Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Aufenthalt im Soldanella Kloster traumatisiert!

Aufenthalt im Soldanella Kloster traumatisiert!

Beitragvon RuthEtzweiler » Mi 16. Mär 2016, 20:14

Meine Schwester und ich wurden vom behandelnden Arzt wegen Schatten auf der Lunge (Tuberkulose) ins Soldanella geschickt. Das war ungefähr im Jahr 1954/55. Ich war 4 oder 5 Jahre alt. Meine Schwester 6 oder 7 Jahre. Wir kamen aus Rümlang, ZH.
Ich begriff gar nicht, wie mir geschah, litt aber unsäglich, als die Eltern ohne uns wieder weg gingen. Dann hatten sie zunächst mal viele Wochen Besuchsverbot.
Meine Erinnerungen sind traumatisch und haben mich geprägt fürs Leben. Sachen wie Elektroschocks gab es damals noch nicht, oder ich habe nichts davon bemerkt. Dagegen wurde meine Schwester massiv geprügelt, wenn sie das Bett nässte. Als sie mir eines Morgens ängstlich sagte, dass ihr Bett wieder nass sei, legte ich mich über sie und sagte der Tante, dass sie mich schlagen müsse, nicht mehr die Schwester. Damit hörte das Prügeln auf. Dafür wurde meine Schwester in ein viel zu kurzes Kinderbett gesteckt zur Strafe, was das Bettnässen natürlich nicht besser machte, weil sie fror.
In der Nacht waren wir kleinen Kinder allein in einer abgeschrägten Dachkammer. Als ich nachts einmal aufs WC sollte, getraute ich mich nicht die dunkle Treppe hinunter und habe mein grosses Geschäft hinter die in der Dachschräge untergebrachten Koffern gemacht. Entdeckt hat das vorerst niemand, zum Glück. Doch ehrlich gesagt freut es mich heute noch heimlich.
In schlimmer Erinnerung bleibt mir der Esszwang. Auch hier war ich wieder nur Zeugin und kann mich an meine eigenen Erfahrungen diesbezüglich nicht erinnern. Ein grösseres Mädchen hat an einem Sonntag die Suppe nicht essen mögen. Darauf wurde ihr die Hauptspeise in die Suppe geschöpft. Das vermochte sie natürlich auch nicht aufzuessen und das Dessert (gabs offenbar sonntags) landete ebenfalls darin. Sie sollte das essen und erbrach sich darüber. Darauf wurde ihr das Gesicht hinein gedrückt und sie musste davon wieder essen.
Die hygienischen Umstände waren in meiner Erinnerung grässlich. Wir waren sehr viele Kinder und wurden jeden Tag in einer Waschküche im Keller der Reihe nach mit dem selben, gräulich aussehenden Waschtuch gewaschen. Ich bekam Ausschläge im Gesicht. An duschen oder baden kann ich mich nicht erinnern.
Die täglichen Liegestunden auf der Veranda waren sehr schlimm für uns. An wirkliches Spielen kann ich mich nicht erinnern. Wir sassen oft lange auf einer Treppe um auf das Waschen und Zähneputzen zu warten. Da brachte uns ein älteres Mädchen ein Spiel mit einem Faden um die Finger bei.
An Sonntagen wurde entweder fromm gesungen oder der Onkel zeigte private Lichtbilder, für Kinder gänzlich uninteressant.
Als wir einmal ein Päckchen von unsern Eltern bekamen, wurden uns die Sachen weggenommen und an andere Kinder verteilt. Das ging andern Kindern auch so.
Das eigentlich traumatisierende aber war für mich die Trennung von den Eltern.
Nach langen Wochen (gefühlte Jahre) kamen sie wieder, zogen uns an (unsere eigenen Kleider waren teilweise nicht mehr zu finden) und machten einen Spaziergang mit uns. Ich weiss noch, wie ich mich wunderte, dass wir nicht gleich nach Hause fuhren. Die Welt brach für mich zusammen, als sie ohne uns wieder wegfuhren.
Meine Mutter erzählte mir später, dass sie schockiert gewesen seien über unsern Zustand und dass sie uns sofort aus dem Heim hätten nehmen wollen. Sie durften nicht wegen unserer Krankheit. Sie kämpften, wendeten sich schliesslich an den Beobachter und konnten uns endlich heimholen.
Verglichen mit andern Schilderungen scheint das ja ganz harmlos, ist aber für mich eine ganz ganz schlimme Erinnerung. Nach dieser Zeit hing ich an den Rockzipfeln meiner Eltern und hatte dauernd Angst, verlassen zu werden.
RuthEtzweiler
 
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Re: Aufenthalt im Soldanella Kloster traumatisiert!

Beitragvon Brigitte » Mi 7. Sep 2016, 15:40

Da wa ich auch :-(((
Am morgen gab es Suppe zum essen - Brot wäre zu teuer....
Wir mussten am Tisch hinter den Stühlen stehen und vor dem essen ellenlange Volkslieder singen. Sicher weiss der eine oder andere das z.b. Ramseiers wei go grosse kein ende nimmt.
Auch die "liege" war schlimm. Mit verschränkten Armen hinter dem Kopf musste man 2 Stunden ruhig liegen - wenn man sich bewegte gab es Strafe.
Am morgen standen wir in Schlange wo einem dann der Waschlappen in Gesicht gedrückt wurde, und man dann schnell die Zähne putzen musste.
Vor Weihnachten mussten wir Gruppen weise ins Dorf. Bei den Bewohnern läuten und sagen wir seien arme Kinder von der Soldanella und sammeln Geld.
Wenn man einen "Fehler" machte bekam man kein essen, und alle anderen Kinder mussten einem auslachen.
Wenn es den Erzieher nicht passte, wurde man ins "Kämmerei" eingesperrt - machmal die ganze Nacht.....
Dieses Heim war ein Alptraum der nicht enden wollte
Brigitte
 
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Re: Aufenthalt im Soldanella Kloster traumatisiert!

Beitragvon Peyer » Fr 12. Jul 2019, 09:58

Ich war auch als ‚Ferienkind‘ für drei Monate in diesem Kinderheim um in den Bergen gestärkt zu werden und weniger Erkältungen zu bekommen... Das war Januar bis März 1957.
Für mich war das das einschneidendste und mein Leben prägende Erlebnis.
Vieles weiss ich nicht mehr. Ich wurde aber an Händen und Füssen ans Bett gefesselt mit der Begründung dass ich auf dem Rücken und nicht auf dem Bauch schlafen muss. Ich wurde oft geschimpft, einmal weil ich im Krankenzimmer nicht gerufen habe als ein anderes Kind sich erbrach. Ich habe geschlafen und nichts bemerkt. Ich wurde ausgelacht von den andern Kindern, meiner Puppe die ich zu Weihnachten bekommen hatte und die ich offenbar zum Spielen für alle hergeben musste, wurden Hände und Füsse abgebrochen.
Ich selber ‚durfte‘ nicht auf einer Liege Mittagsruhe machen sondern musste auf einem Schlitten sitzen und warten bis die andern wieder aufstehen durften. Wenn das zwei Stunden waren, sass ich also täglich zwei Stunden bewegungslos auf einem Schlitten.
Kein Wunder war ich sehr oft krank.
Ich hatte keinen Kontakt zu meinen Eltern.
Ich hörte auf zu sprechen.
Ich wurde stark traumatisiert und obwohl ich ein erfolgreiches Leben hatte war und ist das Trauma eine Form von Beeinträchtigung die mich immer wieder einholt. Zum Glück weiss man heute einiges mehr über Traumata und ich nehme eben (mit 67 Jahren) nochmals einen Anlauf zur Traumabearbeitung.
Ich weiss wirklich vieles nicht mehr und wäre darum interessiert daran, welche Erfahrungen andere ‚Ferien- und Heimkinder‘ zu jener Zeit gemacht haben.
Dass Essen mit Belastung verbunden war weiss ich - wie genau nicht mehr. Aber beim Lesen ist mir eingefallen, dass man einfach sitzen musste bis man aufgegessen hatte. Stunden wenn‘s sein musste...
Ich würde mich freuen mit jemandem der Ähnliches erlebt hat in Kontakt und Austausch zu kommen!
Ruth Peyer
Peyer
 
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