Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Berichte von ehemaligen Heimkindern

"Jedes Mal dachte ich: Jetzt ist es vorbei, aus"

Willy Mischler. Geboren 1957. Kinderheim Mariahilf, Laufen (1960 bis 1969), Kinderdörfli Rathausen (1969 bis 1973)

 

"Die Schwester Oberin schleppte mich in den Duschraum und sagte: Zieh dich schon mal aus und bete bis ich zurückkomme. Ich war damals vielleicht fünf, sechs Jahre alt. Als sie dann wieder kam, warf sie mich in die Badewanne und hielt mir die Duschbrause mitten ins Gesicht, das Wasser voll aufgedreht. Ich konnte nicht mehr atmen, ich strampelte wie verrückt, ich geriet völlig in Panik. Das war eine der Lieblingsstrafen der Schwester Oberin. Man musste nicht unbedingt etwas angestellt haben dafür, oft reichte es aus, dass sie schlecht gelaunt war. Jedes Mal dachte ich: Jetzt ist es vorbei, aus, jetzt sterbe ich.

 

Ich kam 1960 ins Kinderheim von Laufen, als Dreijähriger, der jüngste meiner drei Brüder war noch gar nicht geboren. Der Vater ein Trinker, die Mutter eine Prostituierte, zu Hause viel Streit und wenig Geborgenheit. Die Amtsvormundschaft nahm uns den Eltern weg, die Grossmutter sagte immer: Bald könnt ihr wieder nach Hause, bald. Ich blieb neun Jahre in Laufen.

 

Wir waren 20 bis 30 Mädchen und Buben, unter der Aufsicht einer weltlichen Betreuerin und fünf Ingebohler-Schwestern. Die Weltliche und die Schwester Oberin waren die schlimmsten. Sie mochten es, uns von hinten an den Armen zu packen, hochzuheben und dann mit voller Wucht gegen uns zu treten. Wir flogen durch die Luft, als seien wir ein fortgekickter Ball. Einmal zeigte ich meiner Grossmutter meine blauen Oberarme, gezeichnet von den Abdrücken der Fingernägel meiner Peinigerinnen. Meine Grossmutter, völlig schockiert, reklamierte bei der Heimleitung. Man verlegte sich darauf auf Foltermethoden, die weniger Spuren hinterliessen.

 

Einmal hatte ich während des obligatorischen Mittagsschlafs unter der Linde im Garten meine Augen nicht geschlossen. Was solls, ich war nicht müde. Die Schwester Oberin packte mich, schleppte mich in die Waschküche. Dort stellte sie mich kopfüber in einen Putzeimer voll Wasser. Zog mich an den Beinen hoch, stellte mich wieder hinein. Immer wieder. Ich dachte, ich ertrinke. In dieser Zeit habe ich gelernt, die Luft anzuhalten. Zweieinhalb Minuten schaffe ich auch heute noch.

 

Erst als ich etwas grösser war, gelang es mir, meine Panik bei den Foltermethoden unter Kontrolle zu bringen. Mit etwa zehn Jahren spürte ich zudem, dass ich kräftig wurde. Ich begann mich zu wehren. Riss den Duschschlauch aus der Halterung, als ich wieder ins Gesicht geduscht wurde. Schlug zurück. Die Schwestern hatten keine Chance mehr gegen mich. Also verlegten sie mich ins Kinderdörfli Rathausen. Dort würde ich schon erzogen, hiess es, aber so schlimm fand ich Rathausen gar nicht. Wir hatten einen Fussballplatz, und Schläge gab es nur, wenn man etwas ausgefressen hatte.

 

Als ich mit 15 Jahren Rathausen verlassen konnte, schwor ich mir: Ich lasse mein altes Leben zurück, ich beginne ein neues, und es wird gut. Ich hatte Glück, ich fand den Rank. Konnte eine Maurerlehre machen, mich weiterbilden und hocharbeiten bis zum Immobilienberater. Heute habe ich eine wunderbare Frau und grossartige Töchter. Ich habs geschafft. Doch was bleibt, ist das Gefühl, um die Kindheit betrogen worden zu sein. Was bleibt, sind die plötzlich auftretenden Atemprobleme, für die Ärzte keine Erklärung haben. Was bleibt ist der Wunsch, den Leuten von damals ins Gesicht zu sehen und ihnen zu sagen: Es war eine Schweinerei, was ihr mit mir gemacht habt."

 

(Quelle: Mitteilungen von Willy Mischler an die Zeitschrift Beobachter)

 

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