Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Ein positiver Bericht über das Aufwachsen im Heim Klosterfiechten (1950 - 1960)


"Ich schreibe Ihnen diesen Brief aus meiner neuen Wahlheimat Canada. Ich habe von Ihrer Organisation im Blick gelesen und mich bei Ihnen angemeldet. Ich haette gerne im Forum einen Beitrag geschrieben, wusste aber nicht, wie ich auf die entsprechende Seite einloggen kann.  Die verschiedenen Geschichten, wie schlecht Heim- und Verdingkinder bis in die 80ger Jahre behandelt wurden, haben mich beruehrt. Vorallem abstossend waren die Geschichten ueber das Verhalten von Pfaerrern und Nonnen in den katholischen Institutionen. Was mich verwundert, dass nicht ein Heim aus dem  Kanton Basel genannt wurde (ausser Erlenhof). Ich war auch ein Heimkind, nach der Scheidung der Eltern, Basel Waisenhaus, dann Kinderstation Ruefenacht bei Brugg, dann Erziehungsheim Klosterfiechten, Basel.  Im Gegensatz zu den Horrorgeschichten, die von andern Heimen berichtet wurden, kann ich nur sagen, dass ich dank Klosterfiechten  und der damaligen Heimleiter Ernst und Ida Guggisberg nur gute Erfahrungen gemacht habe. Wir waren immer so um die 40 Buben, wir arbeiteten auf der Landwirtschaft, durften in Sommer- und Winterlager  in die Ferien gehen und wurden auf rechtschaffener christlicher Grundlage erzogen.  Pruegel gab es nie, das Essen war reichlich und gesund, und uns wurde beigebracht, dass Meinungsverschiedenheiten unter uns Buben nicht mit den Faeusten ausgetragen werden muessen.  Auch wurde sehr Wert darauf gelegt, dass wir den Kontakt mit unsern Eltern aufrecht erhalten sofern diese es wollten. Nach der Pensionierung von Ernst Guggisberg hat sein Sohn Ruedi Guggisberg-Probst die Heimleitung uebernommen und hat dem
Heim seine eigene menschliche und soziale Praegung gegeben. Unsere beiden Familien sind heute noch sehr befreundet.  Ich moechte das nur sagen, um zu zeigen, dass nicht alle Kinderheime Institutionen des Grauens fuer Kinder waren. Mir tun die Menschen leid, die nicht den Vorteil einer humanen und freundlichen Heimleitung erleben durften und daher ihr ganzes Leben gezeichnet wurden. Ich bin heute  (72) noch dankbar, dass trotz nicht gerade schoenen  Verhaletnissen in der eigenen Familie durch das Heim Klosterfiechten mein Leben einen sehr positiven Ablauf genommen hat. Falls dieser Beitrag irgendwie in Ihr Forum kommt, moechte ich auch fragen, ob noch irgendwo ehemalige "Kloesterlibuben" zum Vorschein kommen und meine Worte bestaetigen koennen. Die Familien Guggisberg senior und junior verdienen es, als beispielhafte Heimleiter in die Geschichte der Erziehung einzugehen."

Rudolph Stucki, Canada


Quelle: Mail von Rudolf Stucki an den Projektleiter vom 6. Juni 2013.


Es freut uns, dass auch positive Rückmeldungen über das Aufwachsen in Heimen zu uns gelangen. Dies war und ist ja Sinn und Zweck dieser Institutionen.

Es würde uns freuen, Herrn Stucki Kontakte zu weiteren ehemaligen Bewohnern des Erziehungsheims Klosterfiechten zu vermitteln.

Es trifft zu, dass die Liste der Heim im Forum nicht vollständig ist.

Es ist uns auch bewusst, dass in den gleichen Heimen von verschiedenen Kindern auch verschiedene Erfahrungen erlebt wurden, einerseits in verschiedenen Phasen des Bestehens der Heime, aber auch während derselben Zeit.