Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Berichte von ehemaligen Heimkindern

"Mein Vormund und die Heimleitung kamen zum Schluss, dass ich bei einem etwaigen Sekundarschulbesuch ein Jahr länger im Heim sein würde, was nicht den Statuten des Heims entsprach, und damit war die Sache abgetan."

Werner Aliesch, 1952. Pflegefamiie, Heim Gott hilft in Wiesen bei Herisau, Erziehunganstalt Platanenhof, Oberuzwil

 

"Ihre Dokumentation im Fernsehen habe ich mit Aufmerksamkeit mitverfolgt. Dabei musste ich feststellen, dass ich eigentlich gar nicht in das Schema passe, welches Sie hierbei vorgeben. Ich bin Jahrgang 1952 und meine sieben (waren wir) Geschwister bewegen sich in den Jahrgängen 1947 bis 1957. Im Verlauf Ihrer Dokumentation wurde mal erwähnt, dass die Schweizerische Eidgenossenschaft sich zu der Verdingkindpolitik Gedanken gemacht hat, um diese zu verändern.
Ich denke, dass dies wohl gewürdigt werden müsste, wenn danach auch Taten gefolgt wären... Und nun zu meiner Geschichte!

 

Als zirka einjähriges Kind wurde ich meinen Eltern weggenommen und zu einer Pflegemutter nach Silvaplana im Engadin gebracht oder abgeholt oder was auch immer. Nach dem Ableben jener Pflegemutter, die ich wissentlich nie gekannt habe, wurde ich zu einer Pflegefamilie nach Birr-Lupfig im Kanton Aargau verlegt. Dies zusammen mit meiner ältesten Schwester, welche dann später in ein Kinderheim nach Felsberg verlegt wurde. Was ich bis jetzt beschrieben habe, entzieht sich meiner Erinnerung, es wurde mir vielmehr und viel später durch meine Geschwister überliefert. Ich denke, dass ich danach den Kindergarten und die Schule in Birr besucht habe. Woran ich mich erinnere, ist die Tatsache, dass mich mein "Vater" mit einem Hanfseil geschlagen hat, weil ich bei der Nachbarfamilie zu Mittag gegessen habe.
Der vermeintliche "Vater" verunfallte bei einem Bahnunfall tödlich, als ich wohl zehn Jahre alt war. Es verging einige Zeit, bis mich dann eines Nachmittags, als ich gerade in der Badewanne war, meine "Mutter" fragte, ob ich in die Ferien gehen möchte? Dies habe ich bejaht, ohne mir weitere Gedanken dazu zu machen. Es dürften wohl zwei Wochen vergangen sein, bis dann meine "Mutter" mir erklärte, dass sie alle meine Sachen gepackt habe, damit ich in die Ferien gehen könne. Sie fuhr alsdann mit mir zum Bahnhof nach Brugg, wo sie mir einen mir unbekannten Herrn vorstellte mit der Erklärung, dass dieser mich nun in die Ferien begleiten werde. Wir bestiegen also einen Zug nach irgendwo (ich war bis zu diesem Zeitpunkt noch nie wissentlich Zug gefahren), als wir uns von meiner "Mutter" verabschiedet hatten.

 

Meine Eltern wohnten in Graubünden, könnten aber nicht für mich sorgen und meine vermeintliche Mutter könne nach dem Tod ihres Ehemannes ebenfalls nicht mehr für mich sorgen, weshalb ich nun zu einer andern Familie ins Emmental gebracht werde. Nun musste ich mich wohl damit abfinden! Ich musste alsdann am Morgen früh mit dem Hundekarren die Milch in die Käserei nach Oeschenbach bringen, danach gab es Früh-stück und danach musste ich mich auf den Schulweg nach Schachen machen. Die Schule war nicht so schlimm, aber der Heimweg war jeweils ein einziger Horror, weil mir die andern Schulkinder auflauerten, um mich zu verprügeln oder mir meine Sachen im Wald zu zerstreuen usw. Nun, meine Pflegeeltern haben diese Sache als nebensächlich abgetan und die Lehrerschaft hat den Zustand in der Schule zwar erwähnt, was mir in der Folge nur noch mehr Schläge einbrachte. Nach der Schule musste ich dann den Schweinen ausmisten und diese danach füttern. Und dann bis zum Nachtessen im Kuhstall mithelfen. Nach dem Nachtessen musste ich dann wieder mit der Milch in die Käserei.
Danach war es Zeit, um Schulaufgaben zu machen und dann schlafen zu gehen. Nach etwa drei Jahren versuchte ich zu Fuss nach Graubünden zu gelangen, weil ich dachte, dass es bei meinen Eltern wohl schöner sein würde. So gegen Mitternacht habe ich dann bei einem Haus in Rothrist geklingelt und dessen Leuten erklärt, dass ich müde sei und Hunger hätte. Sie haben mir etwas zu essen gegeben, mich befragt woher und wohin etc. und einige Zeit später hat mich die Polizei abgeholt und wieder zurück zur Pflegefamilie gebracht. Durch diesen "Ausriss" sind mir keine negativen Folgen erwachsen. An der Tatsache, dass ich aber noch immer an demselben Ort, in der gelebten Umgebung und mit denselben Proble-men weiter zu Leben hatte, änderte dies wohl nichts.
Etwa ein Jahr später habe ich dann das Kleinmotorrad meines Pflegevaters entwendet und bin damit Richtung Graubünden gefahren. Ich war mit einer Stallhose, Stiefeln, einem Leibchen und einer Jacke bekleidet und fuhr mit dem Ziel Graubünden entsprechend meinen damaligen geographischen Kenntnissen in Richtung Brünigpass. So gegen das Eindunkeln war ich ziemlich müde und suchte mir ein Nachtquartier. Nach schlechten Erfahrungen mit dem Aufsuchen von bewohnten Häusern suchte ich mir einen Heuschober kurz vor Innertkirchen als Schlafplatz und übernachtete in einem solchen. Am nächsten Morgen gegen zehn Uhr hörte ich Geräusche in der Umgebung und bemühte mich, so schnell als möglich weiter zu kommen. Ich konnte, so denke ich, unentdeckt das Gebäude verlassen und machte mich wieder auf den Weg Richtung Sustenpass. Irgendwann so gegen Mitternacht, ich hatte die Passhöhe gerade hinter mir gelassen, erwartete mich ein Schneegestöber mit Schnee, Wind und unangenehmer Kälte. Das Ziel, meine "Heimat" zu erreichen, trieb mich weiter talwärts. Ich war wohl ziemlich durchfroren, als ich ein Licht auf der linken Strassenseite erblickte. Bekleidet mit Unterhosen, Stallhosen und Stallhemd sowie einem Paar Stiefel, halb erfroren, wusste ich keinen Ausweg als eben diesen, abermals zu wagen, einem Licht im Dunkeln zu folgen. Ich betrat das Lokal, es war eine Mischung aus Kiosk und Imbissbude. Eine Frau kam auf mich zu und befragte mich über Woher, Wohin und Weshalb, worauf ich ihr antwortete, dass ich auf dem Weg sei zu meinen Eltern in Graubünden. Ich wurde (wie gehabt) mit einer Suppe und Brot bewirtschaftet und durch Konversation von meinem Vorhaben, weiterzu-fahren, abgehalten. Wie gehabt ist dann auch die Polizei aufgetaucht, um mich abzuholen. Ich denke, dass ich weder glücklich noch erfreut war, jedoch trotzdem froh, nicht weiter in der Kälte ausharren zu müssen. Die Herren haben mich alsdann überzeugen können, dass sie mich in irgendwelcher Weise nach Graubünden bringen würden.

 

Die Herren Polizisten haben mich dann mitgenommen in ein Altersheim zum Übernachten. Am andern Morgen hat mich ein Herr mit der Eisenbahn nach Schiers zu meinem Vormund begleitet. Dieser hat mich dann bei sich wohnen lassen und ich konnte auch in Schiers zur Schule gehen. Nach zwei Wochen wurde ich zu meinen Eltern nach Maienfeld gebracht. Es war dies das erste Mal, dass ich meine Mutter und meinen Vater wissentlich erleben durfte. Nebst mir war noch meine jüngere Schwester, Anna-Berta, und mein älterer Bruder, Hans, zu Hause, welche ich auch erstmals in meinem Leben zu Gesicht bekam. Mein Vater war damals als Gemeindearbeiter tätig und als solcher auf der Alp zum Holz schlagen eingeteilt. Meine Mutter arbeitete im Hotel Heidihof und wohnte bei ihrem Freund ein paar Schritte nebenan. Ich konnte in Maienfeld zur Schule gehen, wohnte aber vorwiegend bei meinen Grosseltern auf dem Hof. Nun, es wurde mir zumindest die Gelegenheit geboten, meine Eltern kennen zu lernen, was aber nicht gerade erbauend war. Nach einem halben Jahr liessen sich meine Eltern scheiden und ich war wieder irgendwie überflüssig oder eben nicht unterzubringen.
Die Vormundschaft hat sich dann in der Folge entschieden, mich in einem Kinderheim unterzubringen. Sie entschieden sich für das Kinderheim Gotthilf in Herisau, weil schon andere meiner "Sippe" in dieser Institution mit "Erfolg" untergebracht wurden. Nun, ich kann nicht behaupten, dass dies unbedingt falsch war, aber ganz und gar nicht zum Vorteil unserer Familie. Da ich nun einmal da war, sollte ich wohl mein Bestes geben, denn irgend eine andere Alternative gab es nicht.

 

Vorerst hatte ich Schulunterricht im Heim in "Wiesen", wohl als Eingliederungsphase, und wurde dann einige Zeit später in die Realschule in Herisau eingeschult. Der Lehrer war ein "Militärgring", das heisst, er war Offizier und darauf bedacht, aus all seinen Schülern eben solche zu machen. So kam es dann, dass ich mich dagegen auflehnte, dass wir in der Turnstunde weder Fussball, Völkerball noch sonst eine damals aktuelle Sportart betrieben, sondern nur zu lernen hatten, wie man militärisch "geht", "grüsst" etc., was keiner der damaligen Klasse gut fand. Auf mein Drängen hin (bei den "Behörden" sehr unbeliebt), wurde dann diese Art des Turnunterrichts abgewandelt. Ich müsste wohl ein Buch schreiben über die Zeit im Heim und in der Schule in Herisau, aber es fällt mir schwer, darüber zu beichten. Jedenfalls habe ich die Aufnahmeprüfung für die Sekundarschule gemacht und als Zweitbester bestanden, was mich aber nicht berechtigte, die Sekundarschule zu besuchen. Mein Vormund und die Heimleitung kamen zum Schluss, dass ich bei einem etwaigen Sekundarschulbesuch ein Jahr länger im Heim sein würde, was nicht den Statuten des Heims entsprach. und damit war die Sache abgetan.

 

Ich wurde dann nach Schulabschluss in eine Erziehungsanstalt nach Oberuzwil eingewiesen. Weshalb? Das geschah wohl alles, weil ich das "Verbrechen" begangen hatte, keine Eltern zu haben.

Ich hätte noch vieles zu sagen, aber es fällt mir sehr schwer, daher schliesse ich vorerst mal mit meiner Verbrechens-Geschichte. Ich weiss nicht, wer es lesen wird und ob es überhaupt etwas bewegt, aber ich hatte zumindest die Gelegenheit, ein bisschen aus mir hinaus zu gehen. Vielleicht noch eine Frage an Jacqueline Fehr, welche sich keine Gedanken um eine finanzielle Gutmachung macht. Ich möchte nur wissen, weshalb Kinder ihre eigene Jugend zu finanzieren haben?"

 

(Quelle: Bericht zur Tagung ehemaliger Verdingkinder, Heimkinder und Pflegekinder am 28. November 2004 in Glattbrugg bei Zürich, Hg. von der Vereinigung Verdingkinder suchen ihre Spur, Zürich 2005, S.10-14)

 

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