tages jedoch wurde meine Schwester auf einem dieser Beutezüge auf frischer Tat ertappt. Ich kann ihnen versichern, für dieses Vergehen musste sie bitterlich büssen. Der Zorn der Nonne steigerte sich angesichts von Evelines Missetat ins Unermessliche. Sie riss sie an den Haaren und schleuderte sie von sich, woraufhin meine Schwester Kopf voraus an einen der Türpfosten knallte. Aus einer Risswunde an ihrem Kopf schossen Unmengen von Blut. Als ich sie vor Schmerzen schreien hörte, eilte ich ihr natürlich sofort zu Hilfe. Meine Anwesenheit schien die Nonne ein wenig zu beruhigen. Abgesehen davon konnte man ihr förmlich ansehen, dass sie es mit der Angst zu tun bekam: Mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versorgte sie Evelines Kopfwunde und stellte als zusätzliche Hilfe eine Muttergottes und Kerzen auf." (S.125)

Sexualität als Sünde
"Neben all den Schulfächern, die wir von früher bereits kannten, kam in diesem Jahr ein ganz neues weiteres Schulfach hinzu: 'Sexualunterrricht'. [...] Ich hatte in dieser Angelegenheit nicht die geringste Ahnung, denn im Heim war dieses Thema absolut tabu. Generell war man damals in sexuellen Dingen nicht so offen, wie man es heute glücklicherweise ist. Ich muss Ihnen ehrlich gestehen, dass ich froh war, dass dieses Thema in der Schule behandelt wurde, denn abgesehen davon gab es für mich keinerlei Gelegenheit, mehr über Sex zu erfahren. Dementprechend aufmerksam verfolgte ich auch den Unterricht. Natürlich mussten wir in diesem Fach auch Hausaufgaben erledigen - und an diesem Punkt kam die Nonne ins Spiel. Davor hatte sich die Nonne kein einziges Mal die Mühe gemacht, mir bei den Hausaufgaben behilflich zu sein, bei diesem Thema hingegen schien sie es für wichtig zu halten, sich einzumischen. Sie versuchte, mir weiszumachen, dass Sexualität eine Sünde sei und ich mich doch besser um andere Sachen kümmern solle. Letzlich konnnte man von ihr als Nonne wohl auch nichts anderes erwarten." (S.127)

Verbot der Freundschaft mit einem Mädchen
Der schüchterne Heimjunge verehrte als Fünfzehnjähriger ein gleichaltriges Mädchen und war glücklich, mit ihm eine Viertelstunde lang auf einer Parkbank zu sitzen. Das führte zu einem verbalen Strafgericht und dem absoluten Verbot weiterer Rendezvous.
"Mit reichlicher Verspätung erreichte ich schliesslich das Kinderheim und bereits beim Betreten des Gebäudes befahl mir die Nonne, im Büro Platz zu nehmen und dort auf den Vormund zu warten. Ich hatte keine Ahnung, was es zu besprechen gab. Angestellt hatte ich jedenfalls nichts. Konnte es sein, dass ich endlich erfahren würde, wo sich unsere Eltern befanden? Nach langem Warten betrat der Vormund zusammen mit der Nonne das Büro. Was ich nun zu hören bekam, verschlug mir regelrecht den Atem. Irgendein gemeiner Kerl musste mich verpfiffen haben, denn Nonne und Vormund wussten Bescheid darüber, dass ich mit einem Mädchen auf der Bank gesessen hatte. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet! Nach allen Regeln der Kunst lasen sie mir nun die Leviten, mit Worten, die so verletzend waren, als wäre ich ein Verbrecher. Die Nonne sprach von einer Gruseltat und verlangte von mir, den Namen des Mädchens preiszugeben. Zu meiner eigenen Verwunderung schaffte ich es, eisern die Zähne zusammenzubeissen und zu schweigen, denn es lag mir doch sehr daran, dass das Mädchen wegen mir nicht auch noch Schwierigkeiten bekommen würde. Selbstverständlich verboten Nonne und Vormund mir, mich je wieder mit diesem Mädchen zu treffen. Ausserdem versicherten sie mir, sie würden mich dahingehend kontrollieren, was ich ihnen absolut zutraute. Selbst mit meinen gut fünfzehn Jahren schafften sie es noch, mich derart zu demütigen und jeden Funken Hoffnung auf ein bisschen Glück brutal zu zerschlagen." (S.129 f.)

Das Ende der Vormundschaft
"Vom Vormund so herzlich behandelt zu werden, war für mich ein absolutes Novum. Ohne dass er sein strenges, Angst einflössendes Gesicht aufsetzte, sassen wir, er, seine Frau und ich, gemütlich zusammen. Er zeigte ehrliches Interesse daran, dass ich die Handelsschule besuchte und schien sogar ein bisschen stolz darauf zu sein, als ich ihm mein Zeugnis zeigte und er meine guten Leistungen sah. Er lobte mich sogar, indem er mir bestätigte, dass ich mich auf dem denkbar besten Wege befände. Wie gern hätte ich früher solche Worte gehört, anstatt ständig gedemütigt zu werden. Ich konnte kaum glauben, wie anders sich dieser Mann urplötzlich verhielt. Schliesslich kam der Moment, den ich mir seit Jahren herbeigesehnt hatte: Der Vormund erklärte mir, dass er keinen Anlass sähe, warum die Vormundschaft noch länger aufrechterhalten werden sollte. Eine riesige Last fiel von meinen Schultern. Endlich, ich war frei, die Vormundschaft war erloschen! Als dieser offizielle Teil vorüber war, fasste ich mir ein Herz und stellte dem Vormund noch einige Fragen. Zuerst wollte ich natürlich wissen, wo sich meine Schwester befand, denn immerhin hatten wir uns seit sage und schreibe drei Jahren nicht mehr gesehen. Entgegen meiner Erwartung rückte der Vormund tatsächlich mit einer Adresse und Telefonnummer heraus, unter der ich Eveline würde erreichen können. Ich glaube, Sie haben Verständnis dafür, dass ich in Tränen ausbrach.[...]
Als ich mich von meinem positiven Schock ein wenig erholt hatte, fragte ich den Vormund nach dem Geld, das ich im über all die Jahre [seit der Lehrzeit] zugeschickt hatte. Da war es um seine Freundlichkeit plötzlich geschehen. Mit dem, was ich nun zu hören bekam, hatte ich wahrlich nicht gerechnet. Der Vormund meinte, ich hätte schliesslich jahrelang im Kinderheim gewohnt und sei dort mit Nahrung und Kleidung versorgt worden, was naturgemäss alles mit Kosten verbunden gewesen sei. Um diese zu kompensieren, würde mein Geld gebraucht. Entrüstet versuchte ich zu intervenieren, allerdings ohne jeden Erfolg. Es war einfach unglaublich: Sie liessen mich dafür büssen, dass ich, ohne zu wissen weshalb, mit zwei Jahren ins Kinderheim gekommen war!
Obwohl die allgemeine Stimmung unter dieser Mitteilung ziemlich gelitten hatte und ich sehr gekränkt war, unternahm ich doch einen letzten Versuch, etwas darüber zu erfahren, was mit meinen Eltern geschehen war. Die Antwort, die mir der Vormund gab, lähmte mich regelrecht. Wortwörtlich erwiderte er mir, das würde ich nie in meinem Leben erfahren.
Jahrelang hatte mich die Unsicherheit über das, was mit unseren Eltern passiert war, qequält, jahrelang hatte ich vor Sehnsucht nach ihnen geweint, jahrelang hatte ich auf eine Antwort gewartet, die ich nie bekommen würde.
Ich mochte nicht mehr, stand auf und verliess ohne ein weiteres Wort das Haus meines Vormunds, gerade so, wie ich damals [zu Ende der Schulzeit] dem Kinderheim den Rücken zugedreht hatte." (S.165 ff.)

Kein direkter Kontakt zu den Eltern bis zu deren Tod
Jahre später erhielt Erwin Hauser einen Brief seiner Mutter, später erfuhr er zudem, dass er zwei weitere Geschwister hatte, die bei den Eltern aufwuchsen. Er traf seine Eltern jedoch nie mehr und hörte also ihre Stimmen seit der Trennung von ihnen mit zwei Jahren nie mehr. Zehn Jahre nach dem Tod seiner Mutter machte seine Schwester Eveline eine Schwester des Vaters sowie die älteste Schwester ausfindig. Von ihnen erfuhren sie die Hintergründe der totalen Trennung von ihren Verwandten durch die Vormundschaft und das Personal des Waisenhauses Wil.
"Als wir das Wohnzimmer betraten, sahen wir dort eine ältere Frau mit graumelierten Haaren sitzen: unsere Tante. Noch heute sehe ich ihre wunderbaren, von Tränen glänzenden Augen vor mir. Neben ihr sass eine weitere Frau, die uns unsere Tante als unsere ältere Schwester vorstellte. Mit über dreissig Jahre stand ich also plötzlich zwei wildfremden Menschen gegenüber, die meine Tante und meine Schwester waren. Vor lauter Schock brachte ich keinen Laut über die Lippen.
Schliesslich begann unsere Tante zu erzählen, wie es zu unserem Schicksal gekommen war. Dabei stockte ihr immer wieder der Atem. Man konnte regelrecht spüren, wie schwer es ihr fiel, uns die Wahrheit zu sagen. Schon als Eveline und ich ganz klein waren, war unsere Mutter schwer krank. Sie litt an Depressionen und versuchte, ihre Schmerzen mit Alkohol zu lindern. Oft wusste sie nicht einmal mehr, was real war. Unser Vater hingegen, der bei der Bahn arbeitete, war ein gesunder, freundlicher Mann. Gleichzeitig war er ein eher ängstlicher, labiler Typ, der sich den Zustand seiner Frau sehr zu Herzen nahm. Trotzdem liess er seine Frau nicht im Stich, denn er wusste, dass sie krank war. Als es ihr jedoch so schlecht ging, dass ihr so gut wie alles aus den Händen glitt, bekam er, sobald er das haus verliess, Angst um uns Kinder. Deshalb holte er sich damals Hilfe in der Ortschaft, wo wir geboren waren. Aufgrund der unhaltbaren Zustände wurde bald darauf die traurige Entscheidung getroffen, uns aus der Familie zu nehmen, bis sich der Zustand unserer Mutter bessern würde. So waren Eveline und ich also im Kinderheim gelandet. Ursprünglich wurde damals auch beschlossen, dass wir die Wochenende und Feiertage bei unseren Eltern verbringen sollten. Wie Sie mittlerweile wissen, kam es nie dazu. Während unserer ersten vier Jahre Jahre im Kinderheim müssen sich unvorstellbare Szenen abgespielt haben, die wir Geschwister jedoch nicht wahrnahmen, weil wir dazu einfach noch zu jung waren. Ohne abzuwarten, wie sich der Zustand unserer Mutter entwickelte, wurde der Kontakt zwischen uns Kindern und den Eltern mit sofortiger Wirkung rigoros unterbunden. Die Verantwortlichen machten sich offenbar keinerlei Gedanken darüber, welche seelischen Probleme diese Vorgehensweise in uns möglicherweise auslösen würde. [...] Auch unserer Tante wurde, ebenfalls in schriftlicher Form, untersagt, uns in Zukunft wie geplant zu besuchen. Wie mein Vater durfte auch sie von da an nicht einmal mehr das Grundstück betreten, auf dem das Heim stand. Laut ihrer Aussage litt unser Vater schrecklich darunter, uns nicht mehr sehen zu dürfen, und versuchte immer wieder,das ihm erteilte Platzverbot zu umgehen. Daraufhin wurde ihm schlussendlich sogar eine schriftliche Mahnung zugestellt. Aber damit immer noch nicht genug. Noch als wir bereits ein wenig älter waren, schickten uns Vater und Tante zu Ostern und Weihnachten jedes Jahr Geschenke, die ohne Ausnahme an sie zurückgesandt wurden, zusammen mit der Anmerkung, Eveline und ich würden diese Geschenke ablehnen und sähen generell keinen Anlass, mit unseren Verwandten in Kontakt zu treten.
Wie kann jemand nur fähig sein, sich solche Lügen auszudenken?" (S.196 ff.)

Depression und weitere Informationen
Nach der Geburt seiner eigenen Tochter hatte Erwin Hauser mit einer Depression zu schaffen. Die Aerzte erkannten, dass sie mit seiner Jugend im Heim zu tun hatte. Nun lernte er auch seinen Bruder kennen, der wie die ältere Schwester bei den Eltern verblieben war.
"Ich war fast 34 Jahre alt, als Eveline und ich uns mit unserem Bruder trafen, nichts ahnend, welche Informationen uns diesmal erwarten würden. Es stellte sich heraus, dass unser Bruder fünf Jahre jünger war als ich und bis zu seinem achten Lebensjahr bei unseren Eltern aufgewachsen war. Er war Zimmermann und hatte eine Frau und zwei Kinder. Dass unsere Mutter krank war, hatte er als Kind keinesfalls als schwerwiegendes Problem angesehen, im Gegenteil, er hatte sich zu Hause immer gut aufgehoben gefühlt." (S.209 f.)

Reformiert geboren, im Kinderheim katholisch erzogen
"Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellte es sich heraus, dass unser Bruder ebenso wie unsere ältere Schwester reformiert waren, während meine Schwester und ich katholisch waren. Dafür gab es genau genommen nur eine Erklärung: Ohne unser Wissen waren wir umgetauft worden." (S.211)

Fazit
"Nicht das Kinderheim an sich war das Problem, sondern die fiese Art, mit der man uns dort behandelte. Warum hatten Nonne und Vormund Eveline und mir nicht einfach die Wahrheit gesagt? Dann hätten wir gemeinsam nach einer passenden Lösung suchen können." (S.213)

 

zur Übersicht 'Berichte von ehemaligen Heimkindern'