Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Mein Jahr in Rathausen 1962/63

Mein Jahr in Rathausen 1962/63

Beitragvon Bice » 24.05.2011, 22:14

Guten Abend

Als ich nach Rathausen kam, kam ich sozusagen vom Regen in die Traufe.
Vorher war ich im Institut St. Philomena in Melchtal/OW. Uebrigens auch so eine "Einrichtung" die aufgenommen werden sollte in die Liste, unbedingt!
Weil ich mich dort "aufsässig" benahm, wurde ich nach 1 Jahr "gespickt"! Somit wurde ich für das 2. Sekundarschuljahr nach Rathausen verfrachtet.

Der Direktor, er hiess glaubs Rüttimann, der ist mir in guter Erinnerung geblieben, eine Art väterliche Respektsperson. In ebenso guter Erinnerung ist mir der Lehrer Hr. Gehrig. Er war zwar ausserordentlich streng, was unsere schulischen Leistungen betraf, doch erinnere ich mich an keine Ungerechtigkeiten oder gar körperliche Strafen seinerseits.

Ich kann mich sowieso allgemein nicht an sogenannte massive körperliche Strafen erinnern, an schlimme Schläge oder dergleichen, zumindest nicht was mich betrifft.
Was in gewissen Fällen hinter den Kulissen abging, das konnte ich höchstens erahnen. Denn in unserem Schlafsaal gab es eine Bettnässerin, die sich sehr vor einer bestimmten Klosterfrau fürchtete. einer jener Klosterfrauen, die uns zu betreuen hatten.
Ich erinnere mich, dass oft mitten in der Nacht das Licht anging im Schlafsaal, dass die Bettnässerin aus ihrem Bett herausgezerrt wurde mit einem Riesengeschimpfe......dass das zitternde Bündelchen Elend in den Gang hinausgestossen wurde. Was darüber hinaus geschah mit dem Mädchen, daran erinnere ich mich nicht mehr. ...Filmriss! Verdrängung wohl!
Ob sie uns überhaupt je etwas davon erzählt hat?

Und eben diese Nonne, das war wirklich die Schlimmste von allen....ich weiss zwar ihren Vornamen nicht mehr, doch weiss ich noch ihren Nachnamen. Warum ich den noch weiss, das ist eine andere Geschichte, die meinen Bericht sprengen würde und auch nichts zur Sache tut.

Diese Nonne hatte ein Gesicht (mehr sah man ja nicht), einePhysiognomie, eine Stimme und ein Benehmen wie ein Mann.... "ein Mann" halt eben, "der" es auf uns Mädchen abgesehen hat!

Ich hatte ziemlich am Anfang meines Aufenthaltes eine fiebrige Erkältung/Grippe, wurde sofort von dieser Nonne in ein Einzelzimmer verlegt (was ja noch nachvollziehbar wäre), doch kam sie immer und immer wieder ins Zimmer rein, um das Fieber zu messen, alle 2 - 3 Stunden!
Den Fiebermesser durfte ich nicht selber unter den Arm klemmen, das machte sie. Dazu musste ich das Nachhemd bis zum Hals hochziehen.....Sie hat mich zwar nicht weitergehend angerührt, doch ihr starrer Blick, ihr eigenartiger Gesichtsausdruck waren derart unangenehm für mich, sie haben mich für meinen ganzen Aufenthalt - und darüber hinaus - weitgreifend geprägt.
Jedenfalls habe ich auf diese Erfahrung hin nie mehr etwas verlauten lassen, wenn es mir gesundheitlich nicht gut ging.
Denn ich spürte einfach, dass da irgendetwas war, was mich ganz enorm abstiess, sie widerte mich geradezu an, diese Nonne. Doch ich wusste nicht wirklich warum, konnte das nicht einordnen. Denn aufgeklärt war ich überhaupt nicht, hatte noch keine Ahnung wie Kinder entstehen, geschweige denn, dass ich je etwas über Homosexualität gehört hätte...

Unsere Kleider/unsere Unterwäsche waren im Schrank weggesperrt, wir hatten keinen Schlüssel, keinen freien Zugang dazu.
Einmal wöchentlich gab es automatisch frische Wäsche. Ich habe wohl in der ersten Woche schon nach frischer Unterwäsche gefragt, doch kaum je wieder! Die hat mich derart bedrängend ausgefragt: Warum ich die denn brauche....und irgendwo, ganz tief weggedrängt in meinem Unterbewusstsein, ist da noch eine ganz vage Erinnerung daran, dass ich ihr sogar meine schmutzige Unterhose vorzeigen musste….
Nach 3-4 Tagen habe ich dann immer angefangen zu stinken…..und dieses entsetzliche Gefühl der Scham, das hat mich durch das ganze Rathauser-Jahr begleitet.
Es waren ja auch Knaben in meiner Klasse, die in den angegliederten Pavillons wohnten…..Sobald einer von diesen Knaben in meine Nähe kam, habe ich mich um 1 oder 2 Schritte zurückgezogen. Der Gedanke daran, dass ich stinke, der hat eigentlich pratkisch alle anderen Gedanken verdrängt, er hat meine ganze übrige Gefühlswelt lahmgelegt, ausgeschaltet.
Doch habe ich das wohl tatsächlich eher in Kauf genommen, als dieser Nonne noch einmal meine Unterhose zeigen zu müssen...

Meine schulischen Leistungen haben auch sehr darunter gelitten…..und es gibt kein Jahr in meinem Leben, an das ich mich so schlecht/so unklar zurück erinnern kann.

Auch was die Monatswäsche/die Binden betrifft…..das ist genauso abgelaufen. Wir hatten noch Stoffbinden und mussten um jede frische Binde nachfragen.

Woran ich mich auch noch erinnere, dass ich einmal zur Strafe – keine Ahnung mehr, was ich angestellt habe – über Nacht den Holzboden des Aufenthaltsraumes, ein riesiger Raum, „spändle“/spänen und wichsen musste….ich erinnere mich auch nur noch vage an eine ziemlich einsame Nacht, eine Nacht wohl voller Verlassenheit und Ohnmacht….

Das Essen war übrigens auch miserabel…..sodass ich es oft einfach herunterwürgen musste. Denn das Essen wurde beaufsichtigt/kontrolliert. Man musste alles essen, was auf dem Teller war…..

Jaja, das waren eigentlich auch eine Art von Misshandlungen, einfach nicht so offensichtliche wie 10/20 Jahre früher, aber eben auch sehr perfide und prägend.....
Bice
 
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Re: Mein Jahr in Rathausen 1962/63

Beitragvon Hoss » 21.09.2015, 15:45

Hallo
Ich habe Ihre Zeilen vom Jahr in Rathausen gelesen. Ich (wir) waren auch zu dieser Zeit in Rathausen. Mein Bruder ging auch zu Herr Gehrig in die Schule. Ich war in der 1. Klasse und meine Schwester in der 3. Klasse. Schwester Sixta war in unserem Pavillion. Wir waren 4 Jahre in Rathausen unter der Führung von Herr Rüttimann.....
Hoss
 
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