Marlies Birchler

lebte unter anderem im Waisenhaus Einsiedeln, in verschiedenen Anstalten und Pflegeplätzen.


Interview mit Marlies Birchler (* 1.1.1950) vom 29. Januar 2015.

Mit Marlies Birchler wurde am 29. Januar 2015 (107 Min.) ein Gespräch geführt mit einem Nachtrag vom 5. Februar 2015 (43 Min).

Marlies Birchler, geboren am 1. Januar 1950, ist im Waisenhaus Einsiedeln, in weiteren Heimen, Anstalten und Pflegeplätzen aufgewachsen. Vor allem im Waisenhaus Einsiedeln litt sie unter den harten Strafen (Schläge, Einsperrung) und der religiösen Einschüchterung durch die dort tätigen Ingenbohler Schwestern. Nur wenige von ihnen hatten einen sanfteren Umgang. In den Heimen und Pflegeplätzen musste sie hart arbeiten. Ihr Leben blieb geprägt von diesen Erfahrungen (Suizidversuch, Depressionen). Sie konnte dank therapeutischer Hilfe und grossen persönlichen Anstrengungen nachträglich eine Ausbildung und ihr Berufsleben absolvieren. Ihr Bruder wuchs ebenfalls im Waisenhaus Einsiedeln auf und wurde später bei einer Bauernfamilie verdingt. Er war in Kontakt mit der Drogenszene, kam in eine psychiatrischen Anstalten und beging schliesslich Selbstmord. Betreffend Finanzen ist es sehr erstaunlich, dass Frau Birchler nach Erreichen der Volljährigkeit eine Rechnung über mehrere tausend Franken an die Vormundschafts­behörde Einsiedeln zahlen sollte, obwohl diese ja den Lohn ihrer Arbeit als Büglerin in einer Anstalt eingezogen hatte. Sie wehrte sich zwar, musste aber trotzdem einen Teilbetrag zahlen.

«Ca. im neunten Lebensjahr wurde ich gegen Pocken geimpft. Darauf reagierte ich heftig. Voraus­zuschicken ist, dass wir jeden Morgen mit dem Ruf «In Gott’s Name ufgschtande» im Schlafraum von der Nonne geweckt wurden. Das hiess für uns auch, sofort aus dem Bett zu steigen und auf den Boden knien, um gemeinsam das Morgengebet zu sprechen. So wie ich auf dem Boden kniete, wurde es mir schwarz vor den Augen. Ich rief noch “Ich werde blind!” und brach zusammen. Ich hatte sehr hohes Fieber, wie mir gesagt wurde, eine Reaktion auf die Impfung. Währenddem ich sehr geschwächt im Bett lag, besuchte mich ein Mädchen und verriet mir, dass sie für mich beten müssen, weil ich vielleicht sterben werde … «Aber sage es niemandem, dass ich es dir gesagt habe.» Das beeindruckte mich in meinem Zustand überhaupt nicht. Das wäre mir so egal gewesen. Nur, ich hatte mich wieder aufgerappelt. Da tönte es später von der Nonne: «Es wäre besser gewesen, wenn du gestorben wärst. Man weiss ja nicht was aus dir wird.” Ein wirklich aufstellender Kommentar für ein Kind!»

Quelle: Notizen von Marlies Birchler, Bewohnerin des Waisenhauses Einsiedeln in den Jahren 1952-1963