Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Berichte von ehemaligen Heimkindern

„Bausch, der Cheferzieher, der Erziehungsmanager, dem vom Staat 40 Knaben im Alter von 6 bis 16 anvertraut worden waren, natürlich im Namen einer vorgeschobenen Stiftung, thronte für alle gut sichtbar im Speisesaal, dreimal täglich zu den Mahlzeiten, unter der Gipsbüste von Pestalozzi, seinem Vorbild. Unablässig sprach er von Pestalozzi. Die Zöglinge kannten Pestalozzis Biografie, oder wenigstens einige Jahreszahlen, doch die Erziehungsmethoden des grossen Aufklärers blieben ihnen unbekannt. Unter seiner Büste sass der Cheferzieher, der Haustyrann, hielt Gericht, strafte, fluchte, donnerte, drohte, betete, verurteilte, schrie herum, machte jeden Knaben zum Wurm oder zur Ratte, führte mit Akribie sein Strafenbuch mit vielen Strichen.“

Zitate über die Zeit in verschiedenen Kinderheimen aus dem Buch von Franz Rueb: Rübezahl spielte links aussen. Erinnerungen eines Politischen, Zürich 2009.

Aus dem ehemaligen Heimkind Franz Rueb, geboren 1933, wurde ein bekannter Politiker, Theaterschaffender und Autor mehrerer Bücher..

 

Mit drei Jahren, nach der Scheidung seiner Eltern, kam Franz Rueb in ein von katholischen Ordensschwestern geführtes Kinderheim.

S.19
Der kleine Rübezahl war dreijährig, kam in ein frommes Heim, von Nonnen geführt. Die Schwestern prügelten und schrien. Sie waren vermummte Ungeheuer. Noch öfter als sie prügelten, das ist klar, beteten sie und hielten die Kinder, egal wie klein, mehrmals täglich zum Gebet auf den Knien an. (...) Das Essen war wässerig und fade. Alle vier Wochen an den Besuchssonntagen für Eltern und Verwandte flöteten die Nonnen in süssen Melodien, logen fromm, meisterhaft und einschmeichelnd. Und die Eltern, nicht ganz so fromm, glaubten den Heuchlerinnen.
Das Heim sass wie ein böcklinsches Schloss in einem Park, inmitten dunkler, steif frisierter Bäume.

S.20
Selbst die Natur war hier katholisch, gezüchtigt, streng und schwarz. Die Fenster waren vergittert und dunkel verhangen. Hinter diesen (...) Mauern stank es nach Pisse und Kacke. Zu hören war monotones Beten und Leiern, durchsetzt von Weinen, Brüllen, Schreien, von dumpfen Schlägen (...).
Hinter dem schwarzen Stoff verbarg sich ein kümmerlicher Rest Mensch, eingeklemmt ins schwarze Nonnentuch, eingepackt und eingewickelt in die kalte, schwarze Nonnenkleidung. (...) Bei Schwester Rogeria war das umgekehrt, bei ihr quoll der Mensch durch den schwarzen Stoff nach aussen. Sie war freundlich, warm, gut, ihr Gesicht besiegte sogar die ebenfalls schwarze Kopfhaube, während bei den andern nur diese Haube sichtbar war. Rogeria war der einzige Mensch in dieser Kinderbewahranstalt, welcher Rübezahl als Gesicht in Erinnerung geblieben ist, übrigens auch der Name, den er all die Jahre nicht vergass.(...) Es waren ein Dutzend, vielleicht fünfzehn dieser schwarzen Uniformen, aus denen heraus auf die Zöglinge eingeschlagen und eingeschrieen wurde, von denen die Nummern herumkommandiert, mit Gewalt zum Beten gezwungen wurden. Diese schwarzen frommen Monster haben sich tief bis in Rübezahls Mark eingegraben.
Schwester Rogeria war über Jahre das einzige Wesen, welches das, was Menschlichkeit genannt wird, dort in physischer Ges    talt gegen alle misslichen Bedingungen lebte und in ihrer Arbeit verwirklichte. Ohne Rogeria wäre das Umfeld in der frühen Kindheit von Rübezahl eine Hölle gewesen (...).

S.21
Niemals wurde Rübezahl von Rogeria im Stich gelassen. Wenn sie Nachtdienst hatte, nahm sie um Mitternacht die Knaben auf, indem sie leise in den Schlafsaal trat, zu den /S.22/ einzelnen Betten ging, einen kleinen Schläfer sanft weckte und an der Hand hinausführte, zu ihm sprach, so dass er langsam erwachen konnte. Alles lief ruhig ab. (...) Die anderen Schwestern hingegen stürzten, wenn sie Nachtdienst hatten, polternd durch die Tür, drehten das Licht an, schrieen die Schlafenden an, brüllten Befehle, sie fluchten über den Gestank, das konnten sie nie lassen, sie schlugen Bettdecken zurück und schrien: Mein Gott, was für eine Sauerei! Immer die gleichen Schweine! Schaffte es im feinen Reich der schwarzen Schwestern einer nicht rasch genug, wach zu werden, wurde er wach geprügelt. (...)
Rübezahl hatte sechs Jahre in diesem kirchlich verwalteten Reich der schwarzen Pädagogik zugebracht, bis zu seinem neunten Lebensjahr. Sechs Jahre lang, jeden Tag, wurde ihm das Beten gründlich ausgetrieben, indem er mehrmals täglich zum Beten gezwungen, manchmal dazu geprügelt wurde. Kam eine Nummer – das Wort ‚Kind’ existierte hier nicht, jedes kleine Individuum war eine Nummer – wenige Augenblicke zu spät in den Speisesaal, so hatte sie während der Dauer der Mahlzeit vor die Wand zu knien und zu beten oder so zu tun, als würde sie beten. (...)
Diese katholische Kinderwelt, für zwei- bis sechzehnjährige Kinder, an die hundert an der Zahl, eine Art Massenlager, hatte nichts Barockes an sich, keine Sinnlichkeit, auch keine verborgene Sinnlichkeit hinter oder unter der falschen Fröm- /S. 22/ igkeit. Da gab es keine Vergebung der Sünden nach der Beichte, keinen Weihrauch, keine Waschung, womit man wieder rein wurde, um von neuem sündigen zu können. Es gab nur Verbote. Nur Einfalt. Und hinter der Einfalt und unter dem monotonen Singsang gab es nur Gewalt, Unterdrückung, ständige Kontrolle, Brechung jeder Persönlichkeit. Sport war verpönt, ja verboten. Jede Körperlichkeit wurde streng geahndet. An den Körper hatte man nicht zu denken, ihn zwar einigermassen sauber zu halten. Aber sich mit ihm zu befassen, ihn zu ergründen, ihn zu ertüchtigen, oder ihn gar anzufassen oder anfassen zu lassen, geschweige denn ihn zu lieben? Das waren schwerste Sünden.
Alles Essen war aus dem Wasser gezogen. Moses nannten die Insassen das.

Mit 9 Jahren kam Franz Rueb zu seiner Stiefmutter (der Vater arbeitete auf Baustellen in den Alpen und war selten zu Hause).

S.36
Für Rübezahl tat sich wieder eine Art Fegefeuer auf. Er war keine Nacht trocken, da ihm selbiges nicht beigebracht worden war, weder dem Säugling durch seine leibhaftige Mutter, noch im frommen Kinderheim von den schwarzen Schwestern. Die leben wie die Tiere im Wald, hatte damals eine Nonne gesagt, und meinte die ihnen anvertrauten Kinder. Und sie liessen die Waldtiere in ihrem Dreck liegen. Nun war auch hier, im väterlichen Haus, der Morgen ein Grauen. Die Stiefmutter prügelten den Knaben nackt aus dem Bett in die Badewanne, fluchte ganze Schwaden vor sich her, duschte ihn kalt ab und /S.37/ sagte immer wieder: Dir will ich helfen! Dir will ich helfen! Und mit jedem Schlag meinte sie, diesem Ziel bei ihm näher zu kommen. Aber vielleicht meinte sie auch gar nichts, war einfach nur unbeherrscht wütend. (...) Und da Klein-Rübezahl natürlich versuchte, sich zu wehren und den Pranken der kräftigen Frau auszuweichen, schlug sie immer wieder auf ihn ein, mit der Hand, mit der Brause, mit einer Bürste, mit dem Schlauch. Danach warf sie ihm seine Wäsche, Strümpfe und Kleider vor die Füsse und schrie: Los, in die Schule mit dir, du Sau! Ohne einen Bissen machte sich Rübezahl auf den Schulweg. (...)
Ein Nachbarjunge mit Namen Roland wusste, dass Rübezahl jeden Morgen geprügelt wurde und ohne Essen in die Schule kam. Täglich lag, von Rolands Mutter liebevoll eingepackt, eine doppelte Brotscheibe mit Butter, Käse, Wurst in seinem Schulranzen, die Roland in der Pause seinem Schulfreund überreichte. Dieser lebenswichtige Liebesdienst hielt zwei Jahre an, bis Rübezahl in ein anderes Schulhaus versetzt wurde, weg von Roland. Von da an begann für ihn das Hungern erst recht.

S.38
Eines Morgens war das Mass voll. Rübezahl ging nicht zur Schule, sondern lief gezielt auf den Polizeiposten im Quartier und erklärte dort, dass er Hunger habe, täglich geschlagen werde, er werde nie mehr ‚nach Hause’ gehen. Die Polizei schaltete die Sozialbehörde ein. Der Knabe wurde befragt, dann einstweilen in einer Pflegefamilie untergebracht und nach der Bekräftigung, er werde „nie mehr nach Hause gehen“, suchte die Behörde einen Heimplatz für ihn. Die Vormundschaftsbehörde, ein väterlich wirkender Mann und die sehr vernünftige, gütige Frauensperson mit dem Haarknoten, in Wollstrümpfen und hochgeschlossener Bluse (...) unternahmen die notwendigen Schritte mit bemühter Sachlichkeit, ohne Hektik, ohne den Fall zu dramatisieren, die beiden waren sich ja gewöhnt, furchtbare Zustände mitanzusehen.
Bald war ein Platz in einem evangelischen Heim gefunden, das, so wurde mir versichert, dem Gedankengut Pestalozzis verpflichtet sei. Landwirtschaft, Scheune, Tiere, Stall, Garten, Felder, Bienenhaus, Handweberei im Keller und Handschnitzerei neben dem Schulzimmer. Riesige Kastanienbäume im Hof, auf denen die Knaben herumturnten, machten auf den ersten Blick einen fast idyllischen Eindruck. Es war eine kleine grosse Welt, vielfältig, äusserst produktiv, musisch und anregend, wo vor allem der Chorgesang gepflegt wurde. Nur: Sport, Körperbetätigung, gar Körperbejahung war auch nicht sehr beliebt, wenn auch nicht so verhasst wie im katholischen Heim.

S.41
Bei fünf Grad unter Null, auf offenem Acker in der Rosenkohlernte, hatte man fleissig und nützlich zu sein, ebenfalls unter der Fuchtel des Glaubens, zwar etwas nüchterner und lebensnäher und weit weniger totalitär. Die Arbeit war das entscheidende Erziehungsvehikel. Folgsamkeit, Disziplin, Arbeitsfleiss, das waren die wichtigsten Gebote. Man sang und betete gemeinsam, man wurde niemals statt Essen als Strafe zum Einzelgebet verdonnert.
Die Rosenkohlernte fand im November und Dezember statt. Für Rübezahl war der Rosenkohl mit dem schön klingenden Namen ein besonders dunkles Kapitel. Diese Ernte war vielleicht das Gegenstück zur herrlichen Kirschenlese im Juli. Eine Rosenkohlernte vergisst man niemals. Kirschenpflücken vergisst man auch nicht. Man konnte sich den ganzen Tag mit Kirschen beglücken und vollstopfen. Vom Rosenkohlacker ging man mit blauen Fingern und Zehen und Ohren zurück ins Haus.
Im Speisezimmer hatte man zu Gott zu beten. Wer nicht beten oder arbeiten wollte, bekam nichts zu essen. Zum Beten und Arbeiten wurde man gezwungen, notfalls geprügelt. Essen war freiwillig, Beten war Pflicht. Man betete mechanisch. Essen konnte man trotz allem lustvoll.
Im Sommer bei 33 Grad, mit nacktem Oberkörper, nur mit einer Turnhose bekleidet, barfuss, so hat man Weizengarben gebunden, von acht bis zwölf, und von halb zwei bis sechs /S.42/ oder auch später. Manchmal auch noch nach dem Abendessen, die Ernte musste eingebracht werden. Im Juni, morgens um vier, wurden Himbeeren, Johannisbeeren geerntet, bis acht Uhr, in einer Grossaktion.
Vor den Mahlzeiten betete man zu Gott ums tägliche Brot. Wer genügend Grütze hatte, das Spiel zu durchschauen, der musste sich verstellen, oder er wurde aggressiv. Rübezahls Aggressivität war ein Geschenk seiner Erzieher, oder anders gesagt, seine Erfahrungen waren durch seine Erzieher programmiert und geprägt worden. (...)
Von diesen Erziehern war häufig das Wort ‚Ratte’ zu hören, wenn man angesprochen wurde. Rübezahl wurde oft Ratte genannt. Wer sich wagte zu wehren war eine Ratte.

S.43
All diese Erzieher und Anstaltsvorsteher, Rübezahl sind mehrere dieser Exemplare begegnet, haben dauernd Pestalozzi im Mund geführt. Schwester Rogeria nie. Ausgerechnet Pestalozzi, ein Aussenseiter, der in unserer Zeit ganz sicher beschnüffelt, kontrolliert und fichiert worden wäre. Bausch, der Cheferzieher, der Erziehungsmanager, dem vom Staat 40 Knaben im Alter von 6 bis 16 anvertraut worden waren, natürlich im Namen einer vorgeschobenen Stiftung, thronte für alle gut sichtbar im Speisesaal, dreimal täglich zu den Mahlzeiten, unter der Gipsbüste von Pestalozzi, seinem Vorbild. Unablässig sprach er von Pestalozzi. Die Zöglinge kannten Pestalozzis Biografie, oder wenigstens einige Jahreszahlen, doch die Erziehungsmethoden des grossen Aufklärers blieben ihnen unbekannt. Unter seiner Büste sass der Cheferzieher, der Haustyrann, hielt Gericht, strafte, fluchte, donnerte, drohte, betete, verurteilte, schrie herum, machte jeden Knaben zum Wurm oder zur Ratte, führte mit Akribie sein Strafenbuch mit vielen Strichen. Die Gipsbüste schaute zu, hörte sich alles an und schwieg. Eines Tages wurde sie aus Wut und Rache von grösseren Zöglingen von dort oben heruntergeschlagen, Pestalozzi zersprang in tausend Scherben. Auch er, der grosse Heinrich Pestalozzi, hätte sich wahrscheinlich riesig gefreut über diese Tat. Die Strafen waren, wieder im Namen Pestalozzis, besonders grausam. Und bald stand eine neue Gipsbüste dort oben. Und alles blieb beim Alten.

S.45 bis S.52 enthalten eine ausführliche Schilderung der Aufsichtskommission dieses Heims, der Pestalozzistiftung Schlieren, mit dem Kernsatz, S.51:
Diese Aufsichtskommission trat auf, als wäre es ihre Mission, in der Anstalt nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu befragen, stattdessen einen unermesslichen Lebensoptimismus zu verbreiten, die blumige Seite des Lebens herauszustreichen, die ja in der täglichen Anstaltspraxis den Zöglingen so entschieden verbaut wurde.

S.45f. wird geschildert, wie das Heim vor dem Besuch der Aufsichtskommission auf Hochglanz gebracht wurde:
Rübezahl schrubbt das Treppenhaus, zuerst wischen, dann mit Seifenwasser bürsten, schliesslich mit dem Lappen aufnehmen. Geländer entstauben, Holz einwichsen und polie- /S.46/ ren. Bausch kommt vorbei, schaut in die hinterste Ecke, streicht mit dem Zeigefinger über die untere Verstrebung des Geländers, hält Rübezahl den leicht mit Staub bedeckten Finger vors Gesicht, sagt: „Was wird die Aufsichtskommission sich dazu denken?“ Rübezahl antwortet kühl: „Das sehen die doch nicht.“ Die wortlose Antwort von Bausch, eine scharfe Kopfnuss. Rübezahl schreit auf. Auf diese gleiche Weise geht Bausch an dem grossen Tag durch Haus und Hof. Fast überall Putzterror. Kopfnüsse, Geschrei, Drohungen, hysterischer Betrieb vor einem lebenswichtigen grossen Manöver. Die Aufsichtskommission wird zur Aufsicht des Heims eintreffen. Seit Tagen sprach Bausch nur noch von dem grossen Besuch und trimmte seine Mannschaft und die Zöglinge für den Empfang der Herrschaften, wie er sich das ausgedacht hat. Die Kommission selbst kam jedoch nur ins Heim, um ihre Sitzung im gemütlichen Rahmen auf dem Land abzuhalten.“

(Auch auf weiteren Seiten des sehr lesenswerten Buches schildert Franz Rueb weitere Details und Aspekte seiner Zeit als Heimkind in Schlieren. Hier nochmals die bibliografischen Angaben: Franz Rueb: Rübezahl spielte links aussen. Erinnerungen eines Politischen. Zürich 2009)

Offizielle Texte zur Feier des 100jährigen Jubiläums des Erziehungsheims Pestalozzistiftung Schlieren ZH vom Mai 1943

Artikel in Der Sonntag vom 16. August 2009 zum Buch mit weiteren Angaben zum Erziehungsheim Pestalozzistiftung Schlieren

Artikel in der Limmattaler Zeitung vom 18. November 2009 zum Buch mit weiteren Angaben zum Erziehungsheim Pestalozzistiftung Schlieren

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