Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Positive Erinnerungen

Rudolf Bruno hat geschrieben:Füher vor ca. 1963 hies das Heim " Knabenheim für Schwererziehbare "
das währe ein noch nicht aufgeführtes Heim , Anstallt.
Ich habe viele dunkle Errinnerungen an dieses Heim.



poldi hat geschrieben:Warst Du in besagter Zeit (ca. 1963 - 1967) dort, kennst Du Schorsch ? Durftest Du auch auf dem Klavier im Besuchszimmer spielen ? Hattest Du Dein Zimmer im Haus oder über dem Stall ?
Die Welt ist kleiner als man meint, alles holt einem früher oder später ein

Positive Erinnerungen

Beitragvon Georges » Di 7. Mai 2013, 15:36

Hallo
Ich war ca. 1976-1979 im Schülerheim Thurhof. Für mich eine durchaus positive Erfahrung. Ich besuchte die Sekundarschule Sproochbrugg in Zuckenriet wo ich auch als Heimkind recht gut integriert war. Den Schulweg machte ich mit dem Velo. Ich und meine Kollegen machten uns jeweils einen Spass daraus, uns auf dem sehr steilen Klosterstich am Milch-Lastwagen hinten anzuhängen und hochziehen zu lassen. Wenn es der Fahrer bemerkte gabs eine Standpauke der anständigen und verständlichen Art von Pater Scheuermann. Im Heim selber sorgte der beliebte und respektierte Pater Scheuermann mit seiner natürlichen Autorität und wohlwollenden Erziehungsmethoden dafür, dass ich einiges fürs Leben mitbekam. Wir durften (mussten nicht) in der kleinen Kapelle seinen Worten bei den Sonntagspredigten lauschen und singen. Er verstand es, ohne aufdringlich zu sein, uns für die wichtigen Dinge im Leben zu interessieren. Gerne erinnere ich mich an die Fussballspiele auf dem eigenen Platz. Ich durfte Torwart sein weil ich körperlich nicht soo fit sein wollte ;)
Ich erinnere mich gerne an das schöne Zweierzimmer, welches ich mit einem Jungen italienischer Abstammung teilte. Da hatte ich eine tolle Aussicht auf die Thur. Die Zimmer hatten alle einen Lautsprecher. Pater Scheuermann konnte uns über ebendiese zu sich ins Büro rufen oder andere Durchsagen machen. Wenn wir brav waren, was ja meistens der Fall war, liess Pater Scheuermann abends zum Einschlafen jeweils das Wunschkonzert oder ähnliches auf Radio DRS1 erklingen. Vor dem Lichter löschen kam der Pater immer in jedes Zimmer, deutete mit seinem Daumen ein Kreuz auf unsere Stirn, segnete uns und wünschte uns eine gute Nacht Ohne aufdringlich zu sein gab er so jedem von uns das Gefühl, dass er für uns da war. Das war er natürlich auch, wenn wir wieder einmal nicht Ruhe gaben. :lol:
Umgekehrt durfte man immer an seine Tür klopfen und er hatte Zeit.
Im Esszimmer durften wir manchmal fernsehen nach dem Essen. Wenn eine Serie wie "Rauchende Colts" gesendet wurde (Pater Scheuermann mochte diese auch) waren wir immer sehr pünktlich fertig mit dem Abendessen. ;)
Zu besonderen Anlässen wurde ein Film in der Turnhalle gezeigt.
Gewalt unter den Jungen gab es eigentlich keine. Wenn es Konflikte gab und der Pater davon erfuhr, suchte er immer das Gespräch mit allen Beteiligten. Ein Einzelgespräch bei ihm im Büro war immer auch eine gute Gelegenheit um über Sorgen und Ängste zu sprechen. Er hatte immer ein offenes Ohr und sehr viel Verständnis. Einzig anlügen durfte man ihn nicht. Wenn er dahinter kam wurde seine Stimme schon etwas lauter. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass er es sehr gut mit uns meinte.
Wenn mal am Morgen das Velo einen Platten hatte nahm der Pater schon ausnahmsweise mal seinen geliebten orangen Opel Kadett und fuhr uns zur Schule. Ein tolles Gefühl! Daher hatte mein Velo oft einen Platten. :lol:
Das übrige Personal war sosolala. Ich hatte teilweise das Gefühl, dass kein wirkliches Interesse da war. Als ich mich einmal an eine weibliche Erzieherin wandte weil ich Probleme mit einem anderen Jungen hatte, meinte sie nur: "Selber schuld, das musst du jetzt alleine regeln". Die Erzieher/Innen, so mein Eindruck, waren vor allem mit sich selber beschäftigt und froh, wenn wir Jungen uns auch selber beschäftigten.
An meinem letzten Tag verabschiedete ich mich von Pater Scheuermann mit Tränen in den Augen. Ich werde diese kurze Zeit in diesem (für mich) heimeligen Gebäude nie vergessen. Manche Dummheit wurde mir verziehen, ich bekam wieder ein Chance. Irgendwann einmal im Leben, einige Jahre nach dem Thurhof erst, begann ich diese auch zu nutzen.
Später, als das schöne Haus zur Asylunterkunft abgeändert wurde, besuchte ich den Ort mit meiner Frau. Ich war ehrlich gesagt geschockt und traurig, dass gerade dieses Haus kein Schülerheim mehr war. Tja die Dinge ändern sich. Auch ich habe mich geändert.
Ich danke Pater Scheuermann und bin froh, dass dieses Heim mir damals das geben konnte was ich brauchte.

Georges
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Re: Positive Erinnerungen

Beitragvon Salucci » Mi 14. Mai 2014, 17:53

Hallo Georges

Hiermit teile ich Dir mit, dass Pater Oswald Scheuermann, in 9326 Horn schwer erkrankt ist. Ferner wurde mir mitgeteilt, dass Pater Scheuermann keine lebensverlängernden Maßnahmen zulässt.

Ich werde Pater Scheuermann in einer Woche die Ehre erweisen und ihn besuchen. Solltest Du auch daran interessiert sein, so kannst Du dich mit mir in Verbindung setzen (Zwecks Fahrgemeinschaft).

Es grüsst Dich
Paolo V. Salucci
Telefon 055 440 45 00
Email paolo@salucci.ch
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Re: Positive Erinnerungen

Beitragvon Georges » Do 17. Jul 2014, 04:58

Ciao Paolo
Pater Scheuermann ist am Dienstag leider verstorben. Die Beisetzung findet in Niederuzwil diesen Samstag 19.072014 statt.
Ich werde ihn in guter Erinnerung behalten.

Liebe Grüße
Georges
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Re: Positive Erinnerungen

Beitragvon Hegi » Do 17. Jul 2014, 08:56

Ich will noch nachtragen, dass die Beisetzung ab 10.00 Uhr beginnt. Einige von uns haben Pater Scheuermann kürzlich besucht. Ich bin der Meinung, dass ein grosser Mann von uns gegangen ist.
Gruss
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Re: Positive Erinnerungen

Beitragvon Georges » Do 17. Jul 2014, 12:39

Hallo Hegi
Gut geschrieben. Ein grosser Mann, ein grossartiger Mensch, das war er sicher. Wir werden ihm die letzte Ehre erweisen.
Bis bald
Georges
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Re: Positive Erinnerungen

Beitragvon Talpiot » Mi 5. Nov 2014, 21:22

Salue Zusammen,
ja, Pater Scheuermann wird mir immer in lieber Erinnerung bleiben! Ich erlebte ihn als sehr liebenswerten und gerechten Mensch. Er hatte eine wunderbare einfühlsame Art und war in der Tat ein sanftmütiger Mensch wie ich es sonst selten gesehen habe. Er hat nicht nur vom Glauben geredet, sondern ihn auch gelebt!
Markus Moser
Ich war auch in Internaten untergebracht
Das eine war in Walterswil http://www.walterswil.b-ps.ch/
Und das andere war der Sonnenberg in Vilters. http://www.institutsonnenberg.ch/
Beide Institute habe ich mehrheitlich negativ erlebt.
Ich weiss, hier werden primär Heime abgehandelt, aber auch in Instituten für Mädchen und Jungs war das Leben vielmals untragbar und eine einzige Zumutung. Der Sonnenberg wurde über Medien sogar als Prügelinstiut bezeichnet.
Auch ehemalige dieser Institute könnten sicher einiges berichten.
Talpiot
 
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Re: Positive Erinnerungen

Beitragvon Hegi » Do 23. Mär 2017, 17:17

Ja, nach dem Thurhof war ich im Institut Sonnenberg. Das war im Gegensatz zum Thurhof, die Hölle!
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