Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

MeineZeit in Hagendorn

MeineZeit in Hagendorn

Beitragvon Enrico1956 » Mi 16. Aug 2017, 20:58

In der Hoffnung, der Armut zu entfliehen, verliessen 1945 meine Eltern mit ihren fünf Kindern ihr Heimatdorf im bündnerischen Puschlav in Richtung Deutschschweiz. Fortan arbeiteten beide unentwegt bei diversen Arbeitgebern in verschiedenen Ortschaften. Doch es blieb bei den ärmlichen Verhältnissen, denn einerseits war die Besoldung wohl eher dürftig, andererseits wogen ihre finanziellen sowie organisatorischen Belastungen schwer, nicht zuletzt, weil noch weitere drei Kinder, darunter ich, hinzugekommen waren.

Unsere Eltern liebten uns alle sehr und wir kamen trotz ihrer arbeitsbedingten Abwesenheiten in den Genuss ihrer Zuneigung und fürsorglichen Erziehung. Wir müssen aber letztendlich doch nicht ins Schema der Gemeinde- und Erziehungsbehörden gepasst haben, da mit einem Mal sämtliche meiner Geschwister - eines nach dem anderen - fremdplatziert wurden und sodann in aller Regel getrennt bei Pflegefamilien und in diversen Kinderheimen, Internaten, Erziehungsanstalten oder wie auch immer diese Einrichtungen bezeichnet wurden aufwuchsen. Ich selbst war diesbezüglich keine Ausnahme.

Meine zweitälteste Schwester, nennen wir sie mal Annabella, musste lange Jahre im Kinderheim Hagendorn verbringen. Sie spricht äusserst selten, nur ungern und unter Tränen davon. Bei so einer Gelegenheit erfuhr ich von ihr, dass auch ich in diesem Kinderheim war, zusammen mit meinem zwei Jahre jüngeren Bruder, den wir mal Antonio nennen wollen. Ich selbst erinnere mich nicht an meine in Hagendorn verbrachte Zeit. Das liegt wohl daran, dass ich erst zweieinhalb Jahre alt war, als man mich und Antonio dort einlieferte.

Bei dieser Gelegenheit schilderte mir Annabella eigentlich nur, wie sie mich und meinen kleinen Bruder das erste Mal überhaupt zu Gesicht bekam: "Ich war ja schon ein paar Jahre im Kinderheim Hagendorn, als ich im August 1959, ein paar Tage vor meinem elften Geburtstag, mit Rollschuhen im Hof herumfuhr und von einer Nonne herbeigerufen wurde." Die Nonne, erzählte sie mit gehemmter Stimme weiter, habe dann zu einem Fenster, an dem jemand mit zwei Kleinkindern in den Armen stand, hinauf gezeigt und ihr gesagt: "Schau, die zwei dort oben sind deine Brüderchen."

Was nun Antonio und mich betrifft, war dies unser erster Aufenthalt in einem Kinderheim. Da mir wie erwähnt die entsprechenden Erinnerungen fehlen, kann ich weiter nichts zu den damaligen Umständen in Hagendorn sagen. Vielleicht gelingt es mir später mal, Annabella zu ermutigen, selbst über ihre Erlebnisse in diesem und anderen Kinderheimen darzustellen.

Meine eigenen Erinnerungen beginnen erst rund drei Jahre später, als Antonio und ich von Hagendorn ins Kinderheim Bombinasco (TI) verlegt wurden, und später von dort ins Kinderheim Oberbalmberg (SO), darauf ins Kinderheim St. Joseph in Grenchen (SO) und 1970 schliesslich im Knabeninternat S. Anna in Roveredo (GR) landeten. Aber das sind andere Geschichten, die ich hier im Forum des entsprechenden Kinderheims erzählen werde.


Zum Abschluss ein paar vielleicht provokante Gedanken zu Kindern und deren Erziehung:

Alle Kinder werden mit einem Charakter, mit geistiger Regsamkeit, Wissbegier, Lernfähigkeit, mit Begabungen und grossen Erwartungen geboren, sowie mit einem bedingungslosen Vertrauen zu ihren Eltern und zu ihrer Umwelt. Leben ist Ausdruck, und einem kleinen Kind käme es nicht in den Sinn, dem Urgrund seines Lebens zu misstrauen.

Allzu oft hingegen passen Kinder nicht in das Bild vom Kind, wie es den Eltern im Allgemeinen verkauft wird oder vorschwebt. In der Folge neigen diese Eltern leicht dazu, ihre Kinder zu missbilligen, wenn die Kinder Begabungen zeigen, insbesondere wenn es sich um aussergewöhnliche Talente handelt. Die betroffenen Eltern fürchten sich und sind beunruhigt, weil ihre Kinder nicht der Norm entsprechen - aber kein Kind entspricht je der "Norm".

Viele Kinder, die bei ihren Lehrern, bei Pädagogen und Behörden als zurückgebildet oder aufsässig gelten, sind in Wirklichkeit hochbegabt. Das Gleiche gilt für überaktive Kinder, die auf medikamentöse Behandlung gesetzt werden. Ebenso begabt und voll guter Absichten sind die meisten "kriminellen" Kinder, deren Untaten einem Gefühl der Verzweiflung entspringen - sie fühlen sich ohnmächtig. Ihre Rebellion ist ganz natürlich. Den meisten krankhaften, selbstbezogenen und kontaktunfähigen Kindern hat sich schon früh die Idee bemächtigt, die Welt sei so voll von Unsicherheit, dass man besser gar nicht erst mit ihr kommuniziert. Dieses Kind fühlt dann, dass es gefährlich ist, sich auf die Welt einzulassen.

Solche Kinder versinnbildlichen das, was geschieht, wenn ein Mensch sich für wertlos hält, wenn es den eigenen Impulsen nicht vertraut und es für sicherer hält, seine Begabungen zu verleugnen, anstatt sie zu nutzen.
Enrico1956
 

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