Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

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Interview mit Nicolas Mühlethaler, 28. November 2011

Nicolas Mühlethaler, * 20. April 1962, stand unter Vormundschaft in der Stadt Bern. Über 2 Beobachtungsheime, darunter dasjenige in Beatenberg, kam er an verschiedene Pflegeplätze. Bei einer alleinstehenden alten Bäuerin in der Romandie musste er neben der Primarschule harte landwirtschaftliche Arbeit verrichten. Sie zwang ihn auch, junge Hunde zu töten und Hühner zu schlachten. In der Schule wurde er ausgegrenzt. Nach einer Prügelei, bei der ihn ein äterer Bursche aus der Nachbarschaft spitalreif schlug, wurde er ins Erziehungsheim Serix in Oron versetzt. Dort herrschte ein strenges Kllima, neben der Heimschule, in der er einer der Besten war, wurde gearbeitet, u.a. in einer Schreinerei. Lohn oder Sackgeld gab es dafür nicht. Zu den Eltern hatte er keinen Kontakt, bis er 14jährig war. Einen gewissen Halt gab ihm seine Gotte. Während der Lehre musste er wegen Kleidung bei der Vormundschaft vorsprechen und mit einem stigmatisierenden Gutschein Kleider und Schuhe einkaufen. Mit 14 Jahren kam er, inzwischen französischsprachig, zurück zu seiner Mutter und einem Stiefvater in Bern. Dort musste er grosse Teile des Haushalts erledigen und sollte auch in der Schule erfolgreich sein. Der Stiefvater, der bei der Berner Sanitätspolizei arbeitete, verabreichte ihm oft Prügel mit dem Gürtel. Der Stiefvater hasste alles Welsche. Die Schulleistungen gingen zurück, Nicolas Mühlethaler versuchte Selbstmord zu machen. Nachdem er wieder Kontakt mit seiner Gotte aufnahm, sperrte ihn der Stiefvater 5 Wochen ein. Dann kam er wieder in ein Heim, ins Schulheim Aarwangen. Dort gab es neben der eher kurzen Schulzeit vor allem nachmittags strenge Arbeit in Gärtnerei und Landwirtschaft, zugeteilt beim täglichen Appell durch den Direktor, und Schläge von den Erziehern. Nicolas Mühlethaler wurde zudem von ältern Mitzöglingen sexuell missbraucht. Das Essen war monoton, es bestand sehr oft aus Kartoffeln. Eine gute Zeit war ein Jahr, das er in der Familie seines Konfirmationspfarrers verbringen konnte, ebenfalls in Aarwangen. Von dort aus konnte er die Handelsschule in Langenthal mit Diplom absolvieren. In Französisch war er besser als der Lehrer. Es folgte eine Lehre als Radio- und Fernsehelektroniker, in der er mehr ausgenützt als ausgebildet wurde, sodass er sie nach zwei Jahren abbrach. Anschliessend machte er eine zweijährige Lehre als Auto-Servicemonteur. Nach verschiedenen Jobs arbeitete er als Techniker im Aussendienst mit Fotokopierapparaten. Der Transport der schweren Geräte hatte einen Bandscheibenschaden zur Folge, er wurde von der IV umgeschult auf einen körperlich weniger belastenden Beruf, der ihm gefiel: Uhrmacher. Diese Ausbildung schloss er mit guten Noten als einer der Besten ab. In der Ausübung des Berufs hatte er Autoritätsprobleme mit dem Chef. Doch fand er eine Stelle als bei der Entwicklung eines medizintechnischen Geräts. Auch dort kam es zum Konflikt mit dem Chef. Ein Therapieversuch bei einem Psychiater blieb erfolglos. Die gewaltgeprägte Kindheit und die Stigmatisierung als Bevormundeter wirkte sich aber schwer auf das weitere Leben von Nicolas Mühlethaler aus. Die Prägungen und Härten der Kindheit wirkten sich auch in der Ehe aus, es kam zur Scheidung. Auch heute, als IV-Bezüger, fühlt er sich als Mensch, der nicht wertgeschätzt wird. Die Thematisierung der Schicksale von Verding- und Heimkinder hat ihn dazu gebracht, die Benachteiligung durch eine solche Lebensgeschichte wieder deutlich wahrzunehmen, gerade auch in der Auseinandersetzung mit Behörden. Diese den Selbstwert untergrabenden Gefühle sind immer besonders ausgeprägt in der Weihnachtszeit.

 

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