Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Berichte von ehemaligen Heimkindern

"Eines Morgens wurde ein Knabe namens Gottlieb im Sarg weggeführt. Sein Leib war von Stockhieben zerschlagen. Als ich an jenem Tage weinte, Gottlieb war mir ein lieber Kamerad, wurde ich von einer Schwester geohrfeigt und zur Sr. Oberin geführt, die wir Buben alle wie Feuer fürchteten. Nicht von ungefähr wurde sie von uns «Satan» genannt, obwohl sie Gratiana hiess. Zur Oberin bestellt zu werden, war gleichbedeutend wie körperliche Züchtigung der besonderen Art. Man musste sich nackt ausziehen und vor ihr niederknien. Dann hob sie ihre Nonnentracht, klemmte das Gesicht der Buben zwischen ihre Schenkel und schlug mit dem Rutenstock so lange auf den Rücken, bis sie stöhnend urinierte. "

Ein ehemaliges Heimkind, das inzwischen verstorben ist, notierte den weiter unter auf dieser Seite folgenden Bericht über seine Zeit im St.Iddaheim, Lütisburg SG von 1912 bis 1928. Er liegt handschriftlich vor. Nach seiner Heimzeit konnte er keine Lehre machen, sondern hatte als schon kräftiger Verdingbub auf einem Bauernhof zu arbeiten. Er schickte seine Aufzeichungen 1989 an den damaligen Direktor des St.Iddaheim resp. Kinderdörfli Lütisburg.

Dieser antwortete: "Ihre Schilderungen aus der Kindheit haben mich tief bewegt. Seit zweieinhalb Jahren bin ich nun Direktor im Kinderdörfli St.Iddaheim in Lütisburg. Ich kann Ihnen versichern, dass ich bei uns die Körperstrafe nicht toleriere. Unsere Kinder haben alle angenehme Wohnverhältnisse nit einer kleinen Privatsphäre, Den meisten gefäIlt das Leben bei uns recht gut, wenn sie natürlich auch gerne heim in den Urlaub oder die Ferien gehen. Heute leben zur Zeit 92 Buben undMädchen zwischen 7 und 17 Jahren bei uns. Nach dem 9.Schuljahr kann jedes eine Lehre oder Anlehre beginnen. Dafür sind wir besorgt."

Dies zeugt von den seither erfolgten Verbesserungen in der Betreuung der dortigen Heimkinder.

Jedoch sah sich weder die Direktion noch die Aufsichtskommission noch sonst irgendein Gremium veranlasst, aufgrund dieser Zuschrift die kritische Aufarbeitung der Heimgeschichte zu veranlassen. Dies obwohl zu eben dieser Zeit die Akten und die Aussagen der  aus ihren Familien gerissenen jenischen Kinder, die teilweise ebenfalls im St.Iddaheim untergebracht waren, aber auch in anderen Heimen und Anstalten, aus denen sie ähnliche Übergriffe berichteten, der damaligen Aktenkommission vorlagen, in welcher hohe RepräsentantINNen von Justiz und Politik einsassen. Vielmehr wurden, wie es heute heisst, gerade in dieser Zeit die Akten des St.Iddaheims offenbar teilweise entsorgt! Ganz in diesem Sinn und Geist fehlt auch ein Hinweis auf diesen und ähnliche Berichte Betroffener in dem 2002 erschienen Jubiläumsbuch des Kinderheims, verfasst von dessen Direktion, die aber offensichtlich noch Zugriff auf diverse Heimakten hatte..


Hier nun ein längerer Auszug aus dem erschütternden Zeitzeugen-Bericht aus dem Jahr 1989.

 

"Das St. Iddaheim wurde von 21 Klosterfrauen mit strengster Zucht geführt. Der Tagesablauf begann jeweils um 6 Uhr mit der Frühmesse in der Hauskapelle. Danach folgte ein karges Morgenessen, meist aus dicker Hafersuppe und Brot bestehend. Niemals, auch nicht an Sonntagen, gab es Milch, Butter oder Konfitüre. Nur im Sommer, wenn die 50 Kühe, die zum Betrieb gehörten, viel Milch lieferten, stand während zehn Tagen ein Katzenteller voll Milch auf dem Tisch.
Um 8 Uhr begann der Schulunterricht, der, von einer 15-minütigen Pause unterbrochen, bis 12 Uhr mittags dauerte. Im Anschluss an das Mittagessen, das fast immer nur aus Gerstensuppe, Mais oder Milchreis, gedörrtem, mit Kartoffelklössen gemischtem Obst bestand, mussten wir bis zum Schulbeginn um 14 Uhr Haus und Hofarbeiten verrichten. Nach dem Schulschluss um 17 Uhr, musste auf dem Bauernhof oder in der Landwirtschaft bis zum Abendessen hart gearbeitet werden. Unmittelbar nach dem Abendessen gehörte es zu unseren Pflichten, in der Hauskapelle einen bis zwei Rosenkränze zu beten. Schon bei kleinsten Vergehen wurden wir mit Brotentzug bestraft.
Unsere Schlafzimmer enthielten bis zu 30 Betten. Durch all die Jahrzehnte meines bisherigen Lebens konnte ich viele der schrecklichen Vorkommnisse, die sich im St. Iddaheim ereigneten, nicht vergessen. Im Dachstock befand sich beispielsweise ein Schlafzimmer, in dem etwa zehn Betten für Bettnässer untergebracht waren. Jeden Morgen, das ganze Jahr hindurch, mussten sich diese erbarmungswürdigen Buben neben das Bett stellen und eine grausame Züchtigung über sich ergehen lassen.
Zwei äusserst gefühllose und rohe Nonnen erteilten einem nach dem andern 40 bis 70 Stockhiebe auf den nackten Hintern. Dazu diente ein daumendicker Haselnussstock. Obwohl wir uns die Ohren zuhielten, hörten wir ihre Schmerzensschreie. Wir Buben litten jeden Tag mit den Gepeinigten und fanden weder Trost noch Hilfe für sie. Zum Spott wurden ihnen die nassen Matten auf den Rücken gebunden, damit wir sie meiden sollten.
Eines Morgens wurde ein Knabe namens Gottlieb im Sarg weggeführt. Sein Leib war von Stockhieben zerschlagen. Als ich an jenem Tage weinte, Gottlieb war mir ein lieber Kamerad, wurde ich von einer Schwester geohrfeigt und zur Sr. Oberin geführt, die wir Buben alle wie Feuer fürchteten. Nicht von ungefähr wurde sie von uns «Satan» genannt, obwohl sie Gratiana hiess. Zur Oberin bestellt zu werden, war gleichbedeutend wie körperliche Züchtigung der besonderen Art. Man musste sich nackt ausziehen und vor ihr niederknien. Dann hob sie ihre Nonnentracht, klemmte das Gesicht der Buben zwischen ihre Schenkel und schlug mit dem Rutenstock so lange auf den Rücken, bis sie stöhnend urinierte. 
Ich will den Schwesternorden nicht beim Namen nennen, denn es gab auch viele gute und mitfühlende Schwestern. Besonders mit meinen Lehrerinnen, Sr. Aline und Sr. Emerica aus Balgach, verband mich bis zu deren Tod herzliche Dankbarkeit."


Das Heim wurde damals von den Menzinger Schwestern (Stammkloster Marianum Menzingen ZG) betrieben.


(Quelle: Teilabschrift aus der Original-Handschrift, erstellt vom Sohn des Verfassers)

 

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