Kinderheime in der Schweiz Historische Aufarbeitung

unter Einbezug von Berichten ehemaliger Heimkinder, Zeitzeugen, Akten, Bildquellen und Literatur. Ein Projekt der Guido-Fluri-Stiftung. Projektleitung: Dr. Thomas Huonker

Vom 1978 bis 1884 von Dora Casaulta verprügelt worden

Vom 1978 bis 1884 von Dora Casaulta verprügelt worden

Beitragvon Linda » Di 4. Jun 2013, 17:29

Wie man an meiner rechtschreibung sieht, hat man schulisch auch nichts gelernt im schulheim erika.
Wir waren ca 4 interne kinder wo dort wohnten plus in die schule gingen.. alles ein haus ein gefängniss ein horror machtlosikeit schmerz..plus eine betreuung (teufel) die mir liebevoll TANTE DORA nennen mussen.
Mal so ein tagesablauf..nur ausschnitte.....
Jedes wort wurde mit einem bleistiftstift ins hirn geprügel das man falsch geschrieben hat...
Wen es beim rechnen nicht klapte, hielt (tante dora) eim an den haaren und mit der andere hand prügelte sie auf einem ein...so lang bis sie nur noch haare in der hand hatte...ich hatte viele haarlose stellen.
Ich war KEIN aufmüpfiges kind..ich war ruhig und froh wenn ich nur die tage überlebte....mein fehler war...das ich schulisch sehr schlecht war...und tante dora ihr prinzip war..nur gymmi und sek kinder zu entlassen...
Was auch standart war das man im kleinen wc nicht mal 1 m2 gross übernachten musste..wasser hatte es zum trinken..und mit der eigener zahnbürste musste man das wc putzen. Im wc hatte es ein kleines fenster wo man am tag tageslicht hatte..und in der nacht wurde eim die birne rausgeschraubt...das man ja angst hatte und natürlich ganz klar war das man in dieser zeit nichts zuessen bekam.
Diese sind par beispiele, aber ich könnte noch viel mehr erzählen.
Was mich sehr wütent macht..woooooo war die kontrolle von der IV und GEMEINDEN die die schule bezahlten ..ging doch allen am arsch vorbei wie es einem dort ging...und ich weiss mit sicherheit das 1990 noch immer kinder dort gequält wurde..vielleicht auch länger......
Linda
 
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Re: Vom 1978 bis 1884 von Dora Casaulta verprügelt worden

Beitragvon Zorba » Di 4. Jun 2013, 20:14

Hallo Linda

Ich finde es so gut, dass Du hier schreibst, und dass Du den Mut hast, auch zu Deiner Rechtschreibeschwäche zu stehen.
Auch im Schillingsrain in Liestal wurden die Jugendlichen zum Teil auf der Stufe der sechsten Klasse mit 15 Jahren entlassen. Auch ich war in der Rechtschreibung nicht gut und habe auch viel darunter gelitten. Toll war, dass eine Erzieherin mich immer eine Stunde vor den anderen weckte und mit mir ein Buch lass und das freiwillig. Aber leider war das Buch viel zu kompliziert und es hat mir nicht viel gebracht. Ich habe dann mit 20 Jahren deutsch Kurse besucht und ging zu einer alten Frau für Lesestunden.
Jetzt geht es einigermassen.
Was Du erlebt hast ist wirklich grauenhaft und kein Mensch weiss, was das in Dir ausgelöst hat.
Es tut mir leid, wenn ich sage, dass man mit so einer Jugend das ganze Leben lang bestraft bleibt. Ich glaube nicht, dass man da seine eigenen Bedürfnisse überhaupt noch wirklich wahrnehmen kann und so mit sich umgeht, dass man gut zu sich ist. Kann man sich so noch lieben?

Es ist ja schlimm nicht Zuhause aufzuwachsen, aber noch viel schlimmer ist es keine Liebe und Wärme zu bekommen. Ein Mensch ohne Wert zu sein macht uns zu Fremdlingen in dieser Welt. Auch ich habe noch heute eine riessen Wut gegenüber autoritären Personen. Ich würde noch heute lieber sterben als mich jemandem zu unterwerfen.
Schlimm ist ja schon was man als Kind erlebet hat, aber was man danach noch alles erleben muss, macht das Ganze sicher nicht besser.
Ich kam nach meiner Entlassung in Drogenkreise, da es eigentlich die einzigen Menschen waren, die mich so genommen haben wie ich war. Danach wurde ich religiös was ich fast 20 Jahre blieb. Aber auch dieses war nur eine Möglichkeit mir im Leben einen Wert zu geben und einen Halt zu haben.
Eigentlich könnte ich heute der glücklichste Mensch sein. Ich hatte viel Glück und meine Fähigkeit zu leiden und mit mir hart zu sein, hat mir ermöglicht, dass ich erfolgreich ein Geschäft aufbauen konnte. Aber wie gesagt, meine Bedürfnisse auszuleben ist etwas was ich heute noch nicht kann. Ich mache lieber etwas für andere als für mich.

Man wird immer und immer wieder von den alten Sachen eingeholt. Es ist ja nicht alleine das Heim, sondern was einem alles darum noch fehlt.
Schlimm fand ich, dass ich immer so viel von mir erwartete und mir dadurch das Leben fast zur Hölle machte.
Sicher gibt es irgendwo eine Gerechtigkeit. Nicht im Sinne von Gott, (da erwarte ich nichts) aber die Fähigkeit zu Fühlen und das Leben zu sehen, schenkt einem Augen und Sinne, die viele Menschen nicht haben.

Auch keine Angst zu haben ist ein Geschenkt.
Frei ist der, der nichts mehr zu verlieren hat und ein ist sicher, dass wir viel verloren haben.
Ich habe lange unter der Einsamkeit gelitten, aber heute kann ich Frieden darin finden.
Ich bin enttäuscht vom Menschen und ich sehe ihn als relativ beschränktes Wesen, dass eigentlich nur die Fähigkeit besitzt seine eigene Bedürfnisse zu befriedigen und das ist etwas was wir nicht können, warum wir immer fremd auf dieser Welt sein werden.

Alles Liebe
Zorba
 
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Re: Vom 1978 bis 1884 von Dora Casaulta verprügelt worden

Beitragvon Linda » Di 4. Jun 2013, 22:16

Liebe Zorba
Hey finde ich cool das du mir geschrieben hast. und von deinem schreiben und einfühlung musst du einiges erlebt haben. ich habe festgestellt das mir viele ändlichkeiten haben...
Wie...
Mich lieben..nein...ich fühle auch nichts..
Hat zwar auch sein gutes...mich kann man nicht verletzen, ich habe keine probleme. Ist noch nichts schlimmer gsie als das erlebte....(aussert meinen kinder würde was geschehen.)
Ich unterwerfe mich auch nie....
Bin auch in die droge abgestürzt...
Habe auch ein eigenes geschäft aufgebauen.

Wie hast du es? Wie schaffst du das mit der wut zu handhaben?

Was meine alten wunden wieder richtig aufgerissen hat...als ich erfahren habe das die dora casaulta vor ca 1 monat gestorben ist. Was mich sau wüten gemacht hat..ist das ich nie bei ihr vorbei bin und sie die treppe herunter gestossen habe....leider habe ich das immer auf später verschoben..und jetzt ist es zuspäht....
Linda
 
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Re: Vom 1978 bis 1884 von Dora Casaulta verprügelt worden

Beitragvon Zorba » Mi 5. Jun 2013, 10:21

Liebe Linda

Ja, es ist so wahr, dass das Erlebte unser Wahrnehmungsart sehr stark beeinflusste.
Es ist ja nicht so, dass die meisten von den Heimkinder von Ihren Eltern geliebt wurden. Sie waren schon von klein auf traumatisiert. Was für mich heisst, dass sie schon unterbewusst wussten, dass es niemand auf dieser Welt gibt, der zu einem steht. Das waren schon Kinder, die sehr tief in ihrem Wesen misstrauend waren. Ja, haben wir nicht aus diesen Augen all diese Übermenschen, die alle Gewalt über uns hatten, angesehen. Sie waren so unendlich weit weg von unser leidenden Seele.
Die Sehnsucht nach Geborgenheit, hat mich Jahrzehnte gequält. Es gab aber kein Heilmittel dazu und es wird es auch nie geben. Ja, die Therapeuten meinen, dass man diese Probleme lösen kann, aber etwas was verkümmert war, kann nie mehr so werden, wie es hätte sein können.
Ich erwarte keine Gerechtigkeit und ich bin mir bewusst, dass es auch viele Kinder gab und gibt, die auch ohne Heim grauenhaft aufwachsen mussten und immer noch müssen.
Etwas nie gehabt zu haben schafft einem das Problem, dass es einem fehlt und man sucht danach. Ich musste aber nach vielen Jahren einsehen, dass es dieses nicht mehr zu finden gibt. Denn das was einem fehlt, kann man als Kind bekommen und aufnehmen. Nachher gibt es dieses Liebesverhältnis zwischen Menschen so nicht mehr. Tönt sich irgendwie komisch, aber als Erwachsener ist man dem Partner eine Belastung, wenn man Geborgenheit sucht, die man eigentlich als Kind hätte bekommen müssen. Das heisst für mich, dass mit so einer Vergangenheit es sehr schwierig hat, beziehungsfähig zu sein.
Ich habe zuwenig über meine Chromosomen gesagt und daher war nicht erlesbar, das ich ein XY bin:-) also war ich in einer Knabenerziehungsanstalt.
Sorry, für das Missverständnis aber ich denke es ist nicht so wichtig.

Die Frage wegen der Wut ist eigentlich berechtigt. Dies obwohl man immer wieder meint, dies nicht mehr zu haben.
Aber sie ist halt immer noch hier. Sie zeigt sich immer wieder dort, wo man in die Muster, welche man im Heim erlebt hat, kommt. Das kann heissen, dass man missachtet wird oder ausgenutzt wird. Man spürt dann wieder die Wehrlosigkeit, welche man als Kind ausgesetzt war und die Ohnmacht, welche man dazumal empfand kommt dann wieder zum Vorschein. Es ist dann auch schwierig sich aus diesen Situationen zu befreien, da man aus einer Schuldsituation heraus agiert.
Wirklich schlimm empfand ich in meinem Leben, dass mich gewisse Sachen immer wieder eingeholt haben und sich Verhaltensmuster die ich an mir erleben musste, plötzlich auch bei mir zum Vorschein kamen. Das ist etwas, dass mich sehr schmerzt.
Ich bin jetzt 53 und ich habe vor 2 Monaten mein Geschäft meinem besten Mitarbeiter übergeben. Ich bin jetzt "frei"
Natürlich habe ich über Jahre viel zu viel Verantwortung auf mich genommen und viel zu wenig für mich geschaut. Ich bin jetzt ein wenig ausgebrannt. Ich hoffe aber, dass ich es wieder schaffe Ruhe zu finden und mich nicht mehr verantwortlich zu fühlen. Die Welt ist von mir ausgesehen krank und auf eine Art schäme ich mich überhaupt ein Mensch zu sein. Aber es ist wie im Heim, es ist ja niemand da, der den Menschen in seiner Macht einschränkt und so kann er mit dem ihm Anvertrauten machen was er will.
Es brauchte viel zu lange Zeit, bis ich "verstanden" habe wer ich bin und ich habe so viel falsch gemacht, weil ich nicht verstanden habe warum ich so bin wie ich war.
Wenn man nach dem Sinn des Lebens sucht, lebt man eigentlich nicht. Man muss den Sinn (das Sein) leben und der wird einem von den Nächsten vorgelebt und gegeben. Man hat dann nur soviel davon, wie man von ihnen an Liebe und Geborgenheit bekommen hat.

Ich denke auch, dass es wirklich schlimm war, was man uns unschuldigen Heimkindern angetan hat und wenn sich heute so viele betroffen zeigen, so ist es für mich wenig glaubhaft. Ich denke dann immer, dass wenn diese Menschen in der Situation wären sie das genau gleich gemacht hätten. Es gibt wenig Menschen, die die Fähigkeit haben, auch Menschen zu lieben die nicht von ihrem Fleisch sind. Auch werden heute neu Systeme entwickelt, wie man Menschen an den Rand stösst. Wenn Kinder heute eine andere Wahrnehmungsart haben wie die grosse Anpassergesellschaft, werden sie mit Störungsarten, welche fortlaufend definiert werden, diagnostiziert und mit Medikamenten voll gestopft.
In 30 Jahren wird man erkennen, dass man diesen Kinder unrecht getan hat und dies nur, weil man heute nicht fähig ist, sich auf eine andere Wahrnehmungsart einzustellen und dem entsprechend die Situationen anpasst. Dies alles weil die Mensch schlussendlich einfach dumm sind oder vielleicht auch dumm gehalten werden.

Ich schäme mich ein Mensch zu sein.

Sorry ist ein wenig lang, aber es sind diese Sachen, die mich fortwährend beschäftigen.

Alles Liebe

PS:

Das ist ein Gedicht, welches ich anhand eines Fotos aus meiner Heimzeit schrieb. Meine Mutter kam mich als 6 jährige Zögling besuchen.

Heimkind

Ich seh ein Kind auf einem Bild,
Traurig seine Augen sind.
Seine Mutter ist gekommen,
mit dem Schein dieser Welt.

Ohne Makel.
Es ist für das Bild.
Auf dem Schoss ihr Kind.

Das Kind von Trauer erfüllt.
In Einsamkeit gedrängt,
so verlassen seine Augen sind.

Wer könnt sonst noch sehen,
wie verzweifelt dieses Kind?
Vom Nächsten verlassen
und die Andern ohne Herz.
Wer sollte sein Schreien noch hörn?

Ohne Hoffnung,
Ergeben der Willkür Macht.

Sein Weinen.
Hörst Du es nicht?
Warum siehst Du nicht,
wie verlassen dies Kind?

Keine Kraft mehr in seinen Augen.
Wehrlos auf Deinem Schoss.

Mutter, siehst Du mein Dunkel nicht?
Zorba
 
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