Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Kinderheim Guardaval in Waltensburg GR

Kinderheim Guardaval in Waltensburg GR

Beitragvon Dome » Mo 21. Mai 2012, 20:07

Ach wie schön war es doch, als es besungen und voll Lob gepriesen wurde, in dem ach so wunderbaren, selbstverfassten Lied über sich selbst. Und ach, wie haben wir uns immer darüber gefreut, wenn wir singen und in unseren Trachtentänzen die netten kleinen Affen spielen “durften“.
Die Rede ist dabei vom Kinderheim Guardaval in Waltensburg und sprechen möchte ich vorwiegend nicht darüber, wie sich das Heim gerne nach draussen hin zu repräsentieren beliebte. Viel eher jedoch möchte ich von dem Erlebten dort berichten und von den Verbrechen welche Behörden einfach ungestraft begehen können.

Nun gut, auch dieses Kinderheim ist nur eine von vielen Erfahrungen, welche mich gelernt haben, wie krank der Mensch in seinem Kopf sein kann. Eine Erfahrung, welche leider auch bei mir sicherlich einiges dazu beigetragen hatte, auch mich selbst lange als Kranker unter den Kranken leben zu lassen. Doch dazu vielleicht mehr in einem anderen Beitrag.
Doch haben Ereignisse der letzten Zeit dazu geführt, dass ich nicht länger bereit bin zu schweigen, wie ich dies während den letzten Jahren getan habe.

Um aber wieder zurück zur Geschichte und zu den Jahren 1969 und 1970 zu kommen, während welchen ich dort untergebracht wurde:
Mein Alter betrug also 8/9 Jahre als ich dort war, wobei dies aber nicht meine erste Heim Erfahrung war. Bereits aus dem ersten Heim nahm ich die beinahe alltäglichen Bauchschmerzen mit, welche zwar psychosomatisch bedingt, aber ohne Zweifel durch die Heimbelastung bedingt waren. Eine Belastung, entstanden aus der Frage, weshalb ich meiner Freiheit und meiner Kindheit beraubt wurde. Mit welchem Recht von wem gegeben?!

Und bereits in diesem Heim begann bei mir der völlige Verlust der Unbeschwertheit. Ein Verlust, welcher mich bis heute noch in meinem täglichen Leben behindert. Denn wer der Unbeschwertheit nicht mächtig ist, wird für üblich in unserer Gesellschaft ausgeschlossen.
Also weiter mit der Achterbahn meiner Gefühle, für welche ich freundlichst um Verständnis bei den Lesern bitten möchte.

Es geschah also in einem der wenigen Momente des letzten Aufloderns der Flamme der Unbeschwertheit, als wir in unserem Zimmer eine Kissenschlacht veranstalteten. Ein Moment der Ausgelassenheit, ein Augenblick Kindheit und vor allen Dingen eine Seltenheit in diesem Heim. Wie sich bald darauf zeigte, sollte uns schnell klar gemacht werden, dass Kind sein an diesem Ort strikt verboten war.
Denn unser Spass dauerte nicht lange, als auch bereits schon eine Erzieherin auftauchte. Diese zog uns an den Ohren, heraus aus dem Zimmer, runter in den Keller und ab ging es ins Schulzimmer. Wobei es nicht ohne Bedeutung sein dürfte, dass hier die Sprache von einem alten Haus ist, mitten im Graubünden und mitten im Winter. Ganz zu schweigen davon, dass wir hier noch über echte, kalte Winter sprechen.
Wir alle also nur im Schlafanzug, ich hatte nicht einmal meine Finken an, weshalb ich mich nach einer Zeit aus dem Klassenzimmer begab, um die Erzieherin zu suchen, diese zu bitten mir Finken und etwas Wärmeres anziehen zu dürfen. Der “Erfolg“ jedoch war lediglich jener, dass die anderen zwei Kinder nach zwei Stunden oder so wieder ins Bett durften. Ich dagegen musste die ganze Nacht ungenügend bekleidet in einem eiskalten Schulzimmer frieren. Erst bei Beginn des üblichen morgendlichen Betriebs wurde ich dann wieder abgeholt, um dem Tagesablauf zu folgen.
Natürlich wurden die gesundheitlichen Folgen aus der soeben genannten Kindesmisshandlung nicht beachtet, sondern als Trotzreaktion abgetan.
Und wahrlich, ich war wirklich ein trotziger Junge, wie auch ein anderes Erlebnis in diesem Heim zu belegen vermag:
So geschah es beispielsweise einmal, dass ich mich schon etwas flau fühlte und dennoch gezwungen wurde, etwas zu essen, was ich absolut nicht mochte. Alles Bitten und Betteln nützte genau so wenig wie der deutliche Verweis, dass ich dies wieder ausbrechen müsse, halfen nichts. Also musste ich dies essen und eben wie bereits angekündigt wieder erbrechen.
Was natürlich meinen Trotz genau so belegt, wie auch der Umstand, dass ich mich erneut trotzig zeigte, als es darum ging, mein Erbrochenes zu essen. Denn dieses wurde mir von den doch so hilfsbereiten Erzieherinnen wieder auf meinen Teller geschaufelt, mit der Aufforderung, dies nun endlich aufzuessen.
Trotzig, wie aber ein 8/9 jähriger Junge sein kann, weigerte ich mich, und bekam dann als Belohnung während einer oder zwei Wochen eine Extrabehandlung beim Essen. Ganz gemäss Ihrer Sorgfaltspflicht sorgten die Erzieher also während dieser Zeit dafür, dass ich nicht mehr riskieren würde mir den Magen zu verderben indem sie mich auf Wasser und Brot setzten.
Dome
 
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