Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Berichte von ehemaligen Heimkindern

"Die Aufseherinnen nutzten ihre Macht aus. Es hatte sich herumgesprochen, dass ich gut Kunstturnen konnte. Ich erhielt Zigaretten, wenn ich ihnen den Handstand vorführte, oder den Rückwärtssalto oder den Spagat.“

Karin Bürgisser, geboren 1959, Töchterheim Steig, Schaffhausen, Pflegefamilie, psychiatrische Klinik Breitenau, Schaffhausen, Erziehungsanstalt Lärchenberg, Lutzenberg AR

 

Meine Mutter war 19, als ich in Basel «unehelich» zur Welt kam. Vater kam aus Delémont. Sechs Monate blieb ich im Säuglingsheim des Frauenspitals. Anschliessend lebte ich bis 5 bei meinen Grosseltern.
Mit 5 holte mich mich meine Mutter bei meinen Grosseltern. Das war der Schock meines Lebens. Ich sehe alles noch genau vor mir. Es war furchtbar.

Meine Mutter war wieder schwanger, mein Stiefvater war ein Ungarn-Flüchtling. Ich war Störfaktor in der neuen Familie. Bis 11 lebte ich bei meiner Mutter. Damals kam meine Halbschwester auf die Welt, ich hatte keinen Platz mehr. Für meine Mutter war ich ein Nichtsnutz. Ständig Demütigungen. Aus mir werde nichts, ich sei wie mein Vater.

1970, mit 11, schickte mich meine Mutter ins Töchterinstitut Steig in Schaffhausen. Die deutsche Köchin war berüchtigt. Sie schlug mit der grossen Kelle auf die Kinder ein und traktierte uns mit Füssen. Ohne ersichtlichen Grund schlug sie drein. Sie sperrte die Kinder in der Speisekammer ein. Alle hatten vor ihr eine Höllenangst.

Eine Erzieherin hiess Arnette, sie war ebenso berüchtigt. Sie hatte es mit Vorliebe auf die Kleinen abgesehen. Es gab ständig Erniedrigungen. Wenn am Samstag Waschtag war, musste man vor dem Waschraum Schlange stehen. Arnette fertigte die halbwüchsigen Mädchen an der Sitzbadewanne ab wie am Fliessband. Eine regelrechte Abschrubb-Aktion. Wer nicht parierte, kriegte eins an den Kopf. Arnette war immer überall, wusste immer alles. Wer sich über sie beschwerte, musste es bitter büssen.

Es wurde ständig geschrien und geprügelt. Erst als ich lernte, dass ich mich wehren konnte, wurde es für mich besser. Ich lernte, dass man vor mir Angst haben konnte.

Als ich schon zu den Älteren gehörte, durfte ich einmal im oberen Stock die Badewanne benutzen. Da war ein Schlüssel an der Türe und ich schloss hinter mir ab. Später kam Arnette und flippte vor der verschlossenen Türe aus. Ich öffnete, sie packte mich am Kopf und tauchte mich ins Badewasser, bis ich fast ertrank. Es war grauenhaft. Ich begann mich mit aller Kraft zu wehren und schlug zurück. Dieses Ereignis prägte mich für immer. Es war das letzte Mal, dass ich mich einschüchtern liess. Ab diesem Tag wusste ich, dass ich mich wehren konnte. Ich hatte mir Respekt verschafft.

Heimleiterin war Frau Scholl, wir mussten sie «Tanti» nennen. Gegen aussen präsentierte sie die heile Welt, innerhalb des Heims herrschte Psychoterror, der reine Kindergulag.

Ich durfte im Dorf zum Kunstturnunterricht, der Leiter der Mädchenriege brachte mich einmal mit dem Auto zurück und vergriff sich an mir. Ich hörte sofort mit Kunstturnen auf. Wem hätte ich das melden sollen? Dem «Tanti»? Dem Jugendstaatsanwalt? Meiner Mutter? Mir hätte doch niemand geglaubt.

1974, also mit 15, wurde das Töchterinstitut geschlossen, wir wurden umplatziert, man wusste nicht wohin mit mir. Meine Mutter wollte mich nicht zurück, liess mich aber auch nicht zu meinen Grosseltern ziehen. Ich kam zu einer Pflegefamilie auf einen Bauernhof. Es war schlimm, die Bauersfrau sehr fromm. In den Sommerferien fuhr ich mit dem Töffli nach Basel. An dem Tag, als ich auf den Bauernhof hätte zurückkehren sollen, traf ich in Schaffhausen vor einer Beiz eine junge Frau, die in Hindelbank abgehauen war. Ich beschloss, nicht auf den Bauernhof zurückzugehen, ich ging mit ihr zusammen nach Genf. Von dort rief ich einen Freund in Zürich an, der sagte mir, die Polizei suche mich, ich solle zu ihm kommen. Er verständigte die Polizei, die mich am nächsten Morgen verhaftete.

Zwei Wochen wurde ich ins Männergefängnis gesteckt und verhört. Die Polizei wollte von mir wissen, ob ich mich prostituiere, was natürlich nicht der Fall war. Ausser Haschisch nahm ich auch keine Drogen. Beides glaubte man mir nicht.

In dieser Zeit liess ich mich mit einem 21jährigen ein, wir gingen zu ihm. Ein Nachbar sah uns und meldete das. Sofort tauchte die Jugendstaatsanwaltschaft auf und verhörte mich. Was ich damals nicht wusste: Dieser «Freund» wurde wegen eines Postraubes gesucht, es kam zum Prozess gegen ihn, ihm wurde – wegen der Affäre mit mir – auch Unzucht mit einer Minderjährigen vorgeworfen. Weil ich in der Einvernahme alles abstritt, wurde damals in meiner Akte vermerkt: Falsches Zeugnis.

Vor wenigen Jahren hatte ich endlich Einblick in meine Akten. Offenbar wusste man nach dem Vorfall, als ich nicht zurück zur Pflegefamilie wollte, nicht wohin mit mir. Meine Mutter wollte mich nicht zurück und liess mich auch nicht zu den Grosseltern. In einer Aktennotiz vom 9.9.1975 heisst es: «Mutter will keiner Familie die Erziehung zumuten. Am besten wäre sicher ein Erziehungsheim für ein paar Jahre, bis Karin anders geworden ist. Sie, die Mutter, stehe hinter einer Heimeinweisung.»

Am 15.9. 1975 wurde ich in die Psychiatrische Klinik Breitenau eingewiesen. Einmal durfte ich nach Schaffhausen, ein Bekannter machte mich an und drohte mir, wenn ich nicht mit ihm ins Bett gehe, würde er in der Psychi melden, er hätte mich mit Drogen gesehen. Als ich zurück in die Klinik ging, wurde ich schon am Eingang erwartet und in die geschlossene Abteilung «F» versetzt. Für zwei Wochen war ich ohne ersichtlichen Grund eingesperrt. Als 16 jährige unter schwerstbehinderten Erwachsenen. Es war eine Strafaktion. Die Aufseherinnen nutzten ihre Macht aus. Es hatte sich herumgesprochen, dass ich gut Kunstturnen konnte. Ich erhielt Zigaretten, wenn ich ihnen den Handstand vorführte, oder den Rückwärtssalto oder den Spagat.

Nach einem langen Kampf durch die Behörden erhielt ich 2004 vom Kanton Schaffhausen eine lauwarme Entschuldigung: Per Brief teilte mir Regierungspräsident Erhard Meister mit: «Der Regierungsrat entschuldigt sich bei Frau Bürgisser in aller Form für die aus heutiger Sicht unkorrekte Behandlung im Zusammenhang mit der Versetzung in die Geschlossene Station F. Der Regierungsrat  (…) wünscht ihr auf dem weiteren Lebensweg alles Gute. Leider ist es nicht möglich, Frau Bürgisser für dieses erlittene Unrecht zu entschädigen, da eine rechtliche Grundlage fehlt.»

Von der Psychiatrischen Klinik Breitenau kam ich 1976 direkt in die geschlossene Erziehungsanstalt Lärchenheim Lutzenberg. Dort war ich im Haus «Chalet».  Meine Aggressivität war mein Schutzschild. Unter den jugendlichen Frauen herrschte eine extreme Hackordnung. Es herrschte ein verzweifeltes Klima. Alles war abgeschlossen. Ständig gab es Schlägereien. Da waren Mädchen, deren Geschichte von extremem Missbrauch geprägt war. Andere verfügten über reiche Erfahrung in Sado-Maso. Bei anderen fragte ich mich, was die dort zu suchen hatten. Sie gehörten einfach nicht dorthin. Ein Mädchen wurde schwanger, man wusste nicht von wem.

Schnell gehörte ich zu den Anführerinnen. Ich wurde in Ruhe gelassen, weil ich schon kurz nach meinem Einzug zeigte, dass es mir ernst ist. Ich hatte nichts mehr zu verlieren.

Einmal kam ich in die Küche und sah, wie sich der Koch gerade an eines der jüngsten Mädchen machte. Er drückte sie in eine Ecke und war dabei, auf sie drauf zu sitzen. Ich rastete aus, riss ihn am Kopf und zerrte ihn weg. Irgendwann war dieser Koch nicht mehr dort. Man sprach nicht darüber, es war ein Tabu.

Die Erzieherinnen waren total überfordert. Sie versuchten es mit Repressalien. Einmal hiess es beim Frühstück, ich müsse meinen Lammfell-Mantel ausziehen, angeblich aus hygienischen Gründen.  Wenn ich ihn nicht ausziehe, gebe es für niemanden Frühstück. Das war eine Kollektivstrafe. Raschle und Schmid aber hatten beide einen Hund, die ständig im Frühstücksraum waren. Das spielte dann keine Rolle. An diesen Hunden reagierten wir uns ab. Unter dem Tisch traktierten wir sie. Ich reagierte mich auch im Raucherstübli ab. Da schlug ich alles kurz und klein. Dabei blieb ich unbehelligt. Es gab immer wieder Einsperraktionen. Aber nicht bei mir. Ich hatte meine Stellung und wurde in Ruhe gelassen. Regelmässig bin ich dann auch ausgebrochen.

Es gab Strafen, kein Sackgeld, keinen Besuch. Aber viel konnten sie nicht machen. Ein Erzieher war gut, er verstand uns. Plötzlich war er nicht mehr dort.

Heimleiterin war Frau Raschle, ihr Vorzimmerdrache hiess Schmid, die leitet nun auch das Drogenrehabilitationszentrum.

Der Arzt betitelte uns als Nutten, demütigte uns. Reihenweise waren wir im Wartezimmer. Uns wurde eine Spritze verpasst. Lange wussten wir nicht, für was das gut sein sollte. Erst nach hartnäckigem Fragen sagte man uns, das sei die Drei-Monats-Spritze.

Im Lärchenheim gab es keine Aktivitäten ausser Arbeit. Wir mussten  für die Textilfabriken Nadeln grad biegen. Therapeutische Aktivitäten gab es nicht. Eine Angestellte hatte zwei Ponys. Wenn wir uns ganz gut anstellten, durften wir mal auf dem Gelände hin und her reiten. Es herrschte Psychoterror. Uns wurde ein Gehorsam aufgezwungen. Ich hatte immer ein Buch bei mir und habe viel gelesen. Das rettete mich. Ich war schon alt genug, das durchzustehen.

Einmal konnte ich im benachbarten Kurhotel arbeiten. Dort wurde ich in einem Hotelzimmer von Chef sexuell bedrängt. Es war klar, er meinte, mit einem Heimkind könne man alles machen. Bei wem hätte ich mich beschweren sollen? Ich hatte zu niemandem Vertrauen.

Wenn man im Lärchenheim etwas brauchte, musste man im Aufenthaltsraum ein Zettelchen in einen Briefkasten werden. Einmal kam ein Mädchen zu mir und war ganz verzweifelt. Sie hatte schon länger Blutungen und bekam einfach keine Binden. Mehrmals schrieb sie Zettelchen. Vermutlich haben sie diese Begehren vom Briefkasten direkt fortgeschmissen. Jedenfalls drehte ich durch und marschierte zur Heimleiterin ins Büro und drohte, ich würde Fotos von den sanitären Anlagen dem Blick zuschicken. Dann ging es ganz schnell und das Mädchen wurde zum Arzt gebracht, anschliessend ins Spital.  

Mit dieser Geschichte war für mich das Leben gelaufen, bevor es richtig begonnen hatte. Immer wieder holte mich meine Vergangenheit ein. (...)  Ich arbeitete in einer Elektronikfirma, im Gastgewerbe, machte eine Ausbildung zur Kosmetikerin.  Mit meiner Vergangenheit kann ich gar nichts aufbauen.  Ich kann nicht tun, als wäre nichts geschehen. Ich versuchte jahrelang, diese Zeit zu verdrängen. Aber letztendlich holt mich meine Vergangenheit immer wieder ein.

Erst 2004, nach einem langen, mühsamen Hin und Her, erhielt ich Einsicht in meine Akten. Jetzt kann ich auch belegen, wie mit mir umgegangen wurde. Vom Regierungsrat erhielt ich eine Entschuldigung, dass ich ohne Anlass und ohne klaren Grund in die geschlossene Abteilung der psychiatrischen Klinik Breitenau eingewiesen wurde. Aber diese Entschuldigung ist nicht mehr als ein warmer Händedruck. Genugtuung für das erlittene Unrecht bekam ich nicht.

2006 wurde ich krank geschrieben. Jetzt beziehe ich eine IV.

 

(Quelle: Mitteilungen von Karin Bürgisser an die Zeitschrift Beobachter)

 

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