Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Berichte ehemaliger Heimkinder

René Schüpbach, geboren am 2. November 1933, veröffentlichte kurz nach seinem 80. Geburtstag im Mächler Verlag, Schwaderloch, seine Lebensgeschichte, unter dem Titel:
Das Damoklesschwert. Vom ungeliebten Heimkind zum erfüllten Lebensabend.


Hier wird als auszugsweises Zitat aus diesem Buch dessen Vor- und Nachwort wiedergegeben. René Schüpbach ist einer der 11 Vertreter der Opferseite am Runden Tisch für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen, der am 13. Juni 2013 in Bern seine konstituierende Sitzung hatte und dem die Aufgabe obliegt, die gesellschaftliche und wissenschaftliche Aufarbeitung dieser von Behördenwillkür, Rechtlosigkeit, Ausbeutung und  -  so auch im Fall von René Schüpbach  -  sexuellem Missbrauch gekennzeichneten Zwangsmassnahmen mittels Empfehlungen im Interesse der Opfer voranzutreiben, auch hinsichtlich finanzieller Nothilfe und Entschädigung. Vorgängig haben sich die zuständigen Behörden für die Leiden, welche den Opfern dieser Zwangsmassnahmen auferlegt wurden, am 11. April 2013 in einer eindrücklichen Zeremonie, angeführt von Bundesrätin Simonetta Sommaruga, feierlich entschuldigt, was im Nachwort geschildert wird.

Hier die Textauszüge aus dem Buch von René Schüpbach.
Vorwort (S. 6-7)

„Ich schreibe dieses Buch, um eine Zeit zu dokumentieren, in der ein Kind ärger als ein Haushund behandelt worden ist. Nicht von rabiaten Eltern, nein, von Menschen auf Behörden und Ämtern und in Institutionen, die sich als Schutzbefohlene aufspielten, in Wahrheit aber herzlose Sadisten waren in ihrer Funktion als Vormund, Schutzbeaufsichtigter, Pfarrer, sogenannte Seel(ver)sorger, Erzieher, Heimleiter, oder gütige Nonne. Ich musste seelische und körperliche Gewalt erleiden, ohne mich wehren zu können. Ich musste die Erniedrigung erdulden, als Achtjähriger vor einem Jugendgericht zu stehen und von Dicksäcken verurteilt zu werden. Warum verurteilt? Ich hatte doch nichts verbrochen! Ich war vielleicht in den Augen anderer zu wenig folgsam. Das war das Verbrechen, für das ich verurteilt wurde und für das ich ein Leben lang büssen musste. Ich geriet in die Mühlen einer kinderfeindlichen Justiz und hatte damit mein Recht auf eine schöne, glückliche Jugend verspielt. Von diesem Tag an trug ich ein Kainszeichen, nicht weniger belastend als ein Judenstern. Die Mühlen der Justiz begannen zu mahlen, unaufhörlich. Jeden Tag wachte ich auf mit der Gewissheit, nicht ein normaler Bub zu sein, so wie es meine Freunde aus vergangener Kindergartenzeit waren, denn ich hatte keine Eltern und keine Geschwister mehr. Ich war ein asozialer Fall, Nr. XY, auf den man nun immer ein Auge halten sollte. Nachdem ich meine berufliche Ausbildung mit einem Glanzresultat  -  der Note 1,1  -  abgeschlossen hatte, wurde mir ein Fähigkeitszeugnis mit dem Eintrag ‚Lehrwerkstätte Erlenhof‘ ausgehändigt, was von neuem ein Hinweis auf eine kantonale Justizbehörde war. Diese Art der unmenschlichen Diskriminierung von Kindern jeder Altersgruppe wurde von den Behörden  -  und vor allem auch von den Kirchenoberen  -  als gut befunden. Ich wurde auch sexuell missbraucht und das von einem Vikar, der mir erklärte, nachdem ich sagte, es zu Hause zu erzählen, dass er ein vom Herrgott Auserwählter sei und dieser mich strafen würde. Es ist leider noch bis heute ein Tabu, einen Pfarrer dem Gericht zuzuführen. Angeblich werden diese in den eigenen Reihen abgestraft... Die körperlichen Schmerzen, die ich und andere erleiden mussten, sah niemand, so die Arbeit als Acht- bis Zehnjähriger in der Landwirtschaft, je nach Bedarf bis in die Nachtstunden. Oder die Qualen durch eine sogenannte barmherzige Ordensschwester, die eine diagnostizierte Blutvergiftung mit dem ‚Vater unser‘ und ‚Gegrüsst seist du, Maria‘ heilen wollte. Es wurden viele Verbrechen unter dem Deckmantel der Kirche und der fürsorglichen Massnahmen verübt, ohne dass jemand zur Rechenschaft gezogen worden wäre. Nein, diese Verbrecher laufen zum Teil heute noch unbehelligt herum und beziehen schöne Pensionen, sogenanntes Blutgeld, ohne schlechtes Gewissen. Die Demütigungen, die seelische und körperliche Gewalt, die sexuellen Übergriffe und der Arbeitseinsatz betroffener Kinder werden in diesem Buch beschrieben. Doch es soll auch aufzeigen, dass man in späteren Jahren auch mit diesem Kainszeichen doch noch etwas erreichen und zum Ziel kommen kann, und dies durch eigene Initiative! Viele sind jedoch an diesen schrecklichen Erfahrungen zerbrochen und nicht wenige mussten in psychiatrischen Kliniken weiter leiden und dahinvegetieren. Etliche haben den Suizid gewählt.“

Den Suizid, mit 17 Jahren, wählte auch ein Freund des Autors aus der Erziehungsanstalt, dem das Buch gewidmet ist.

Nachwort (S.179-180):
„Meine Erleichterung ist riesig, nachdem ich das Buch beendet habe. Ich verspüre eine grosse Befreiung von der Last, die ich mein ganzes Leben mitgeschleppt habe, denn das Damoklesschwert des Heimkindes schwebte immer über mir.
Ich sprach nur mit ganz wenigen Leuten über diese Vorgeschichte, doch nun habe ich mich geoutet und fühle mich befreit. Diese Leute, die mich immer wieder eingesperrt hatten und mich zu einem von mir nicht gewünschten Beruf gezwungen hatten, den ich aber dennoch erfolgreich abgeschlossen hatte, der mir aber keine Aufstiegschancen bieten konnte, diese herzlosen, kalten Apparatschiks sollen meinen Kampf lesen. Ich hatte einen eidgenössischen Fähigkeitsausweis erhalten, aus dem sofort ersichtlich war, dass ich ein ‚Erlenhöfler‘ war. Man erwähnte nicht meinen Lehrmeister, den Herrn Helfenstein, nein, es musste das Landheim Erlenhof erwähnt werden! Man hatte mir zu meinem erfolgreichen Abschluss nicht gratuliert. Man hatte dem angehenden Berufsmann damit einen Knebel zwischen die Beine geworfen. Mit diesem aufgedruckten Stempel konnten viele meiner Kameraden den Einstieg ins Berufsleben nie schaffen und tauchten zum Teil in den Sumpf ab, wo es nur mindere Arbeit und Alkohol gab.
Ich könnte heute noch etliche Freunde nennen, die nichts erreicht haben. Die Leute, welche die ganze Misere verschuldet haben, zum Teil heute noch leben, wurden nie und werden auch heute nicht zur Rechenschaft gezogen und können unbehelligt ihren Lebensabend mit einer guten Pension geniessen. Dies betrifft nicht nur Vormundschaftsbeamte, nein, auch Pfarrherren, Nonnen und sogenannte Erzieher. Ich spreche hier von unmenschlichen Strafen, sexuellen Nötigungen, Essens- und Schlafentzug, Züchtigungen und Erniedrigungen.
Aber es ist leider in unserer Gesellschaft üblich, über gewisse Themen möglichst bald den Mantel des Schweigens zu legen. In diesem Jahr haben wir eine Einladung vom Bund mit Beteiligung von Bundesrätin Simonetta Sommaruga und diversen anderen Referenten erhalten, die alle ihr Bedauern ausgedrückt haben.
Ein Bauernpräsident hat beiläufig erwähnt, dass es nicht allen Verding-Kindern schlecht gegangen wäre...
Betroffene haben ihre Leidensgeschichte geschildert, sei es eine Zwangssterilisation, ein Verding-Platz, oder eine Heimeinweisung, und damit die ganze Tragik ihres Lebens offenbart. Viele der Betroffenen haben weinen müssen, doch bei den „Offiziellen“ ist keine besondere Regung zu beobachten gewesen.
Frau Sommarugas Bedauern und Entschuldigung sind ehrlich gemeint, doch sehe ich dadurch noch keine Wiedergutmachung der ganzen Tragödie. Auch da wird eine dicke Decke darüber gelegt. Die Betroffenen werden endgültig Ruhe geben, WENN SIE TOT SIND!“