Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Erinnerungen an meine Kindheit im Waisenhaus Einsiedeln 1952-1963

Mit 2 Jahren soll mein Leben und das Leben meines kleinen, 8 monatigen Bruders Hanspeter total anders werden. Wir wurden ins Kinderhelm Einsiedeln gebracht, in die Heimatgemeinde meines Vaters, angeblich für einen Erholungsaufenthalt von 3 Monaten. Angeblich waren wir krank,
verwahrlost und unterernährt. Die Eltern stimmten angeblich für eine 3-monatige Erholungszeit, in der Heimatgemeinde des Vaters, zu. Nach Aussage der Mutter waren sie einfach arm und hatten kein Geld. Die Behörde von Einsiedeln entzog den Eitern das Fürsorgerecht über uns. Wir wurden unter Amtsvormundschaft gestellt. Und so wurden aus den 3 Monaten 11 Jahre Kinderheim Einsiedeln. Es war ein katholisches Heim, geführt von lngenbohler Schwestern. Meine Eltern habe ich sehr wenig gesehen. Anfänglich besuchten sie uns noch sporadisch, dann überhaupt nicht mehr. Das Versprechen meines Vaters, uns nach Hause zu holen, wurde nie eingelöst. Das war sehr bitter.
Dieses Versprechen war meine einzige Hoffnung und mein einziger Trost im Dauergefühl von tiefer, unendlicher Verlassenheit, Bedrohung, Angst, Verlorenheit und Einsamkeit. Und wenn ich über Mittag zur Strafe, anstatt mit den anderen Kindern zu sein, allein ins Bett musste, sass ich auf dem
Bett, im abgedunkelten Schlafzimmer, weinte verzweifelt und rief nach dem Vater, uns doch zu holen und tröstete mich mit diesem Ziel, an das ich mich klammerte. So allein im Schlafzimmer zu sein machte mir Angst und ich fühlte mich sehr bedroht. Auch wusste ich nie, wann ich wieder
herausgeholt wurde. Irgendwann zerschlug sich diese Hoffnung, denn er kam nie. Das Versprechen, an das ich mich in meiner Not klammerte, löste sich in Luft auf.
Hanspeter kannte meine Eltern im Gegensatz zu mir nicht. Er ist ja mit 8 Monaten von ihnen weggenommen worden. Und wenn die Eitern uns dann mal besuchten, versuchte er immer, sich aus dem Besuchszimmer davon zu schleichen, wobei ihn die Mutter jeweils aufhielt.
Die Nonnen hatten keine guten Worte übrig für meine Eitern. Immer wieder musste ich hören, dass diese mich gar nicht wollen und sie sich nicht um uns gekümmert haben. Dann musste ich unter anderem auch immer wieder hören, dass ich später genau gleich werde wie meine Mutter; früh Kinder haben werde und diese auch nicht versorgen könne. Heute sind für mich diese Aussagengrauenhaft.
Die Eitern sah ich zum letzten Mal mit 10 Jahren an der Erstkommunion meines Bruders Hanspeter und ein Jahr zuvor an meiner Erstkommunion. Dann erst wieder mit 19 Jahren.

Die Platzierung ins Heim passierte gleichzeitig zu der Zeit, 1952, als die Institution Pro Juventute durch die Aktion "Kinder der Landstrasse" jenische (fahrende) Familien zur Sesshaftigkeit zwang, indem ihnen die Kinder weggenommen wurden und man sie ins Heim steckte.

Die Räumlichkeiten

Das Kinderheim war in 4 grosse Kategorien eingeteilt. Gemischte Säuglings- und eine gemischte "Springerli"- Abteilung im Parterre. Im 1. Stock auf einer Seite die Schulmädchen und auf der anderen Seite die Schulbuben. ln der Mitte eine Wand mit einer Türe. Sie trennten die Abteilungen. Im 3. Stock die Schlafräume der Schulmädchen und im 4. Stock die Schlafräume der Schulbuben. Unter dem Dachboden ein riesengrosser, dunkler, schlechtbelichteter und von vielen gefürchteter
Estrich, 2-stöckig. Im oberen Boden wurde Obst gelagert. Im unteren Teil wurde der ganze Platz zum Wäschetrocknen gebraucht. An den Wänden entlang Kammern fur Materialien. Und eine kleine Kammer zum Aufhängen der Babywindeln, "Windelchämmerli". Eine grosse Küche mit
Vorratsräumen und eine kleine Waschküche im Keller.
Das Mädchenschlafzimmer war mit 6 Betten ausgestattet. Mein Schlafplatz war nahe an der Tür und Teri neben mir, dann eine Heizung, in der Mitte ein Fenster und auf der anderen Seite wieder zwei Betten. Mein Bett war ein weisses metallenes Gitterbett, wie man es früher von den Spitälern kannte.
Während der "Springerlizeit," ca. 4-7 Jahre, war regelmässig Badetag. Alle Kinder tummelten sich im Badezimmer. Eine Heimangestellte half der Nonne mit. Wie es bel Kindern so Ist, war es auch laut und quirlig. Gleichzeitig 2 Kinder in der Badewanne, das war effizient.

Ca. 3 Jahre

Ich erinnere mich, als ich mit Teri händchenhaltend an einem Samstag-Nachmittag von der Säuglingsabteilung, in Begleitung einer Nonne, in die gegenuüberliegende "Springerli"-Abteilung überwechselte.
Wir waren 4 Jahre und bis zum Schuleintritt soll das nun unser neues Zuhause sein. Die Abteilung war gemischt mit Buben und Mädchen.
Gerulfa hiess die neue Nonne, bei der ich Unvergessliches, tief  Verletzend-Traumatisches erlebenwerde. Nur noch wenige Erinnerungen bleiben mir von dieser Zeit.

Ca. 4 Jahre

Ich war Bettnässerin und dafür wurde ich jeden Abend äusserst hart bestraft. Als alle Kinder im Bett waren, kam Gerulfa zu mir. Sie hebt mich aus dem Bettchen und trägt mich auf ihrem Arm den Gang entlang ins Badzimmer. Manchmal führt sie mich an der Hand dorthin. Meistens
wartet dort auf uns schon eine Angestellte vom Heim. Eine grosse Badewanne, die rechts an der Wand vom Türeingang steht. Die Wanne gefüllt mit Wasser. Gerulfa zieht mich nackt aus und mit ihrer Hilfe befahl sie mir, ins Wasser zu steigen. Ich war noch zu klein, als dass ich das selber konnte.
Schock! Es verschlägt mir fast den Atem. Das Wasser ist eiskalt und ich zittere am ganzen Körper. Sie befiehlt mir, auf zehn zu zählen. Weil ich noch nicht auf 10 zählen konnte, macht sie es mit ihren Fingern vor und ich musste es nachmachen. Bei 10 packt sie mich an den Haaren am Hinterkopf und drückt mich unters Wasser, bis ich kaum mehr atmen kann. Dann wieder hoch, schnell Luft holen und wieder unters Wasser und das ein paarmal nacheinander. Die Angst und Panik, ersticken zu müssen,
beeindruckt sie keineswegs. Dann hebt sie mich aus der Badewanne, nackt und nass wie ich war, legt sie mich über's Knie und verprügelt mich mit dem Stiel des Teppichklopfers auf mein Hinterteil und trägt oder spediert mich wortlos zurück ins Bett. Wie lange ich dieses allabendliche Ritual und die Tortur über mich ergehen lassen musste, weiss ich nicht mehr genau. Der Schrecken und die Angst sass tief in mir, sodass ich mich den ganzen Tag vor dem Abend fürchtete. Ich wünschte und hoffte immer so sehr, dass Gerulfa es einmal vergessen würde. Aber sie hat es nie vergessen, um mir diese qualvolle Tortur zu ersparen.
Gleichzeitig erhalte ich ab 16.00 nichts mehr zu trinken. Um 17.00 war gemeinsames Nachtessen. Anstatt Kartoffelstock oder Griessbrei mit Kompott, erhalte ich ein Stück Schwarzbrot mit dick Salz darüber gestreut. Neidisch, traurig und wehmütig schielte ich jeweils auf die anderen Kinder, die das bekamen, was ich auch gerne gehabt hätte. Griessbrei oder Kartoffelstock, mhh, das mochte ich damals so gerne. ln diesem Moment, wie auch am Morgen ein trockenes Bett zu haben, wäre ich so gerne eines dieser Kinder gewesen. Ich litt extrem unter dem Bettnässen, das ich einfach nicht in den Griff bekam. Schmach, Beschimpfung und Demütigung am Morgen und das Warten auf den Abend, wo noch Entsetzlicheres passieren wird.
Zusätziich musste Ich oft auch auf das Dessert am Sonntag verzichten.

Weil ich unter chronischer Verstopfung litt, wurde mir täglich morgens nüchchtern Rizinusöl in die Milch geschüttet und vermischt. Milch hatte ich sowieso nicht gerne. Sie war meistens lauwarm und voller "Schlängge". Ich hasste diese Milch. Nur von der Milch allein würgte und schauderte es mich, und dann noch das Rizinusöl darin, zum Erbrechen übel. Aber ich durfte nichts dergleichen tun, sonst wurde mir die Nase zugedrückt, so dass ich zwangsweise schlucken musste.

Zwischen 4 und 7 Jahre alt

Ich war zwischen 4-5 Jahre alt. Als wir wieder einmal in der Kapelle auf den Bänken knieten, fühlte  ich mich sehr schlecht, weil ich so starke Schmerzen in den Ohren hatte. Dabei legte Ich den Kopf  auf meine Arme und wimmerte vor mich hin. Meine Unterhosen, ja sie waren nass und die Schmerzen hielt ich fast nicht mehr aus.
Als Ich dann meine Beschwerden äusserte, auch von einer kleinen Hoffnung getragen, deshalb, wegen den nassen Hosen nicht bestraft zu werden, meinte die Nonne, dass ich die Schmerzen nur vorschiebe, und schlug mir mit allerWucht auf die Ohren. Der Eiter musste zuerst aus den Ohren fliessen, bevor mir geglaubt wurde. Aus solchen und ähnlich wiederholten Erfahrungen lernten wir früh, nichts mehr zu sagen.
Ignorieren, Aushalten und Durchhalten!
Denn bei körperlichen Schmerzen folgten noch mehr Schmerzen. Bei seelischen Nöten folgte noch mehr seelische Not.

Die Buben und Mädchen schliefen separat. Soweit ich mich erinnern kann, schliefen wir zu sechs Mädchen, im Alter zwischen 4-7 Jahren, in einem Schlafsaal. Wenn das Licht im Schlafsaal gelöscht wurde, wurde absolute Ruhe verlangt. Hie und da gab es, wenn es die Laune der Nonne zuliess, ein Täfelchen von einer ganzen Schokolade. Das war jeweils etwas ganz Besonderes und wir fühlten uns für einen Augenblick glücklich. Dieses Glück dauerte jeweils nur kurz. Wir kannten und hatten keine Kuscheltiere, die uns im Alltag und in der Nacht hätten etwas trösten können. Puppen hatten wir schon. Diese wurden aber nur für eine begrenzte Zeit zum Spielen herausgegeben und danach wieder zurück in den Kasten abgeschlossen. Es wurde uns auch nie eine Geschichte vor dem Schlafen
erzählt. Bis dann alle den Schlaf gefunden hatten, ging es zuvor ziemlich geräuschvoll zu und her.
Jedes Kind hatte so sein Elnschlafritual. Das Mädchen neben mir umarmte ihren Duvetzipfel und hielt ihn fest und wiegte sich seitwärts in den Schlaf. Ein anderes sass aufrecht im Bett und schleuderte ihren Kopf hin und her, bis auch sie dann in den Schlaf versank. Eine andere knirschte laut mit den Zähnen. Wir wurden jeweils nachts geweckt, um nochmals auf die Toilette zu gehen. Ich war ein Kind, das lange nicht einschlafen konnte. Einerseits fürchtete ich mich vor dem Dunkel der Nacht, vor den schlimmen Träumen und Geistern und andererseits davor, am Morgen wieder ein nasses Bett zu haben, wofür ich dann wieder grausam bestraft werde.
Ich beneidete die anderen Kinder sehr, die am Morgen unbeschwert aus einem trockenen Bett erwachen und aufstehen konnten und nicht diese Schmach von Demütigungen und Ausgegrenzt-Werden über sich
ergehen lassen mussten und dann den ganzen Tag über die Angst im Nacken hatten vor dem Abend. Meine Verzweiflung und Ausweglosigkeit darüber gruben sich tief in meine Seele, weil ich es mit dem
besten Willen nicht ändern konnte, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünschte. Ich litt unendlich darunter, weil ich es einfach nicht in den Griff bekam. Und bei den ärztlichen Abklärungen hiess es immer, dass mir organisch nichts fehle, dass ich es "extra" machen würde. Setzt sich ein Kind freiwillig diesen unerträglichen Qualen und bestialischen Konsequenzen aus? NEIN!
Es kam dann noch viel schlimmer und das Ganze nahm noch extremere Formen an. Ich wage es kaum aufzuschreiben, weil es mir heute noch äusserst peinlich ist und mich noch Immer dafür schäme. Am liebsten möchte ich es ausgeklammert haben. Doch es ist ein wesentlicher / bedeutender Bestandteil, wie meine Kinderzeit und mein Leben sich weiterentwickelte.
Wie an anderer Stelle aufgeführt litt ich unter dauernder Verstopfung. Ich hatte extreme Mühe, meinen Darm zu entleeren. in späteren Jahren war ich deswegen auch schon in Spitalpflege. Auch litt ich unter wiederholten Darmrissen, die Behandlung benötigten und aufgrund dessen vermutlich auch eine Darmfistel sich entwickelte, die operiert werden musste. Zudem bleibt mir in Erinnerung, in diesen Jahren sehr oft unter ekligem Juckreiz am After, vorallem nachts, geplagt worden zu sein, was mich zu ständigem Kratzen veranlasste. Madenwürmer! Ob diese behandelt wurden, das kann ich nicht mehr sagen. Ich weiss nur noch, dass ich mich jeweils bis zur Verzweiflung kratzte und es nicht half.
Wir trauten uns gar nicht mehr, etwas zu sagen.

Kälte

In Einsiedeln konnte es im Winter eisig kalt sein. Manchmal wurden dann nach der Mittagszeit in der Stube alle Fenster aufgesperrt. Dabei mussten wir Mäntel, Kappen und Handschuhe anziehen. Es wurde sehr kalt dann in diesem Raum.
Meistens aber mussten wir trotz eisiger Kälte in 2-er Kolonnen nach draussen gehen. Wie haben wir auf diesen für uns nicht endenden Spaziergängen geheult, gewimmert und gejammert ob dem bissigen Wind und der eisigen Kälte. Unsere Körper durchfroren, Hände und Füsse nicht mehr spürend. Unser Gejammer, umzukehren, fand jedoch kein Gehör. Nein, wir wurden angetrieben, weiter zu gehen. Bis weit hinten über die Sihlseebrücke in das dort liegende Dorf und dann wieder zurück. Einzelne hatten in diesen Situationen das Glück, wenigstens für eine kurze Weile der unerträglichen Kälte zu entfliehen. Die Nonne nahm uns abwechslungsweise unter ihren Mantel. Auch ich gehörte mal zu diesen "Glücklichen".
Das Schlimmste, die Auswirkungen, was die Kälte an unseren Körpern anrichtete, soll aber erst noch kommen. Zurück im Heim in der Wärme und alle im Badzimmer ging es erst recht los. Der "Kuhnagel" hatte uns fest im Griff, wenn wir die Kleider auszogen. Ein bestialischer Schmerz. Wimmern und Wehklagen ertönte durch die ganze Kinderschar.

Auch das Essen bedeutete für manche eine Qual, wenn wir etwas nicht gerne hatten. Von dem gabs dann immer etwas mehr und niemand durfte vom Tisch, bevor nicht der Teller leer gegessen war. Es blieb ja meistens nur das auf dem Teller zurück, was man absolut nicht mochte. Mit Gewalt wurde uns die Nase so zugedrückt, dass wir keine andere Wahl hatten als den Mund zu öffnen, sodass sie das Ungeliebte in den Mund stopfen konnten. Das Sich-Dagegen-Wehren, Weinen und Schreien nützte
nichts. Und wer nicht schlucken wollte, musste solange in die Ecke stehen, mit dem Gesicht zur Wand und die Hände auf dem Rücken, bis das verhasste Teil dann endlich geschluckt war. Oder man war schlau genug, in einem unbeobachteten Moment seitens der Nonne / der Angestellten, diese Nahrung blitzschnell in das Taschentuch, die aus Stoff waren, verschwinden zu lassen und sie anschilessend im WC runterzuspülen.
Ich sehe heute noch ein Mädchen, das jeweils lange Zeit in der Ecke stand und den Klumpen im Mund x-mal von einer Backe zur anderen hin und her schob, bis sie sich dann endlich davon erlöste.
Ohne das gab es weder ein Dessert, die nächste Mahlzeit oder sonstwas.

11/12 Jahre alt

Ein in diesem Zusammenhang stehendes Erlebnis bleibt mir heute noch in lebendiger Erinnerung. Es war Sonntag und an den Sonntagen gab es meistens Fleisch. Ich war ca. 11/12 Jahre alt. Fleisch mochte ich überhaupt nicht als Kind. Auch war es immer mit viel Fett durchzogen und "gschlüdrig". Es widerstand und ekelte mir dermassen, dass ich oftmals Brechreiz bekam. Aber ich wurde immer dazu gezwungen, es trotzdem zu essen. Es war Fleischgulasch. Ich war wütend und hatte so genug,
dass ich den Fleischbrocken auf den Boden spuckte und schrie, dass sie den doch selber fressen soll.
Daraufhin hob sie das Fleischstück vom Boden auf und drückte es mir mit aller Gewalt wieder zurück in den Mund und drohte mit Sanktionen. Ich verhielt mich nun so, als ob ich kooperiert hätte. Aber ich liess es wieder einmal mehr in meinem Taschentuch verschwinden, um es anschilessend im WC herunterzuspülen. Diese Taktik bemerkten die Nonnen nie.

Essensentzug war eine beliebte Erziehungsstrategie der Nonnen.

Bei den "Springerli",4-7 Jahre alt, mussten nach dem Mittagessen, als Mittagsruhe, alle Kinder "d'Chöpf abe hebe". ln der Stube, die gleichzeitig Esszimmer war, mussten wir uns auf die Bänke/Stühle setzen. Die Arme verschränkt auf dem Tisch und den Kopf auf die Arme legen und zwar
so, dass das Gesicht nach unten schaute. Keine Bewegung war erlaubt, weder den Kopf zu heben, das Gesicht auf die Seite zu drehen, noch mit den Augen hervorzuschielen. Lass dich nicht erwischen. Wenn halt doch, wurden Ohrfeigen ausgeteilt, an den Schläfenhaaren gerissen, das tut noch mehr weh, an den Ohren gezogen. Weitere Strafmassnahmen: In die Ecke stehen und die Hände auf den Rücken und das Gesicht zur Wand, vor die Türe stehen und nicht zuletzt ins Bett geschickt zu werden.
Je nach Tagesform der Nonne. Verständnis und Erbarmen kannte sie nicht. Buben sind auch in den "Duri" eingesperrt worden. Das war eine übriggebliebene Gefängniszelle im vierten Stock im Helm, wo früher Leute auch aus dem Dorf inhaftiert wurden. Diese Zelle war eingebettet in einem Raum. Und der Raum selbst wurde zu meiner Zeit als Kükenaufzucht benutzt.
Ich wurde oft über Mittag ins Bett geschickt, was mir äusserst zuwider war, wovon ich mit Weinen und Trotzen Ausdruck gab.
Täglich nach dem Nachtessen ging es in die Hauskapelle zum Abendgebet. Danach Kleider ausziehen und ins Bett. Dabei mussten wir der damaligen Nonne jeweils die Unterhosen zur Überprüfung zeigen, ob es Spuren drin hat. Auch davor habe Ich mich immer sehr gefürchtet, weil ich es nicht so im Griff hatte und als Konsequenz mich als Drecksau und alles Mögliche beschimpfen lassen sowie noch mehr Schläge in Kauf nehmen musste.

Brand im Nachbarshaus

Bedrohlich ertönte es durch das Mädchenschlafzimmer: "Es brännt, es brännt!" So wurden wir nachts aus dem Schlaf und aus den Betten gerissen mit dem hastigen Befehl, schnell im Haus nach oben zu gehen. Verstört und schlaftrunken torkelten die Kinder die Treppen hoch. Ich verstand es nicht, warum wir zwei Stockwerke höher mussten, wenn es doch brennt. Und so hatte ich schreckliche Angst, dass sie uns verbrennen wollen. Ich nahm meinen kleinen Bruder an der Hand und steuerte zur riesigen schweren Holztür des Hausportals, um zu fliehen, brachte die Tür jedoch nicht auf. ln diesem Moment zerrte uns eine Nonne weg und schickte uns, wie alle andern, hinauf. So mussten wir verteilt, an verschiedenen Fenstern, zusehen, wie im Nachbarshaus lichterloh der Pferdestallbrannte. Ich war ca. 5 Jahre alt.

Nächtliche Ängste

Im Schlafsaal vorne rechts neben dem Fenster stand eine Heizung, wo jeweils Wäsche zum Trocknen übergehängt war. Nach diesem Erlebnis konnte ich keine Nacht mehr ohne die Angst, die Wäsche könnte von der Hitze des Ofens Feuer fangen, einschlafen. Durch das Anbringen einer schwarzen Baumwollstore (aus der Verdunkelungszeit während des 2. Weltkrieges) war es im Schlafraum stockdunkel. Oft fürchtete ich mich vor dieser absoluten Dunkelheit. So wartete ich und lauschte aufmerksam, bis alles ruhig war und alle im Schlafzimmer schliefen. Dann stieg ich vorsichtig aus dem Bett und schlich auf allen Vieren an Betten vorbei zur Heizung hin und riss in Sekundenschnelle alles zu Boden. Erleichtert huschte ich wieder in mein Bett zurück. Erst dann, wenn nicht noch zusätzlich andere Bedrohungen meinen Schlaf raubten, konnte ich den Schlaf finden.
Wie die Tage, so erlebte ich auch die Nächte als besonders bedrohlich. Es war dunkel und ich wusste nie, was mir wieder begegnen wird. Ich erinnere mich an Szenen, wo ich nachts so heftig schrie, weil ich Skelettgestalten in Minifalten-Jupe vor meinen Augen leichtfüsslg tanzen sah. Ich fürchtete mich sehr, weil ich glaubte, dass sie mich holen kommen. Ich schlug die Augen auf, sah sie immer noch, kroch unter die Decke und sah sie auch dann noch. Sie waren einfach da, diese Totenskelette. Dann kam die Nonne und fragte, was los sei, und ich sagte ihr, was ich sah. "Wenn du lieb und brav wärst, würdest du nicht solche Dinge sehen", sagte sie und verschwand.
Auch wiederholt sah ich Mäuse, vor denen ich bis ins erwachsene Alter entsetzliche Angst hatte. Neben meinem Bett an der Wand öffnete sich ein riesiges Loch und Schwärme von Mäusen drängten sich unaufhörlich auf mich zu. Auch dafür war kein Verständnis vorhanden. Uns wurde auch immer wieder gesagt, dass uns die Mäuse die Zehen abfressen, wenn diese ausserhalb der Bettdecke seien.
Ein andermal sah ich in der Ecke des Schlafsaals einen Mann auf einem Schemel sitzen, der an etwas herum hämmerte. Was es war, erinnere ich mich nicht mehr. Sein Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung wirkten auf mich sehr bedrohlich. Am Morgen erzählte Ich einem anderen Kind, was ich geträumt / gesehen? hatte. Zu meinem Erstaunen sagte sie, genau dasselbe habe sie auch gesehen. So wissen wir bis heute nicht, ob wir in dieser Nacht zufällig denselben Traum hatten oder ob es Realität war. Ich fOhlte mich in ständiger Bedrohung. Der Mond, den ich überdimensional gross in meiner Vorstellung wahrnahm und der hämisch auf mich hinunterschaute. Der Wind, der durch die Schlafzimmerecken heulte. Geräusche, die ich nicht einordnen konnte oder welche die Nonne willentlich machte, um mir Angst zu machen. Nachts, wenn sie kam und mir drohte, dass der Schmutzli mich im Sack mitnehme, wenn .... etc.
Ich erlebte in diesem Kinderheim Einsiedeln keine innere noch äussere
Sicherheit. Die Weit und das Leben bedeutete mir lange Zeit eine einzige Bedrohung, da uns nie und in keiner Weise Verständnis für unsere Aengste und Nöte entgegengebracht wurde.
im Gegenteil, unter dem Druck, dafür selbst schuldig zu sein, war ich gezwungen, diese für mich zu  behalten und selber damit zurechtzukommen.

Mädchen, warum nicht Bub?

Ich war von Natur aus ein neugieriges Kind. Eine Zeitlang beschäftigte mich sehr, warum ich ein Mädchen und nicht ein Bub war. Was ist denn anders? Man müsste mir ja nur Hosen anziehen, dann wäre ich doch auch ein Bub, dachte ich mir. Ein grosses Geheimnis, dem ich interessiert auf die Spur kommen will. Wir empfanden auch, dass die Buben es besser hatten. Sie durften Sport treiben, viel draussen sein, Märli und andere Geschichten hören und spielen, im Gegensatz zu uns Mädchen, die
viel arbeiten und sich nützlich machen mussten. Ich wusste erst im Schulalter, als ich auf der Babyabteilung mithelfen musste und beim Wickeln zusah, dass Buben zwischen den Beinen anders aussehen als Mädchen. Und so zog ich heimlich immer wieder an meinen Schamlippen im Glauben, dann auch das gewisse Etwas zu haben und als Bub zu gelten. Eines Tages, so erinnere ich mich, als ich dann wieder einmal auf der Baby-Abteilung war, griff ich einem kleinen Bub zwischen die Hosen,
weil ich spüren und wissen wollte, wie sich das anfühlt. Ich war ca. 6- 8. Dabei ertappte mich eine Nonne und beschimpfte mich als Drecksau und dass ich sofort verschwinden soll. Ich versank in Scham und Schuld und wusste, dass ich etwas ganz Schlimmes und Verbotenes getan haben muss, was nicht wieder gut zu machen ist. Schnurstracks verliess ich den Raum und kam mir vor wie eine  Schwerverbrecherin. ln Windeseile wusste es dann das ganze Haus und ich war erneut wüsten Beschimpfungen und Demütigungen ausgesetzt. Es wurde mir auch immer wieder vorgeworfen, ein sinnliches Kind zu sein. Ich verstand damals nicht, was das ist. Ich spürte nur an den Reaktionen, dass es etwas Böses, Unmoralisches bedeutet.

Haare

Ein ehemaliges Heimkind, heute auch eine erwachsene Frau, mit der ich noch Kontakt pflege, äusserte mir gegenüber einmal: "Du hattest wunderschönes langes hellblondes Haar. Aber man konnte nicht
zusehen, wie brutal sie dir deine Haare gekämmt haben." Damals war es mir nicht bewusst und körperbezogene Dinge, an denen wir nur annähernd hätten Freude empfinden können, wurden als unmoralisch und sündig niedergemacht. So war das Haare kämmen lassen für mich jeden Morgen ein Greuel und eine Tortur, ein qualvolles Szenarium. Da wurde sadistisch und achtlos an meinen verknoteten Haaren gerissen und gezerrt. Ein Wehgeschrei meinerseits liess sie unbeeindruckt. Im Gegenteil, da wurde gleich noch eins drauf gegeben. Ich habe gelernt, fest auf meine Zähne zu beissen, um den Schmerz nicht so stark spuren zu müssen. Reagierte ich jedoch nicht, war's auch nicht recht, Da gabs grad nochmal eins drauf. Die Haare wurden mir zu einem Rossschwanz gebunden und später dann zu zwei langen Zöpfen und noch später trug ich einen langen Zopf über die Schultern. Ich erinnere mich an zwei Gelegenheiten, wo ich meine Haare offen tragen durfte. Das eine Mal, als ich an einem Weihnachtsfest im Spital, als grosser Engel verkleidet, den Patientinnen und Patienten den Christbaum ins Zimmer tragen durfte. Hinter mir folgte ein Schwarm kleiner Engel, die Geschenke für die Kranken auf den Händen trugen und diese ihnen überreichten. Dabei wurden Weihnachtslieder gesungen. Diese Feierlichkeit / Zeremonie berührte mich tief. Nur ein einziges Mal durfte ich der grosse Engel sein. Und selbst dieses eine Mal war knapp, dass ich dann diese Freude doch erleben durfte. Denn es war Usus von den Nonnen, mir jeweils zuvor zu drohen, ich müsse gar nicht meinen, das könnte auch jemand anders machen. Ich konnte mich deshalb nie so richtig auf etwas freuen, weil ich bis zum letzten Moment nie wusste, ob ich's machen kann oder bekomme oder nicht. Willkür. Ein Druckmittel, um mich gefügig zu machen. So sehe und empfinde ich es heute.
So erging es mir auch jedesmal, wenn wir für Priester-Primizen und für die Namenstagsfeier der Oberin Theaterstücke einübten.
Die Hauptrollen wurden hauptsächlich mir zugeteilt. Meine Auffassungsgabe war gut und ich lernte schnell auswendig und war auch darstellerisch begabt.Es machte mir auch viel Spass, in eine andere Rolle zu schlüpfen.
Auch bei solchen Ereignissen wurde zuvor versucht, mir die Freude daran zu vermiesen, indem ich unter ständiger Bedrohung stand, dass auch das jemand anders spielen kann und sie mich in Unsicherheit liessen,  ob ich als Hauptdarstellerin dann wirklich zur Aufführung komme. Es kam jedoch nie dazu, dass jemand anders für mich spielte. Nein, es war dann so, dass ich, je nachdem, nach dem Fest die versprochene Strafe einkassierte oder in den Estrich eingesperrt wurde. Egal, was für Spannungen, Aengste und Konflikte auch waren, ich hatte jeweils meine Rollen immer mit Bravour gespielt.
Ich wünschte mir schon lange Zeit kurze Haare. Diese Kämmerei und den Zopf mochte ich nicht. Ich wollte auch mal einen Bubikopf haben. Bestimmen durfte ich ja nicht selber. Und dann in den Sommerferien, mit 15 Jahren, ging ich, ohne es jemandem zu sagen, in ein Coiffeurgeschäft und liess mir die Haare kurz schneiden. Es war mir schnurzegal, was danach auch immer passiert. aber die Haare, die können sie mir nicht mehr annähen. So dachte ich. Und so war's dann auch, dass ich hinterher ausgeschimpft wurde. Nur ich war mir das so gewohnt, dass es mir nichts mehr ausmachte.
Ich war aber stolz auf mich, dass ich es einfach getan habe.

Ca. 10-12 Jahre

Wieder einmal, wie so oft, musste ich zur Strafe, wofür weiss ich nicht mehr, den langen Holzbodengang mit einer Bürste, auf den Knien, sauber schrubben, wobei er anschliessend noch von Hand gewichst und geblocht (gebohnert) werden musste. Eine sehr strenge Arbeit. Anstatt spielen. Wir hatten keine versiegelten Holzböden. Ob es diese zu jener Zeit schon gab, weiss ich nicht. Ich fühlte mich unverstanden und ungellebt. Während dem ich weinend und schuchzend auf den Knien den Boden schrubbte, der meine Tränen aufnahm, schlug plötzlich, nichts ahnend, jemand von hinten mit aller Wucht auf mich ein und sagte: .,Jetzt weisch, warum du brüelsch." Es war die "Schwester" Oberin.
Dann verschwand sie wieder und liess mich allein zurück.
Viel später erzählte mir "diese Frau", die damalige Schicksalsgenossin, dass sie dieses Erlebnis nie vergessen habe. Sie habe ihren Augen nicht getraut, als sie gesehen habe, wie die Oberin, obwohl ich nichts getan habe, mich von hinten anschlich und heftig auf mich niederschlug.
Dieses sadistische Verhalten und diese absolute Hinterlistigkeit lässt heute noch meine Wut auf diese Nonnen aufflammen. Und tief in der Seele tut's immer noch weh. Nicht die körperlichen Schläge, sondern die Haltung, die dahinter stand .
"Ich versohle dir deinen Hintern und schlage dich grün und blau" oder / und "ich schlage dich windelweich, sodass du weder sitzen noch stehen kannst", drohte die Oberin mir immer wieder und setzte es auch sehr oft in die Tat um. Ich erinnere mich an eine Situation, wo ich danach wirklich
kaum noch gehen und sitzen konnte, weil mir alles weh tat und ich zuerst auf der Toilette die Holzspriessen aus dem Po herausziehen musste, die sich, von der Rückseite vom .,Beseli", in meine Haut eingebohrt hatten.

Pocken-Impfung

Ca. im neunten Lebensjahr wurde ich gegen Pocken geimpft. Darauf reagierte ich heftig.
Vorauszuschicken ist, dass wir jeden Morgen mit dem Ruf "In Gott's Name ufgschtande" im Schlafraum von der Nonne geweckt wurden. Das hiess für uns auch, sofort aus dem Bett zu steigen und auf den Boden knien, um gemeinsam das Morgengebet zu sprechen. So wie ich auf dem Boden kniete, wurde es mir schwarz vor den Augen. Ich rief noch "Ich werde blind!" und brach zusammen. Ich hatte sehr hohes Fieber, wie mir gesagt wurde, eine Reaktion auf die Impfung. Währendem ich sehr geschwächt im Bett lag, besuchte mich ein Mädchen und verriet mir, dass sie für mich beten müssen, weil ich vielleicht sterben werde ... "Aber sage es niemandem, dass ich es dir gesagt habe." Das beeindruckte
mich in meinem Zustand überhaupt nicht. Das wäre mir so egal gewesen.
Nur, ich hatte mich wieder aufgerappelt. Da tönte es später von der Nonne: "Es wäre besser gewesen, wenn du gestorben wärst. Man weiss ja nicht was aus dir wird." Ein wirklich aufstellender Kommentar für ein Kind!

Kommentare der Nonnen

- Wen der Herr (damit ist Gott gemeint) liebt, den züchtigt er.
- Du bist nichts und aus dir wird nichts werden.
- Du wirst in den Zuchthäusern landen und wenn du so weiter machst, erst recht.
- Du wirst so werden wie deine Mutter, früh Kinder haben und für diese auch nicht sorgen
  können.
- Niemand will dich, so wie du bist, so wie du tust.
- Deine schöne Schrift passt gar nicht zu dir.
- Du bringst alle Klosterfrauen ins Grab.
- Du bist der wahre Teufel und vom Teufel besessen.
- Du bist nicht normal, du bist weder ein Mensch noch ein Tier.
- Du bist minder als ein Tier.
- Du bist eine Sau, eine Drecksau.
- Wer nicht arbeitet, verdient auch kein Essen.

Das Heim war katholisch und von Ingenbohler-Schwestern geführt. Obwohl sie sich im Orden als "Barmherzige Schwestern vom heiligen Kreuz Ingenbohl" bezeichnen, habe ich davon nichts gespürt. Im Gegenteil, ihr Denken und Handeln erlebte ich als sadistisch und verachtend gegenüber Ihren Schutzbefohlenen, sensiblen kleinen Wesen, die ohnehin schon seelisch erschüttert oder verletzt waren. Tiefes Mittelalter präsentierte sich. Sie hätten ja auch nicht barmherzig sein müssen, nur menschlich.
Es ist mir wichtig, zu betonen: Es liegt mir fern, alle Nonnen in denselben Topf zu werfen. Ich spreche von dieser Zeit ...? Die Gesellschaft, Staat und Kirche haben das ihrige dazugetan und unterstützt.

Taufe des Heidenkinds

Bruchstückhaft erinnere ich mich an meine eigene Taufe am linken Seitenaltar in der Klosterkirche Einsiedeln. Ich war klein, konnte aber schon gehen. Die Mutter erzählte mir später, dass sie mich nicht, Hanspeter jedoch protestantisch, getauft hatten. So wurden wir rbeide katholisch getauft resp. umgetauft. Wir bekamen beide Pateneltern. Meine wohnten in der Nähe vom Heim und hatten zwei eigene Kinder, ein Mädchen und ein Bub, ungefähr im selben Alter wie ich. Hie und da konnte ich sonntags zu ihnen zum Mittagessen und den Nachmittag verbringen. Sie waren für mich so fremd. Ich konnte nicht sprechen. Es fehlte mir das Vertrauen. Das letzte Mal, meine ich, bei meiner
Erstkommunion, war es, dass ich kurz bei ihnen war. Es konnte gegenseitig nie ein Bezug aufgebaut werden. Hanspeters Pateneltern wohnten in der Nähe des grossen Schulhauses. Diese hatten 3 Kinder, 2 Mädchen und 1 Bub. Laut einer Erzählung der Schwester von der Patin durfte ich, als wir noch klein waren, ab und zu mit meinem Bruder in ihrem Garten spielen. Hanspeter habe jeweils gesagt: "Maluseli", so hat er mich genannt, "muesch nid truurig si." Ich kann mich überhaupt nicht mehr daran erinnern. Auch da konnte von allen Seiten nichts Bestehendes aufgebaut werden. Schade eigentlich. Mit was es zusammenhängt, kann ich nur spekulieren ...?
Zurück zur Taufe: Weil ich nicht getauft war, war ich ein Heidenkind. Wenn Heidenkinder sterben, kommen sie weder in die Hölle noch in den Himmel sondern werden sich in einem Zwischenraum aufhalten und irgendeinmal, wenn es Gott gefällig ist, erlöst werden. Die katholische Kirche nahm damals für sich in Anspruch, der einzig richtige und seligmachende Glaube zu sein.

Schule und Ausbildung

Damals, 1952 - 1963, waren im Heim ca. 54 Kinder untergebracht im Alter von 0 bis zum Schulaustritt. Die obligatorische Schulzeit dauerte damals in Einsiedeln 7 Schuljahre. Ich mag mich nicht erinnern, während meiner Zeit im Kinderheim, dass nur ein Kind aus dem Heim die Sekundarschule besuchen durfte und sei es noch so sehr dafür geeignet gewesen. Die Jungs wurden nach dem Schulabgang, mit 14 Jahren, als Knechte zu Bauern gebracht. Bei den Mädchen war es so, dass sie als Heimangestellte noch 1-2 Jahre Im Heim arbeiten mussten oder in eine Familie als Hausangestellte gebracht wurden.
Und die Devise vom Amtsvormund war klar, dass man mindestens ein Jahr, egal unter welchen Umständen, an der gleichen Stelle aushalten muss, sonst drohte Gefängnis oder Arbeitserziehungsanstalt.

Marlies Birchler., geboren 1950

Ausführlicher als in diesen leicht redigierten Notzien äussert sich Marlies Birchler zu ihrer Kindheit, zur Bewältigung ihres Erwachsenenlebens und zur Geschichte ihres Bruders, der sich umbrachte, im Videointerview, siehe Rubrik "Videos" auf dieser Website.